Psychotherapie: Wie sag ich's meinem Partner?

Wer sich für eine Psychotherapie entscheidet, hat oft mit Vorbehalten von Angehörigen zu kämpfen. Zwei Brigitte.de-Userinnen berichten von den Reaktionen ihrer Partner. Und ein Psychotherapeut erläutert, wie man erreichen kann, dass Partner und Familie die Therapie unterstützen.

"Reiß dich zusammen!"

Claudia* erinnert sich genau an den Moment, als ihr das erste Mal schwindelig wurde: Sie stand vor dem Spiegel im Flur und frisierte sich. Plötzlich fing ihr Herz ungeheuer schnell zu rasen, ihr Arm wurde taub, sie dachte "Jetzt sterbe ich". Im Krankenhaus stellten die Ärzte fest, dass ihr Kreislauf vollkommen durcheinander war. Starke Erschöpfung, lautete die Diagnose. Der jüngste von drei Söhnen war gerade erst geboren, ein Schreibaby.

Aber Claudia wusste sofort, dass die Panik auch mit ihrer Ehe zusammenhängt. Ihr Mann sitzt jeden Abend vor dem Computer, geht lange nach ihr ins Bett. Morgens steht sie mit den Kindern auf, er bleibt liegen, seit er arbeitslos ist. Tagsüber ist er meist zu Hause. Langsam verwandelt sich das Wohnzimmer in einen kleinen Zoo, er kauft Echsen, Leguane und Schlangen. Zeit für seine Söhne hat er keine. Auf seinem Rechner findet Claudia immer wieder Pornobilder, die sie anwidern. Sie fühlt sich zurückgestoßen und gedemütigt.

Ein andermal kam die Angst auf einem Weinfest. "Du brauchst keinen Arzt, das geht vorbei", versuchte ihr Mann sie zu beruhigen. "Reiß dich zusammen." Aber Claudia war sich nun sicher, dass sie eine Therapie benötigte. Etwas musste passieren, bevor sich der Zustand verfestigte. Peter warnte sie: "Die Therapeuten sind doch selbst verrückt." Und "Du wirst schon sehen: Die behalten dich gleich da". Sie suchte sich dennoch einen Therapeuten.

Seit einem Jahr ist sie nun in Therapie. Es geht ihr sehr viel besser. "In dieser schlimmen Phase bin ich wirklich durch die Hölle gegangen, das ist jetzt vorbei", sagt sie. Durch die Therapie ist ihr klar geworden, dass viele Muster, die sie als Kind in der Ehe ihrer Eltern lebte, sich in ihrer eigenen wiederholen. "Papa müsste sich eigentlich bei dir entschuldigen", hat sie ihrer Mutter erklärt. Die ist zwar aufgeschlossen gegenüber der Therapie und ermutigt Claudia, auch gegen den Willen ihres Mannes weiterzumachen. Aber sie möchte sich nicht genauer mit dem auseinandersetzen, was ihre Tochter in der Therapie erfährt. Und schon gar nicht will sie ihre eigenen Probleme aufarbeiten. "Viel zu viele Frauen schrecken aus Rücksicht auf ihre Männer davor zurück, sich mit sich und ihren Problemen auseinanderzusetzen. Sie wollen weiter funktionieren, für die Familie da sein", glaubt Claudia.

*Alle Namen von der Redaktion geändert

Auch ihr Mann lehnt die Therapie weiterhin ab. “Das ist der Therapeut, der verdreht dir den Kopf", argumentiert er jetzt während Auseinandersetzungen. Er spürt, dass sie sich durch die Therapie verändert. Sie sei ihm jetzt zu spontan, wirft er ihr vor. Er müsse ständig aufpassen, was er sage oder tue. Sie sieht es anders: Endlich hat sie gelernt, auf ihre eigenen Bedürfnisse Rücksicht zu nehmen, sich zu widersetzen, wenn ihr etwas nicht gefällt. Sie ist selbstsicherer geworden. Nach 16 Jahren Ehe lernt sie jetzt, sich durchzusetzen.

