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Psychologie Selbstreflektieren, achtsam sein, Grenzen setzen: Können wir den Emo-Hype auch übertreiben?

Psychologie: Eine Frau sitzt auf einem Berg und denkt nach
© raisondtre / Adobe Stock
Mentale Gesundheit ist in unserer Gesellschaft derzeit ein großes Thema. Aber ist das überhaupt gesund? Oder könnte es sein, dass wir damit Probleme überhaupt erst herbei reden, die es eigentlich gar nicht geben müsste? Unsere Autorin weiß es nicht – hat jedoch eine Meinung.

Prominente Menschen sprechen über ihre Depressionen, Essstörungen und Süchte. Unterschiedlichste Medien klären darüber auf, was Gaslighting ist, welche unbedacht dahin gesagten Sätze andere Menschen verletzen, verunsichern, unterdrücken oder aus der Bahn werfen könnten und welche scheinbar harmlosen Verhaltensweisen Anzeichen für ein Trauma sein mögen. Wir können zwischen Podcasts wählen, die uns über handfeste psychische Störungen aufklären, und solchen, in denen wir lernen, achtsam und bewusst mit unseren Gefühlen zu leben. Außerdem gibt es von Mental-Health-Apps über gebundene Journals bis hin zu Video-Coachings diverse Angebote, die uns bei der aktiven Arbeit an unserer mentalen Gesundheit unterstützen, und Diskussionen darüber, ob nicht grundsätzlich jeder Mensch zumindest einmal zu einer psychotherapeutischen Beratung gehen sollte.

In deutschen Hausarztpraxen gewinnt das Thema Mental Health seit einiger Zeit ebenfalls an Prominenz. Die Statistiken der Krankenkassen zeigen jedenfalls: Arbeitsausfälle aufgrund von psychischen Erkrankungen sind heute sehr viel häufiger als vor einigen Jahren. So erfasste die DAK im Jahr 2010 pro 100 Versicherten gerade einmal knapp 170 Ausfalltage aus psychischen Gründen, im Jahr 2020 waren es stolze 265 (und das war keine Ausnahme, weil es das erste Corona-Jahr war, 2019 waren es auch schon 260). Mit Blick auf andere gesundheitsbedingte Ausfallgründe oder den Krankenstand insgesamt sehen wir keine vergleichbare Entwicklung. Der Anteil an psychischen Erkrankungen als Grund für Fehlzeiten hat ganz klar zugenommen.

Warum das so ist, sagen uns die Statistiken nicht. Wir können raten: Vielleicht nutzen Ärzt:innen die Diagnose "psychisch bedingt" heute öfter, weil sie furchtbar im Stress sind und diese Variante für sie der einfachste Weg ist, jemanden als arbeitsunfähig auszuweisen. Vielleicht haben sie weniger Hemmungen als früher, sie zu stellen. Vielleicht haben Patient:innen weniger Hemmungen, ihre Beschwerden ehrlich zu benennen. Vielleicht haben sowohl Ärzt:innen als auch Patient:innen die Psyche heute mehr auf dem Schirm und berücksichtigen sie als Bestandteil unserer Gesundheit. Vielleicht haben psychische Erkrankungen tatsächlich zugenommen. Wir wissen es nicht. Wir wissen nur: Psychische Probleme sind in unserer Gesellschaft offenbar verbreiteter und/oder präsenter als in der Vergangenheit. Gut also, dass wir öffentlich darüber reden. Oder?

Alles zu zerpflücken ist manchmal kontraproduktiv

Ausgehend von meiner persönlichen Erfahrung möchte ich zu bedenken geben, dass über etwas zu sprechen oder sich damit intensiv zu beschäftigen, nicht immer hilft. Manchmal kann es geradezu zerstörerisch sein und aus einem kleinen Schlagloch einen riesigen Abgrund machen. Wie oft hatte ich in meinem Leben schon komische Tage, an denen ich in einer schlechten Stimmung war, dann aber nur darüber schlafen musste, um entspannt und fröhlich aufzuwachen. Und wie oft hätte ich genau solche Tage haben können, wenn ich diese Stimmung nicht aufgegriffen, zerdacht und zu einem mich über Wochen begleitendem Problem gemacht hätte?

