Zum glücklich sein gehört das Unglück

Dauerhaft glücklich sein, geht das überhaupt? Kommt drauf an, wie man Glück definiert, sagt die Forschung. Eines ist aber klar: Glück tut auch mal richtig weh.

Glück ist einer der meiststrapazierten Begriffe der letzten Jahre. Aber wenn wir ehrlich sind: Die Vorstellung, wie das Glück eigentlich aussehen soll, ist immer noch bestenfalls verschwommen. Ziemlich oft füllt daher die Werbung diese Lücke und entwirft Idealbilder: Glückliche Menschen sehen gut aus, haben einen tollen Partner und gesunde süße Kinder, mit denen sie im Garten vor ihrem Landhaus Brote mit einer namhaften Margarine/Nuss-Nugat-Creme/Frischkäsesorte frühstücken. Glückliche Menschen machen Urlaub an Traumstränden, gehen auf wilde Partys voller rassiger Schönheiten beiderlei Geschlechts, bestellen sich Wahnsinnsschuhe im Onlineshop und leben in materiell mehr als gesicherten Verhältnissen dank cooler Selbstverwirklicher-Jobs, die aber offensichtlich nicht allzuviel Zeit einnehmen. Glückliche Menschen sind außerdem natürlich permanent gut drauf, denn sie sind ja glücklich.

Wie viel Wahrheit steckt in dem Klischee? Seit Jahrtausenden beschäftigen sich Philosophen mit dem Glück. Seit ein paar Jahrzehnten haben es auch Psychologen, Soziologen und Ökonomen als Forschungsobjekt entdeckt. Was sagen die denn, was wirklich glücklich macht? Zum Beispiel zum Geld. Sind reiche Menschen glücklicher als arme?

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Macht Geld glücklich?

Klingt schwer unromantisch, aber: ja, behauptet die Glücksforschung. Zum einen, weil Existenzsorgen und die Frage, ob man nächsten Monat noch die Miete bezahlen kann, nun mal sehr auf die Lebenszufriedenheit drücken. Zum anderen, weil Menschen sich gern vergleichen - und je ärmer man im Vergleich zu den anderen ist, umso schlimmer ist es für den Einzelnen. Dänemark gilt beispielsweise laut dem neuen "World Happiness Report" der Vereinten Nationen als das glücklichste Land der Welt, gefolgt von anderen skandinavischen Ländern und der Schweiz (Deutschland ist nur auf Platz 26). Und ein Hauptgrund für die hohe Lebenszufriedenheit ist laut Glücksforschern vermutlich nicht das hohe Durchschnittseinkommen bei niedriger Arbeitslosigkeit - sondern vor allem, dass die sichtbare Schere zwischen Arm und Reich weit weniger klaffend ist als in anderen Ländern. Denn deutlich weniger Geld zu haben als die Mehrheit ist ein blödes Gefühl, und daran gewöhnt man sich auch nicht. Oder wie es die Ökonomin Conchita D'Ambrosio von der Universität Luxemburg formuliert: "Armut fängt schlecht an und bleibt schlecht."

Aber Glück kann man nicht kaufen, oder? Doch, auch das - vorausgesetzt, man gibt das Geld richtig aus. Glückstechnisch gesehen sind 400-Euro-Schuhe, maßgeschneiderte Anzüge oder ein Sportwagen totale Fehlinvestitionen: Nach einem kurzen Moment der Freude hat man sich schnell an den Besitz gewöhnt, und womöglich kreuzt die Kollegin eine Woche später in noch schickeren Schuhen auf, die sie im Ausverkauf für nur 200 Euro erstanden hat. Der richtige Anlagetipp lautet stattdessen: Geld nicht für Besitztümer, sondern für Erlebnisse ausgeben. Städtereisen, Heißluftballonfahrten, Konzertkarten, ein Gesangskurs in der Volkshochschule, ein schönes Essen mit Freunden - das sind die wirklich sinnvollen Investitionen. Denn schöne Erlebnisse werden zu schönen Erinnerungen. Und die halten, im Gegensatz zum Auto, ein Leben lang.

Steinreich sein muss man aber nicht, um sich Glück dieser Art zu kaufen. Amerikanische Wissenschaftler haben vor einigen Jahren mal versucht, das Jahreseinkommen zu ermitteln, das man zum maximalen Glücklichsein braucht: Je nach Forschergruppe lag die Summe irgendwo zwischen 50 000 und 75 000 US-Dollar, also ca. 36 500 bis 55 000 Euro. Alles, was man darüber hinaus verdient, steigere das Glück dagegen kaum noch. Stattdessen kann man rein statistisch davon ausgehen, dass man für mehr Geld auch mehr arbeitet und dafür die Zeit schwindet, es für und mit anderen auszugeben. "Menschen unterschätzen das Glück, das ihnen Freundschaften bringen. Und sie überschätzen das Glück, das ihnen materielle Güter bringen", sagt der Schweizer Universitätsprofessor Bruno Frey. Und der Mann ist, wohlgemerkt, Wirtschaftswissenschaftler.

Sind junge Menschen, die das Leben noch vor sich haben, glücklicher als alte? Nein, sagt die Glücksforschung, beide sind auf einem ähnlichen Niveau. Das kritische Lebensalter, wenn es denn eins gibt, ist das mittlere, also Mitte, Ende 40. Vorher ist man glücklicher, danach auch wieder. Es gibt sie also, die Midlife-Crisis: Man hat das Gefühl, dass man nicht mehr alles ändern kann, kann sich aber nicht damit abfinden. Die Jüngeren haben diese Probleme noch nicht, und die Älteren haben meist gelernt, damit gelassen umzugehen.

