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Psychologie Psychologin verrät: Warum du dein Leben als eintönig empfindest – und was hilft

Andrea Patzer: Geschaffte Frau liegt auf der Couch
© fizkes / Shutterstock
Ausgangssituation: Das Leben ist so eintönig geworden. Weil alles Routine ist. Weil echt mal wieder was passieren könnte. Aber was? Die Alpenüberquerung oder eine Übernachtung im Wald ist jedenfalls nicht die Lösung, sagt die Hamburger Psychologin und Psychotherapeutin Andrea Patzer.

Frau Patzer, seit vielen Monaten läuft der Alltag gefühlt auf Sparflamme. Manche kämpfen mit dem Gefühl von Langeweile. Was kann da helfen?

ANDREA PATZER: Das Gefühl von Langeweile entsteht, wenn wir zu wenig Sinn empfinden. Corona kann da ein Katalysator sein. Muss aber nicht.

Wovon hängt das ab?

Ich kenne eine Frau, die klöppelt für ihr Leben gern. Wenn sie klöppelt, ist sie glücklich. Auch die Corona-Krise ändert daran nichts, denn sie hat ja eine Leidenschaft, die sie trotzdem ausleben kann. Das ist für manche Menschen schlicht nicht so. Zum Beispiel alle, die viel Energie aus dem Kontakt mit anderen Menschen ziehen. Und da ist in den vergangenen Monaten natürlich viel weg-gefallen.

Und dann entsteht das Gefühl von Langeweile?

Das kann zumindest passieren. Aber man muss natürlich nicht bei diesem Gefühl stehen bleiben. Viktor Frankl, der berühmte Neurologe und Begründer der Logotherapie, die Menschen bei der Sinn-Findung in ihrem Leben hilft, hat es sehr treffend formuliert: Das Leben hat einen Sinn. Aber es ist die Aufgabe jedes einzelnen Menschen, diesen Sinn für sich zu finden. Derzeit sind viele aufgefordert, sich noch mal neu auf die Suche zu machen.

Ist Langeweile also nicht gleichzusetzen mit zu wenig Abenteuer?

Überhaupt nicht. Manche Menschen haben in der Situation der letzten Monate beispielsweise erst entdeckt, dass sie viel mehr Sinnhaftigkeit empfinden, weil alles einen Gang runtergeschaltet ist. Sie haben vielleicht wieder angefangen, mehr zu lesen, ein Musikinstrument zu lernen, oder anderen Menschen geholfen. Wenn wir Tätigkeiten und Interessen nachgehen, die uns im tiefsten Herzen berühren, dann fühlen wir uns auch mit der Welt verbunden, und dieses Erleben gibt uns Sinn. Langeweile zeigt an, wenn wir den Kontakt zu diesen Dingen verloren haben.

Die Langeweile verschwindet nicht automatisch, wenn ich mein Leben aufregender gestalte?

Man kann einer Person eine Alpenüberquerung schenken oder eine Übernachtung im Wald mit Lagerfeuer, und sie langweilt sich dabei im Inneren. Jemand anderem geht das Herz auf. Es ist die Passung, die den Sinn ausmacht, nicht die objektive Tätigkeit.

Aber wenn mein Sinnerleben nun mal beim Tanzen in vollen Clubs am stärksten ist – was mache ich denn dann in diesen Zeiten?

Die Corona-Krise fordert von vielen, dass sie eine neue Übersetzung finden für die Dinge, die für sie sinnhaft sind. Sinnsuche ist etwas Aktives. Zu warten, bis alles wieder von alleine so läuft, wie es gut für uns ist, führt in die Ohnmacht. Ich habe eine junge Frau kennengelernt, die vor Corona liebend gerne auf Festivals ging. Sie ist sonst eine eher introvertierte Wissenschaftlerin. Aber ein paar Wochenenden im Jahr liebt sie es, Teil dieser wild tanzenden Community zu sein. Irgendwann im Laufe der Corona-Krise spürte sie, dass ihre Energie nachließ und sie das ganze Leben langweilte. Und was hat sie gemacht? Sie hat angefangen, in ihrem wissenschaftlichen Fach, der Soziologie, zu untersuchen, wie Konzerte unter freiem Himmel und coronakonform am besten zu organisieren sind. Sie hat also ihre Leidenschaft in den Bereich gezogen, der gerade möglich ist. Das Organisieren im Team, die Musik, das Event – das vermittelte ihr eine Sinnhaftigkeit.

Da muss man ganz schön kreativ sein.

Tatsächlich ist die Sinnfrage nicht immer leicht zu lösen. Aber das gilt auch außerhalb von Corona. Viele Menschen langweilen sich ja auch und erleben Sinnkrisen, wenn eigentlich alles möglich ist. Interessant ist beispielsweise, dass uns rein egozentrische Beschäftigungen langfristig kein Sinnempfinden geben. Die immer bessere Uhr, der tollere Urlaub – all das erfreut nur kurz. Tiefes Sinnempfinden entspringt, wenn wir uns im Tun auch mit anderen verbinden. Gemeinschaft ist sinnstiftend.

Gibt es einen Trick, wie wir finden, was uns Sinn gibt?

Kinder wissen oft sehr genau, was sie gerne machen – und dies ist zugleich auch die Tätigkeit, bei der sie Sinn empfinden. Wir spielen versunken mit einer Puppe oder Lego-Steinen oder toben am liebsten mit anderen Kindern ... Da gibt es kein Gefühl von Langeweile. Manchmal geht uns diese Verbindung als Erwachsene verloren. An die Kindheitserfahrungen kann man anknüpfen und eine Übersetzung ins heutige Leben finden. Vielleicht habe ich gerne gemalt. Dann fange ich vielleicht jetzt mit Aquarellen an. Oder ich bin immer singend durchs Haus gelaufen. Warum nicht singen?

Das klingt einfach.

Objektiv ja. Aber häufig werten wir unsere tiefen Leidenschaften fast reflexhaft stark ab. Gerade introvertierte Menschen wurden schon als Kind häufig in ihrer sinnhaften Tätigkeit unterbrochen. Es wurde ihnen vermittelt, dass es nicht richtig ist, sich stundenlang zurückzuziehen oder nur einen Freund zu haben. Diese Abwertung sitzt tief und führte dazu, dass die ursprüngliche Verbindung zum Sinn verloren ging. Temperamentvollere Kinder wurden vielleicht oft zurechtgewiesen. Manchmal muss man also durchaus Hürden überwinden, um sein Sinnempfinden wieder zu beleben. Umso mehr lohnt es sich, neugierig und mutig zu suchen.

Brigitte

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