Viele Menschen kennen zudem dieses Phänomen: Googeln sie irgendwelche körperlichen Symptome, die sie an sich zu beobachten meinen, können sie sich ganz schnell einbilden, drei unheilbare Krankheiten gleichzeitig zu haben. Haben sie in den meisten Fällen nicht, wie die Statistiken der Krankenkassen zeigen, aber für eine Zeit existiert diese furchtbare Vision in ihrer Vorstellung. Möglicherweise haben wir es im Bereich psychischer Probleme mit einem ähnlichen Phänomen zu tun: Je mehr wir darüber wissen und nachdenken, je mehr Aufmerksamkeit wir ihnen schenken, umso größer und präsenter werden sie. Und umso mehr Fehlzeiten gehen auf ihre Kappe.

Immerhin verfügen wir als menschliche Wesen von Natur aus über gewisse psychische Bewältigungsfähigkeiten, ohne dass wir dafür etwas tun müssten. Unser Gehirn hat im Laufe der Evolution erstaunliche Systeme entwickelt, die es uns ermöglichen können, mit schwierigen Umständen wie Verlust, Misserfolg, Hunger, Überforderung, Ohnmacht und dergleichen umzugehen und unser Leben gesund weiter zu führen. Der Psychologe Doktor Leon Windscheid, der zwar einerseits in Podcasts und Büchern über Psyche, Gefühle und Co. aufklärt, andererseits aber nicht grundsätzlich jeder Person empfehlen würde, unbedingt einmal zur Therapie zu gehen, sagt daher gelegentlich in Interviews oder Podcasts: "Der Mensch ist ein zähes Tier." Da ist sicher etwas dran. Insofern besteht kein Grund zur Sorge: Selbst wenn wir es mit unserem Gerede und Fokus auf die mentale Gesundheit und Psyche derzeit manchmal vielleicht ein wenig übertreiben – halb so wild, als zähes Tier können wir das ab. 

Übertreiben wir denn überhaupt?

Genau genommen ist es überhaupt nicht neu oder modern, dass sich Menschen über Gefühle und andere Phänomene der menschlichen Psyche Gedanken machen und diese Gedanken der Öffentlichkeit preisgeben. Antike Philosophen, Minnesänger und romantische Dichter haben das auch getan, zum Teil sehr exzessiv. An irgendeinem Punkt in der Vergangenheit, vielleicht unter dem Eindruck gewisser kritischer Schriften über die Vernunft oder Sätze wie "Ich denke, also bin ich", scheinen allerdings Berührungsängste und Scham gegenüber emotionalen und psychischen Befindlichkeiten entstanden zu sein, zumindest in der deutschen Kultur und Gesellschaft. So war es in der Generation unserer Eltern und Großeltern eher unüblich, über derartige Befindlichkeiten zu sprechen. Probleme zu haben, nicht klarzukommen oder gar Hilfe zu benötigen, wenn man körperlich gesund war, galt als schwach. Sonderbar. Peinlich. Verrückt. Tabu. Deshalb hat man eher geschwiegen. Und so haben wir nun wahrscheinlich, ähnlich wie etwa bei Sexualität oder Rassismus, besonders großen Redebedarf. Jedenfalls wäre das verständlich.

