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Psychologie Life-Coach erklärt: Wie du mithilfe deiner Zukunftsenergie Veränderungen selbst gestalten kannst

Malina Seiler: Frau in den Bergen atmet durch und breitet ihre Arme aus
© Tom Merton / Getty Images
Ginge es nach unserem Gehirn, würde alles so bleiben, wie es ist, auch wenn wir unzufrieden sind. Wirklich verändern können wir nur etwas, wenn wir tiefer gehen. Life-Coach Laura Malina Seiler erklärt, wie sich die "Zukunftsenergie" in uns wecken lässt

BRIGITTE: Wann haben Sie sich zuletzt gefragt: Bin ich hier noch richtig?

Laura Malina Seiler: Ich stelle mir diese Frage tatsächlich ziemlich oft. Aber eher in dem Sinne: Kann und möchte ich gerade etwas verbessern? Lebe ich noch im Einklang mit mir? Das letzte Mal, dass ich mich das ganz grundsätzlich gefragt und entschieden mit Nein beantwortet habe, ist tatsächlich schon sieben Jahre her.

Was war damals?

Ich arbeitete als Künstlermanagerin in der Musikbranche und mein Chef bot mir an, eine weitere, wirklich tolle Musikerin zu vertreten. Andere hätten sich über diese Chance gefreut, ich dachte nur: "Auf keinen Fall!" Mir wurde in diesem Moment erst so richtig klar, dass ich schon lange nicht mehr glücklich war und mich längst für andere Themen interessierte. Ein Dreivierteljahr später habe ich gekündigt und mich selbstständig gemacht.

Bei vielen von uns ploppt diese Frage immer mal wieder auf, die Antwort "Nein" vielleicht auch, ohne dass sich dann wirklich etwas ändert …

Weil wir erst mal alles tun, um uns von diesem diffusen Gefühl der Unzufriedenheit abzulenken. Unser Gehirn findet Veränderung ja auch ganz schrecklich. Es liebt die Routine und will, dass alles so bleibt, wie es ist.

Wie können wir es – und damit uns selbst – austricksen?

Zum Beispiel, indem wir den Satz umformulieren: Es fühlt sich NOCH nicht richtig an. Denn: Wenn wir den Schritt in die Veränderung erst mal gegangen sind, wird das unsere neue Komfortzone, unser "neues Normal" werden. Sich das klarzumachen, kann einem schon sehr helfen, etwas zu verändern. Außerdem müssen wir eine wirkliche Vision entwickeln von dem, was noch möglich ist.

Wie geht das?

Indem ich mir noch mehr Fragen stelle: Wie sieht eigentlich der Ort aus, an dem ich mich wohlfühlen kann, wie die Beziehung, in der ich mich aufgehoben fühle? Dann – und das ist der größte Veränderungshebel – gehe ich tiefer hinein in diese Bilder, in einer Visualisierung oder Meditation und stelle mir vor, wie ich diese Zukunft bereits lebe: Wie leicht fühlt sich das an, wie erleichtert bin ich, dass ich diesen Schritt gegangen bin. Da entsteht eine Energie, die in den ganzen Körper fließt.

Das klingt mir ehrlich gesagt zu einfach – und auch zu esoterisch.

Es geht darum, einen emotionalen Gegenpol zu schaffen zu der Angst in unserem Kopf, die uns davon abhält, etwas zu ändern.

Es gibt aber doch auch ganz reale Ängste: Werde ich meine Miete noch bezahlen oder meine Familie ernähren können, wenn ich kündige?

Natürlich. Und es geht nicht darum, diese Ängste zu ignorieren, sondern darum, sie sich genau anzusehen, zu hinterfragen und dann zu entkräften, indem ich etwa überlege, wie ich Reserven bilden kann, um nicht plötzlich ohne Geld dazustehen. Da kommt selbstverständlich auch der Kopf wieder ins Spiel. Veränderung braucht einen Plan – und geht auch nicht von heute auf morgen. Auch da sollte jede erst mal bei sich schauen: Welches Timing fühlt sich für mich gut an?

Noch einmal zurück zur Vision, zum emotionalen Gegenpol: Inwiefern soll mich das weiterbringen?

Der Kopf ist ein wunderbarer Ratgeber – wenn ich ihm sage, wo ich hin möchte. Aber nicht, wenn es darum geht, ob ich diesen Weg überhaupt gehen sollte. Macht mich das glücklich? Interessiert mein Gehirn nicht. Hauptsache, überleben. Sicherheit geht ihm vor Wachstum. Darum ist es so wichtig, vom Denken ins Fühlen zu kommen, wenn es um Veränderung geht.

