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Psychologie Wenn du diese Probleme hast, fehlt es dir vielleicht an Selbstmitgefühl

Mental Health: Eine nachdenkliche Frau
© Dilyaab / Shutterstock
Einige Menschen neigen dazu, hart mit sich ins Gericht zu gehen, wenn sie Probleme zu haben, und versuchen, sie mit Disziplin und Teflontaktik (alles an sich abperlen lassen) zu lösen. Doch bei manchen Problemen hilft am besten etwas ganz anderes: Selbstmitgefühl. 

Am 10. Oktober, dem Welttag für psychische Gesundheit, steht das Thema mental health weltweit im Fokus – doch eigentlich müsste es das 365 Tage im Jahr. Nach wie vor gibt es viel zu viele Menschen, die sich für ihre psychischen Probleme schämen. Die nur akzeptieren können, dass es ihnen nicht gut geht und dass sie eine Pause bauchen, wenn das Fierberthermometer 38 Grad und mehr anzeigt oder wenn die Blutuntersuchung einen alarmierenden Anruf von der:dem zuständigen Ärzt:in nach sich zieht. Müde? Traurig? Schlapp? Motivationslos? Bei solchen Symptomen sagen sich viele nur: Stell dich mal nicht so an, Zähne zusammenbeißen und fighten, ein Indianer kennt keinen Schmerz. Aber dadurch wird es oft nicht besser – im Gegenteil.

In einigen Fällen ist ein Mangel an Selbstmitgefühl beziehungsweise ein fehlendes Bewusstsein für die eigenen Bedürfnisse und das eigene psychische Befinden, die Ursache oder der Katalysator manch eines Symptoms. Kommen dir eines oder mehrere der folgenden Probleme vielleicht bekannt vor? Dann könnte ein erster Schritt auf dem Weg zu einer Lösung sein, Verständnis und Mitgefühl für dich selbst zu entwickeln – anstatt dir Druck zu machen, ein schlechtes Gewissen einzureden oder wütend auf dich zu sein.

Wenn du diese Probleme hast, hilft im ersten Schritt vielleicht Selbstmitgefühl

1. Du kannst dich kaum motivieren – nicht einmal zu Kleinigkeiten.

Wer selbst bei kleineren To Dos, die weniger als 15 Minuten in Anspruch nehmen, Schwierigkeiten hat, sich aufzuraffen und sie zu erledigen, tut sich meist keinen Gefallen damit, dass er:sie sich deshalb niedermacht und sich einredet, er:sie sei faul oder zu nichts nutze. Anhaltende Antriebslosigkeit kann tiefliegende Ursachen haben, die sich allein mit Selbstüberwindung und Disziplin nicht aus der Welt schaffen lassen. Ein selbstmitfühlender Ansatz, also beispielsweise offen nachzuspüren und zu fragen, was es uns schwer macht, eine Tätigkeit zu verrichten, mag daher eher zu einer nachhaltigen Problemlösung beitragen.

2. Du machst dir viele Sorgen darüber, jemand anderen verärgert oder dich blamiert zu haben.

Einige Menschen versuchen die Angst, etwas falsch zu machen und deshalb von anderen Menschen nicht so wahrgenommen zu werden, wie sie es sich wünschen, dadurch zu kompensieren, dass sie ihr Verhalten soweit es geht optimieren und kontrollieren. Sie denken stets darüber nach, was sie sagen, tun, gesagt haben oder getan haben, und gehen hart mit sich ins Gericht, wenn sie möglicherweise dumm oder lästig gewirkt haben könnten. Der Haken an der Sache: Selbst wenn wir alles richtig machen, können wir nicht kontrollieren, wie andere uns wahrnehmen und was sie über uns denken. Zudem verkrampfen wir uns meistens, wenn wir zu viel nachdenken, und in vielen Kontexten ist das hinderlich.

Wer für sich selbst Verständnis und Mitgefühl aufbringen kann, nimmt sich den Druck und verhält sich entspannter und authentischer. Übrigens: Für andere haben wir dieses Verständnis ja – und sie haben es in der Regel auch für uns.

3. Du brauchst meistens länger für Aufgaben, als du dir vorgenommen hattest, und bist mit dem Ergebnis am Ende dennoch unzufrieden.

