Wie halte ich starke Gefühle aus, ohne durchzudrehen?

Wenn uns Angst, Wut oder starke Trauer überfällt, fühlen wir uns oft hilflos ausgeliefert. Die Psychologin Annegret Lohse sagt, wie man mit diesen Gefühlen besser umgehen kann.

"Es gibt eine Übung, die wir ‚Der ungebetene Hausgast‘ nennen und die helfen kann, zum Beispiel mit Angst umzugehen. Am besten funktioniert diese Übung aber, wenn Sie gerade nicht in der Angstschleife feststecken. Es ist insofern eine Vorsorge, um mit der nächsten Angstattacke besser umzugehen.

Stellen Sie zwei Stühle im Zimmer auf – sodass sie einander gegenüberstehen. Auf einen Stuhl setzen Sie sich selbst, auf den anderen Stuhl setzen Sie in Gedanken das Gefühl, also in diesem Fall Ihre Angst. Stellen Sie sich nun das Gefühl ganz plastisch vor. Wie würde die Angst aussehen, wenn sie nicht nur in Ihrem Kopf, sondern ein reales Wesen wäre? Wäre sie ein Mensch oder eher ein Tier? Wäre sie groß, klein? Haarig oder kahl? Welche Geräusche macht sie? Wie blickt sie Sie an? Falls es Sie ängstigt, setzen Sie sie in Ihrer Fantasie hinter Gitter. Lassen Sie die Bilder in Ihrem Kopf entstehen.

Wenn Sie Ihren Hausgast plastisch vor sich haben, fragen Sie sich nun: Was müsste passieren, damit der ungebetene Hausgast drüben auf dem Stuhl noch größer, noch bedrohlicher wird? Könnte er auch kleiner werden? Freundlicher? Was wären hilfreiche Gedanken? Sprechen Sie nun mit Ihrer Angst. Fragen Sie sie: Was möchtest du? Warum besuchst du mich so oft überraschend? Und hockst dich dann hier fest? Gibt es auch eine nützliche Seite an deinem Besuch? Sie werden spüren, dass Sie allein durch diesen Perspektivwechsel schon Antworten bekommen.

In einem zweiten Schritt zum Perspektivwechsel schlüpfen Sie im Geiste selbst in die Rolle Ihres Gefühls: Wie fühlt es sich an, dass man eigentlich Gutes will und ständig so wenig willkommen ist? Was könnte ich (als Gefühl) tun, um gebetener Hausgast zu werden? Vielleicht finden Sie heraus, dass Ihre Angst nicht so groß werden wird, wenn Sie sie zulassen und ihr ganz unaufgeregt zuhören. Der Trick ist: Wenn wir unserem Gefühl eine Gestalt geben und uns trauen, es aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, verstehen wir häufig, was es uns sagen möchte, wozu es gut ist. Oft wird es dadurch schwächer, denn es verliert seine Aufgabe als Alarmzeichen. Es kann seine Nachricht ohne lautes Getöse loswerden."

BRIGITTE 26/2015

Unsere Empfehlungen

teaser_3