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Psychologie Warum wir uns auf das eine Schlechte fokussieren, wenn alles andere gut läuft

Bing-Theorie: Eine Frau zieht den Mund schief
© Koldunov / Shutterstock
Es kann noch so viel gut gehen, die meisten Menschen reiben sich an der einen Sache auf, die schiefläuft. Wie wir dieses Phänomen psychologisch erklären und den Grundstein legen können, es zu überwinden.

Kennst du das? Du wachst eigentlich ganz gut gelaunt auf, alles ist wie immer, doch dann läuft eine kleine Sache schief – zum Beispiel kriegst du für irgendetwas negatives Feedback, du verpasst ganz knapp die Bahn oder beim Bäcker gibt's nur noch die Brezel mit super viel Salz – und deine Stimmung ist direkt im Keller. Typisch menschlich! Selbst wenn 397 Dinge am Tag gut gehen, ist es häufig diese eine einzige Sache, die nicht perfekt lief, der eine Fehler, die eine peinliche Äußerung, die uns – BING! – besonders auffällt und in Erinnerung bleibt. Da fragt man sich doch: Warum ist das so? Wieso genügt so ein "Bing-Moment", um uns aus einer völlig ruhig und störungsfrei fahrenden Bahn zu werfen?

Warum wir Negativem mehr Aufmerksamkeit schenken als Positivem

Laut Wissenschaftler:innen ist diese Eigenschaft ein Überbleibsel aus früherer Zeit, als der Mensch noch nicht am obersten Ende der Nahrungskette stand. Unser Gehirn ist darauf programmiert, Gefahren und Risiken stärker wahrzunehmen als Positives. Schließlich hat diejenige Person, die den Säbelzahn-Tiger zuerst sieht, die größten Chancen davon zu kommen, ohne gefressen zu werden. Wer also als Mensch einen Haken rechtzeitig wahrnimmt und darauf reagiert, so galt früher, hat einen evolutionären Vorteil. 

Hinzu kommt noch etwas Zweites: An Dinge, die immer nach dem gleichen Muster oder ähnlich ablaufen, gewöhnen wir uns, wir sehen sie als selbstverständlich. Zum Beispiel nehmen wir, dass wir gesund sind und laufen können, in der Regel überhaupt nicht wahr. Deshalb springt uns Negatives besonders ins Auge, während viel viel mehr, was wahnsinnig positiv ist, in unserer Alltagswahrnehmung gnadenlos untergeht. Schließlich haben wir unsere Leben weitestgehend so eingerichtet, dass jeden Tag unzählige gute Dinge geschehen – aber nur wenige schlechte. (von einigen Unglücks-Phasen mal abgesehen ...)

Was nützt uns dieser Reflex heute?

Mittlerweile müssen wir nicht mehr vor Säbelzahn-Tigern weglaufen und haben auch sonst im Alltag kaum noch mit bedrohlichen Situationen zu tun. Das führt dazu, dass wir unseren ursprünglich vorteilhaften Reflex manchmal gegen uns richten: Einen Fehler gemacht? Zack, zu nichts zu gebrauchen. Ein Kilo mehr auf der Waage? Gott, bin ich fett geworden. Doch im Rahmen unseres Luxus-Lebens mit beheizten Wohnungen und Vitamin-B12-Tabletten können wir ruhig ein bisschen Energie darauf verwenden, gezielt und bewusst gegenzusteuerndenn um glücklich und erfolgreich zu sein, brauchen wir einen so ausgeprägten Fokus auf Negatives heute nicht mehr.

Was aber können wir einer so tief in uns verwurzelten Eigenschaft, die sich lange als Vorteil und Stärke erwiesen hat, überhaupt entgegensetzen? Ganz einfach: Bewusstsein, Achtsamkeit und Training. Wir wissen jetzt, warum wir dazu neigen, Negatives höher zu hängen als Positives, und können uns schon beim nächsten Mal, wenn unsere Stimmung von Sonnenschein auf Eisregen umschlägt, fragen, ob vielleicht der Bing-Effekt dahintersteckt. Aufmerksamer für die positiven Dinge in unserem Leben zu sein, können wir ebenfalls trainieren, z. B. indem wir uns jeden Tag an drei einfache Alltags-Regeln halten, die uns glücklicher machen, oder uns in gesunden Selbstzweifeln üben.   

sus / sus Brigitte

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