Wenn wir mit einem Projekt nicht so schnell vorankommen wie geplant und letztendlich nicht zufrieden sind, liegt das seltener an unserer Inkompetenz als an unseren Ansprüchen – die wahrscheinlich zu hoch sind. Oft ist in solch einer Situation eine innere Stimme, die sagt: "Nun mach doch mal hin!" oder "Das kannst du jawohl besser!" kontraproduktiv. Hilfreicher und angebrachter wären verständnisvolle Worte wie: "Geht gerade eben nicht besser" oder "Muss ja nicht heute fertig werden". Übrigens: Fast immer genügt es, wenn wir unsere Ansprüche zu 70 oder 80 Prozent erfüllen, um etwas gut zu machen.

4. Du kämpfst immer wieder mit denselben Fragen, Sorgen oder Gedanken an Dinge, die du bereust.

Wir können uns wiederkehrenden Grübelimpulsen nicht hemmungslos hingeben und eine Stunde nach der anderen im Gedankenkarussell fahren. Doch sie grundsätzlich abzuwehren, sich darüber zu ärgern, dass sie immer wieder aufkommen und dagegen anzukämpfen, ist unter Umständen nicht der beste Weg. Worum geht es in dem Karussell? Welche Trigger lösen die Impulse aus? Welche Gefühle sind damit verknüpft? Manchmal kann ein freundschaftlicher, empathischer Umgang mit uns selbst dabei helfen, Grübelattacken besser zu verstehen und einen Weg zu finden, sich nachhaltig von ihnen zu befreien.

5. Du hast ein Ziel, tust aber nichts dafür, es zu erreichen.

Es kann wahnsinnig frustrierend sein und heftige Wut auf uns selbst in uns auslösen, wenn wir wissen, was wir wollen, aber einfach nicht die nötigen Maßnahmen ergreifen, um unsere Ziele zu erreichen. Doch Wut und Frust helfen meist nicht, sondern erschweren uns den Weg nur noch mehr, weil sie uns Energie kosten und belasten. Um etwas Druck aus dem Kessel zu lassen, können wir uns in so einer Situation grundsätzlich sagen: Es hat seine Gründe, dass wir nicht mit Eifer bei der Sache sind. Welche das sind – Ängste, Überlastung, zu hohe Ansprüche, mangelnde Überzeugung (vielleicht das falsche Ziel?) –, gilt es dann, selbstmitfühlend, interessiert und selbsttolerant zu erforschen.

Selbstmitgefühl allein ist kein Allheilmittel

Bei all dem Lob für Selbstmitgefühl: Es allein ist bei den wenigsten Problemen die Lösung. Schließlich ist es nicht damit getan, dass wir alle mehr auf uns selbst aufpassen und ein bisschen Druck, Leistungs- und Anspruchsdenken herunterfahren. Wir brauchen eine Gesellschaft und gesellschaftliche Strukturen, in denen es möglich und selbstverständlich ist, auf uns und unsere Gesundheit zu achten. Ärzt:innen, die uns ernst nehmen, wenn wir ihnen sagen, es ist etwas nicht okay. Vorgesetzte, die uns vorleben und vermitteln, dass ein Job es nicht wert ist, uns so kaputt zu machen, dass wir abends keine Kraft mehr haben, um Freund:innen zu treffen. Ein politisches und öffentliches Umfeld, das mentale Störungen enttabuisiert und entstigmatisiert. Menschen, die darüber aufgeklärt sind, dass Körper und Psyche eine Einheit bilden, dass mehr zu unserer Gesundheit gehört als gute Blutwerte und eine Körpertemperatur von 36,8 Grad.

In einem ersten Schritt und im Kleinen kann es sicherlich nicht schaden, wenn wir bei Problemen wie den genannten freundschaftlicher und mitfühlender mit uns umgehen, anstatt uns dafür zu verurteilen. Doch es müssen weitere Schritte folgen – auch im Großen.

Erkennst du bei dir Anzeichen, dass du Hilfe brauchen könntest? Die Telefonseelsorge bietet Hilfe an. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800/1110111 und 0800/1110222 erreichbar.

Verwendete Quelle: psychologytoday.com

sus Brigitte

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