Was heißt das ganz konkret? Wie komme ich da rein, ins Fühlen?

Zum Beispiel mit dieser Übung: Stell dir vor, du wachst heute in einem Jahr auf und es ist ein Wunder passiert. Das, was du dir gewünscht hat, ist wahr geworden. Also, was ist anders in deinem Leben? Die "Wunder-Frage" am besten notieren – und dann einfach drauflosschreiben, die Bilder, die kommen, verfeinern, und sich diese Zukunft auf diese Weise immer plastischer ausmalen.

Und das soll mein Leben ändern?

Es hilft dabei, überhaupt erst mal in sich reinzuspüren und zu gucken: Wo zieht es mich hin? Gerade wir Frauen geben uns doch immer noch sehr oft mit weniger zufrieden, als möglich wäre. Reden uns Dinge schön, obwohl wir eigentlich spüren: Das ist es gerade nicht. Auf die lange Sicht geben wir unsere Träume damit aber auf.

Okay, Schreiben geht aber auch nicht ganz ohne Denken.

Im nächsten Schritt kommt dann das Meditieren dazu. Im Netz kann man viele geführte Meditationen finden, in denen es darum geht, sich mit seiner Zukunft zu verbinden, sich auf Fragen einzulassen wie: Wer darf ich werden? Was ist dann anders an mir? Welche Entscheidungen habe ich getroffen?

Puh, der Alltag ist eh schon überkomplex, jetzt auch noch stundenlang im Schneidersitz auf die Matte?

Es reichen fünf Minuten am Tag, wirklich. Am besten gleich morgens, noch vor dem Aufstehen. Dann sind unsere Gehirnwellen im Theta- oder Alpha-Zustand, damit haben wir einen direkteren Zugang zum Unterbewussten. Also im Bett noch mal die Augen schließen, sich mit seiner Vision verbinden und sich fragen: Was kann ich heute tun, um etwas mehr dieser Mensch zu sein, der ich werden will? Wer das ein Jahr lang macht, wird eine andere sein. Und je öfter und intensiver ich mich dieser positiven Zukunftsenergie aussetze, desto leichter fällt es mir dann auch, wirklich aktiv zu werden.

Oft bedeutet der eigene Neubeginn ja auch, anderen wehzutun, sie zu enttäuschen und zurückzulassen ...

Sicher. Aber niemandem ist damit gedient, wenn ich ein Leben lebe, das mich nicht glücklich macht. Weil ich damit immer auch im Vorwurf lebe. Eine Trennung kann durchaus eine Chance sein, für beide. Und: Ich bin nicht für die Gefühle der anderen verantwortlich, wohl aber für meine.

Wenn aber zum Beispiel Kinder mit im Spiel sind …

Ich bin selbst ein Scheidungskind, habe mein Zuhause verloren, mich entwurzelt und einsam gefühlt. Aber was ist schlimmer: Meinem Kind eine Beziehung vorzuleben, die nicht echt ist? Oder ehrlich zu sein?

Und wenn ich gehe, habe ich mein Problem damit gelöst? Nehme ich es dann nicht nur mit, in die nächste Beziehung, den nächsten Job?

Es reicht nicht, allein im Außen etwas zu verändern, darum ist es ja so wichtig, in sich selbst anzufangen. Erst haben und dann sein – so funktioniert das nicht. Erst wenn ich in mir glücklich bin und wirklich weiß, was ich will, kann ich es auch finden.

Bin ich hier noch richtig – sollten wir uns diese Frage vielleicht auch gerade dann stellen, wenn scheinbar alles läuft, sozusagen vorsorglich?

Ach, ich glaube, manchmal ist es auch wichtig, das zu genießen, was schon ist. Sich nicht ständig zu fragen: Ist es das jetzt? Sondern sich einfach zu sagen: Hey, gerade ist es okay.

Laura Malina Seiler

Die 35-Jährige ist eine der erfolgreichsten Life-Coaches in Deutschland. Sie hat u. a. einen Podcast ("Happy, holy & confident") und veranstaltet mit der "Rise and Shine University" einen Online-Selbsthilfekurs. Ihr aktuelles Buch: "Zurück zu mir" (Rowohlt).

Brigitte

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