Oft stehen Schweigen und Tabuisierung einer gesellschaftlichen (Weiter-)Bildung und Aufklärung im Weg. Schließlich blockieren sie einen Austausch und Informationsfluss. Im Bereich der Psychologie hat sich in den letzten paar Jahren allerdings einiges getan. Nicht dass das jetzt der große Newsflash wäre, aber: Leiden, die noch im letzten Jahrhundert mit Elektroschocks therapiert wurden, behandeln Expert:innen heute mit Gesprächen und gegebenenfalls in Pillen gepressten, gezielt hergestellten und geprüften Wirkstoffen. Das ist schon bemerkenswert. Emotionen, die lange Zeit als lästige, irrationale Störfaktoren galten, begreifen Wissenschaftler:innen mittlerweile als sinnvoll. Sie können erklären, wie sie entstehen, was sie bewirken und welche Rolle sie für unser Leben und Überleben spielen. Eine ganze Menge ist mittlerweile bekannt darüber, welche Systeme im Gehirn immer wieder in einen Konflikt geraten können und warum das zwar unangenehm, aber doch von Vorteil ist. Und es besteht heute keinerlei Zweifel mehr daran, dass das psychische Befinden eines Menschen für seine Gesundheit und Lebensqualität nicht weniger relevant ist als das körperliche. Genau genommen ist beides kaum voneinander zu trennen. Allerdings hat sich das noch nicht genug herumgesprochen.

Psychische Gesundheit wird weniger ernst genommen als körperliche

Während der Coronapandemie hat es Monate gedauert, ehe Medien und Politiker:innen die psychischen Folgen von Isolation und Lockdown überhaupt bedacht haben. Habe ich tagelang Lidzucken, soll ich laut augenaerzte-bern.ch, der von Google top gerankten Quelle zu "Lidzucken", lieber einmal zu einer:m Ärzt:in gehen, um "ernst zu nehmende" Ursachen ausschließen zu lassen – gemeint sind damit organische Erkrankungen im Gegensatz zu Überlastung, Schlafmangel, Stress und einem ungesunden Lebensstil. Denn Letzteres ist ja ach so harmlos. Dies sind nur zwei von unzähligen Beispielen, die zeigen: Die mentale Gesundheit hat in unserer Gesellschaft nach wie vor einen anderen, niedrigeren Stellenwert als die körperliche. Es besteht also offensichtlich noch Rede- und Aufklärungsbedarf – denn diese Bewertung ist mindestens fragwürdig. 

Fazit

Meiner Meinung nach muss sich kein Mensch mit Gefühlen oder mentaler Gesundheit auseinandersetzen, der das nicht möchte und den diese Themen nicht interessieren. Indes könnte ich mir vorstellen, dass viele Menschen einiges Wertvolles über sich und andere lernen können, wenn sie sich dafür interessieren und damit beschäftigen. Wünschen würde ich mir jedenfalls, in einer Gesellschaft zu leben, in der die Tatsache, dass ich ausreichend Obst und Gemüse esse oder Rückenübungen mache, genauso gesehen und eingeordnet wird, wie die, dass ich bewusst Nein sage, Wert auf meine Pausen lege oder eine Mental-Health-App nutze. In der ich mich genauso selbstverständlich krank melden mag, wenn ich keine Entscheidungen treffen kann oder jeden Abend grübelnd im Bett liege, wie wenn ich Schnupfen oder Fieber habe. In der ich genauso gut, respektvoll und professionell versorgt werde, wenn ich ständig traurig bin oder jeden Konflikt mit einem Essanfall löse, wie wenn ich Gallensteine oder einen auffälligen Leberfleck habe.

Für mein Empfinden wäre das eine moderne, aufgeklärte, menschenfreundliche und wertschätzende Gesellschaft, in der ich mich bestimmt sehr wohl und entspannt fühlen könnte. Vielleicht irre ich mich auch, das weiß ich nicht – denn aktuell, so mein Eindruck, ist unsere Gesellschaft nicht auf diesem Stand. Ich fände es schön, wenn wir ihn gemeinsam anstreben würden, zumindest um einmal auszuprobieren, wie das ist. Dass das Thema Mental Health derzeit einen gewissen Hype erfährt, sehe ich daher überhaupt nicht als Problem oder Bedrohung, sondern vielmehr als einen natürlichen, plausiblen Schritt in einer wünschenswerten Entwicklung. Im schlimmsten Fall übertreiben wir es meinetwegen eben – immer noch interessanter, als zu schweigen. Denn: Vielleicht war auch das lange Schweigen ein Grund für den besagten Trend in den Statistiken der Krankenkassen.

Verwendete Quellen: dak.de, augenaerzte-bern.ch

Brigitte

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