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Psychologie Oversharing: 6 mögliche Gründe, warum Menschen zu viel von sich preisgeben

Psychologie: Ein Paar geht spazieren
© Jacob Lund / Shutterstock
Wenn Menschen nahezu fremden Personen intime Details aus ihrem Leben erzählen, empfinden wir das tendenziell als unangemessen und viele Betroffene tun das unbewusst. Welche psychologischen Ursachen hinter dem Phänomen Oversharing stecken können, liest du hier.

Ob wir mit dem Kassierer im Supermarkt über unsere Verdauungsroutine reden, beim Businesslunch die Erektionsprobleme unseres Liebsten analysieren oder einem Flirt beim Feiern erklären, wie die Scheidung unserer Eltern unser Bindungsverhalten geprägt und welche Schwierigkeiten uns das in früheren Beziehungen bereitet hat – in all diesen fiktiven (aber nicht unmöglichen) Fällen können wir uns wohl darauf einigen, dass wir es mit Oversharing zu tun hätten. Too much information für die jeweilige Situation beziehungsweise Personenkonstellation. Doch wo genau verläuft eigentlich die Grenze? An welchem Punkt wird Offenheit zu Oversharing? Und was bringt Menschen dazu, ihn zu überschreiten?

Oversharing ist subjektiv

Tatsächlich ist die Grenze zwischen Offenheit und Oversharing weder besonders klar noch fix. Sie verschiebt sich mit der Zeit, variiert von Gesellschaft zu Gesellschaft. Während es vor zehn Jahren zum Beispiel nahezu tabu war, über psychische Probleme zu sprechen, feiern wir heute Menschen dafür, dass sie es tun – vor Tausenden von User:innen bei Instagram. Menstruationsbeschwerden? Hätte in den Neunzigern wohl kaum eine Frau offen drüber gesprochen. Heute melden sich einige ausdrücklich aus diesem Grund bei ihrem:r Vorgesetzten krank. 

Ein Stück weit scheint es also willkürlich zu sein, was wir als zu offen empfinden, zudem mag es individuelle Unterschiede geben. Die meisten Menschen haben ein Gefühl dafür, was sie in einer bestimmten Situation mit anderen teilen können und was sie besser für sich behalten. Oftmals hilft uns auch die Reaktion unseres Gegenübers bei der Orientierung. Doch manchmal meldet sich dieses Gefühl eben erst hinterher, wenn es zu spät ist und der Kassierer bereits alle Einzelheiten über den Verdauungsvorgang kennt. Eine Studie von Wissenschaftler:innen der University of Edinburgh sowie der Northwestern University in Illinois zeigte übrigens,  dass ältere Menschen eher zu Oversharing neigen als jüngere Erwachsene.

Laut der Psychotherapeutin Amy Morin bringen am häufigsten folgende Gründe Menschen dazu, mehr von sich preiszugeben, als viele andere (und rückblickend oft auch sie selbst) als angemessen empfinden.

6 mögliche Gründe für Oversharing

1. Ein trügerisches Gefühl von Intimität

Eine klassische Situation, in der viele Menschen sehr persönliche Dinge mit einer eher fremden Person teilen, ist der Friseurbesuch. Laut Amy Morin vermittelt die körperliche Nähe – die:der Friseur:in massiert uns schließlich den Kopf – ein Gefühl von Intimität, das uns dazu verleitet, uns zu offenbaren. Ob wir unserer:m Friseur:in bei einem Kaffee genauso viel anvertrauen würden, wäre demnach fraglich.

2. Bei Fremden ist doch egal, was sie denken

Manche Menschen erzählen Wildfremden die intimsten Dinge, zum Beispiel dem Sitznachbarn auf einer Flugreise oder dem Mädel auf der Liege neben sich am Strand. Warum auch nicht, wenn sie sie mit hoher Wahrscheinlichkeit nie wieder sehen? Es hat schließlich etwas Befreiendes, sich hemmungslos mitzuteilen und sich alles von der Seele zu reden. 

3. Verlegenheit

Manchmal verleiten unangenehme Situationen oder Spannungen in einer eher unpersönlichen Beziehung Menschen dazu, sie durch Oversharing zu kompensieren. Wenn es beispielsweise in einem kollegialen Verhältnis etwas ruckelt, mag eine:r der Beteiligten dem:der anderen etwas Privates anvertrauen, um die Beziehung zu verbessern – nicht bewusst mit dieser Absicht, sondern intuitiv. Kann gut gehen oder böse enden. 

4. Schwierigkeiten mit Grenzen

Wie gesagt: Die Grenzen zwischen Offenheit und Oversharing sind schwammig. Letztendlich müssen wir daher selbst welche für uns finden, wobei wir uns an unseren Mitmenschen und deren Feedback uns gegenüber orientieren können. Wer allerdings generell Probleme damit hat, persönliche Grenzen zu ziehen, kann laut Amy Torin oft auch nur schwer entscheiden, gewisse Dinge über sich nicht mit anderen zu teilen.

5. Einsamkeit

Oft sei Oversharing laut der Therapeutin der Versuch, Kontakt und Bindung zu anderen Menschen herzustellen, und eine Reaktion auf Einsamkeit. Wenn ein Mensch keine Freund:innen oder Familie hat, mit denen er über persönliche Dinge reden kann, teilt er sie mit fremden Personen und erhofft sich dabei unterschwellig vielleicht Nähe.

6. Erwiderung 

Nicht selten reagieren Menschen mit Oversharing auf Oversharing – aus Empathie oder Unbehagen, wenn ihnen jemand etwas Persönliches über sich erzählt, ziehen sie nach, um ihrem Gegenüber (und sich selbst) ein gutes Gefühl zu geben.

Wie gehen wir mit Oversharing um?

Wenn wir nicht gerade ein Statement damit setzen und ein Tabu brechen wollen, geschieht Oversharing meistens unbewusst – und ist uns hinterher unangenehm. Schließlich möchten wir in der Lage sein, selbst zu entscheiden, wem wir was über uns erzählen. Zudem kann Oversharing negative Konsequenzen für uns haben oder Symptom eines schwerwiegenden Problems sein (wenn es beispielsweise Ausdruck von Einsamkeit ist). Sollten wir bei uns selbst beobachten, dass wir unkontrolliert sehr viel von uns preisgeben und uns das hinterher zu schaffen macht, wäre es daher auf jeden Fall sinnvoll, nach den Gründen für unser Verhalten zu suchen und an ihnen zu arbeiten. Erkennen wir Oversharing bei anderen Personen, ziehen wir uns am einfachsten mit einem Themenwechsel aus der Affäre – oder wir hören einfach mal, ohne zu urteilen, zu.

Verwendete Quelle: psychologytoday.com, sciencedaily.com

sus Brigitte

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