Sind verheiratete Menschen glücklicher als unverheiratete? Die Wissenschaft streitet. Letzter Stand nach einer Studie aus drei Ländern (Australien, Großbritannien, Deutschland): kommt darauf an, wen man geheiratet hat. Der Richtige macht auch langfristig glücklicher, der Falsche unglücklicher. Wobei der Richtige zum Beispiel jemand ist, dem soziale Ziele wichtiger sind als materielle - natürlich immer vorausgesetzt, man selbst sieht das auch so.

Zugegeben, das klingt jetzt nicht wahnsinnig spektakulär (insbesondere, weil man sich in Partnerschaften so leicht täuschen kann, wer "richtig" und wer "falsch" ist), ist aber in der Glücksforschung eine relativ neue Erkenntnis. Jahrelang gab es dort nämlich die These, dass das eigene Glückspotenzial über das ganze Erwachsenenleben hinweg ziemlich festgelegt sei: nämlich so, wie es die Gene und frühkindliche Prägungen bestimmt hätten. Ein (meist) freudiges Ereignis wie eine Hochzeit beschere zwar erst mal allen ein Hoch, aber spätestens nach ein, zwei Jahren sei alles wieder wie vorher: Glückskind ist immer Glückskind, aber Melancholiker bleibt nun mal Melancholiker. Oder, wie es in den 90ern ein Psychologen-Gespann behauptete: "Der Versuch, dauerhaft glücklicher zu werden, ist ähnlich nutzlos wie der Versuch, größer zu werden."

Zum Glück (ha!) gilt diese These allerdings als wissenschaftlich überholt. Mittlerweile gilt wieder: Jeder ist seines Glückes Schmied. Zumindest zu 40 Prozent. So viel unseres Glückspotenzials könnten wir nämlich komplett unabhängig von Veranlagung und Lebensumständen selbst beeinflussen, behauptet Sonja Lyubomirsky, Professorin für Psychologie an der University of California in Riverside und Autorin des Buches "The myths of happiness". Keine Ahnung, wie sie auf diese Zahl kommt, aber das klingt doch schon mal gut. Bleibt nur die Frage: Was kann ich dafür tun?

Enge Beziehungen zu anderen Menschen, hier sind sich die Forscher weltweit einig, sind tatsächlich ein wichtiger Schlüssel zum Glück. Nein, es muss nicht die große Liebe fürs Leben sein. Aber wirklich gute, vertraute Freunde, mit denen man auch mal Zeit verbringt. Die Zugehörigkeit zu einem Verein, einer Gemeinschaft, einer Gruppe, wo man sich aufgehoben fühlt. Und da der Mensch an sich ein soziales, mitfühlendes Wesen ist, macht es auch glücklich, anderen Menschen zu helfen.

Leidenschaft macht glücklich

Am Glück kann man auch arbeiten, buchstäblich. Indem man etwas tut, was man als erfüllend und für sich sinnvoll begreift: ein Beruf, ein Hobby, ein Ehrenamt, ein Sport, ein Projekt. Glücklich ist derjenige, der ein selbstgestecktes Ziel mit echter Leidenschaft verfolgt - und dabei ist es fast egal, ob man als Wissenschaftlerin in der Krebsforschung arbeitet oder jeden Dienstag mit der Band an Cover-Versionen der "Foo Fighters". Sich mit einer Sache zu beschäftigen, die einem am Herzen liegt - inklusive dem Frust, weil es unerwartet viel Mühe macht oder nicht immer alles sofort klappt -, das ist viel glücksstiftender als zuverlässig angenehme Zerstreuungen wie der Kino-Abend, der Urlaub oder Wellness-Nachmittag im Spa.

Denn Glück, das ist das Paradoxe, macht nicht immer nur Spaß. Glück ist nicht das Gleiche wie Wohlfühlen. Und Glück bedeutet nicht, immer nur gute Laune zu haben, egal, was passiert. Das ist der große Irrtum der krampfhaften Positiv-Denker. Denn negative Gefühle gehören nun mal zu der Fülle des Lebens. Und dieses "Glück der Fülle", schreibt der deutsche Philosoph Wilhelm Schmid in seinem Buch "Glück", sei das einzige, das dauerhaft sein kann. Schließlich ist es unmöglich, sich immer wohl zu fühlen, selbst, wenn man ausschließlich schöne Dinge tun würde: Nach einem Glas Rotwein fühlt man sich spitze, aber nach zwei Flaschen Rotwein eben nicht mehr. Und so ist es mit allem.

Wer das "Glück der Fülle" erfahren will, muss allerdings auch ab und zu etwas wagen: Jemanden ansprechen. Ehrlich sein. Etwas ausprobieren. Kurzum: dem Glück eine Chance geben. Nur so entdeckt man neue Talente, neue Seiten an sich selbst und nicht zuletzt auch neue Menschen, die das Leben bereichern können. Aber all das kostet Überwindung, und das ist unangenehm. Und ja: Man kann auch scheitern.

"Glück der Fülle" bedeutet auch, dass man es aushalten kann, dass kein Leben vor kleinen und großen Schicksalsschlägen geschützt ist. Die Polarität des Lebens zu akzeptieren, das ist die hohe Schule des Glücks. Es ist ein Glück, das sogar das Unglücklichsein umfasst. Sie wollen dieses Glück?

Treffen Sie sich mit Freunden und renovieren Sie das Gemeindekulturzentrum. Finden Sie eine Leidenschaft und arbeiten Sie daran. Probieren Sie einmal im Monat etwas aus, was Sie noch nie gemacht haben. Vergleichen Sie sich nicht mit anderen. Weinen Sie über Lohnendes, aber schauen Sie dann wieder nach vorn. Und ärgern Sie sich nicht über Nicht-Lohnendes. So einfach ist das. Und so schwer.

Text: Sonja Niemann
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