Eine zeitlang war Peter sogar eifersüchtig und unterstellte ihr ein Verhältnis mit dem Therapeuten. Das fand sie fast komisch: Sie die große, schlanke Frau und der kleine, untersetzte Mann mit Brille.

"Wenn dir unsere Ehe noch etwas wert ist, dann komm mit", forderte sie Peter auf. Schließlich war er einverstanden. Die ersten Male ging es gut. Der Therapeut riet ihnen, sich wieder mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Claudia fand an einigen Abenden eine Rose auf dem Tisch. In einer Sitzung sollten sie beschreiben, was sie am anderen lieben. Peter sagte, er liebe sie als ganze Person. Das war dem Therapeuten nicht genau genug. Peter fühlte sich wie auf der Anklagebank. Der Therapeut bat sie beide, ihre Gedankengänge laut vorzulesen. Das war ihrem Mann zu albern. Er will nun nicht mehr mitkommen.

Für Claudia war die gemeinsame Therapie ein Angebot, ihre Ehe zu retten. Sie wird nicht darum betteln, dass er weitermacht. Sie ist entschlossen, diesen Weg auch alleine weiterzugehen. Irgendwann wird der Tag kommen, an dem sie sich traut, fort zu gehen - davon ist sie überzeugt.

"Warum bist du nur so unzufrieden?"

Bald werden die Kinder aus dem Haus sein. Was dann? Sie liebt es, aktiv zu sein, organisieren zu müssen, unter Menschen. Als die Kinder klein waren, hatte Anne viel Power. Jetzt belasten sie schon Kleinigkeiten. Sie erträgt es nicht, wenn Dinge herum liegen. Für den Haushalt braucht sie fünf Mal so lange wie früher. Manchmal schafft sie es den ganzen Tag lang nicht einmal, sich anzuziehen.

Vor einem halben Jahr hat sie sich deshalb für eine Therapie entschieden. Ihr Mann Markus fand das unnötig. Er kann nicht begreifen, warum Anne unzufrieden ist. Schließlich hat sie alles. Finanziell kommen sie klar. Es muss doch schön sein, sich nicht draußen im Arbeitsleben abstrampeln zu müssen, denkt er. "Nein", sagt Anne,"ich will die Ruhe zu Hause nicht, ich will den Stress draußen". Eigentlich ist sie nie gerne zu Hause gewesen. Seit Jahren diskutieren sie nun schon. "Es nervt mich, wenn er den Hobbypsychologen spielt", sagt sie. "Er gibt sich dann verständnisvoll, ermutigend und beschwichtigend. Ich soll den Haushalt doch positiv sehen." Sie hat keine Lust mehr auf diese Auseinandersetzungen. Denn für sie ist klar: Sie will den Haushalt nicht, sie will zurück in den Beruf.

Früher war sie oft wütend auf ihn und die Art, wie sich ihre Beziehung entwickelt hatte. Aber die Wut hat sich gewandelt in Niedergeschlagenheit, Passivität und Depression.

Sie hat in den letzten Jahren einiges versucht, um aus ihrem Leben auszubrechen. Sie ließ sich zum Medical Consultant fortbilden, fand eine Stelle, arbeitete jeden Tag zehn Stunden. Eine Putzfrau machte den Haushalt. Doch dann wurde die Stelle gestrichen. Anne begann ein neues Projekt. Mit einer Freundin wollte sie sich selbstständig machen. Es ging ihr blendend in dieser Zeit. Dann sprang die Freundin ab. Sie fiel in ein Loch - keine Ideen mehr, keine Initiative, keine Lust. Ihr älterer Sohn machte sich Sorgen wegen der plötzlichen Veränderung. Er war erleichtert, als sie die Therapie begann und unterstützt sie. Der 17-Jährige hingegen, der noch zu Hause lebt, ist ihrer Meinung nach von seinem Vater negativ beeinflusst.

Seit sie die Therapie macht, wirf Markus ihr vor: "Warum bist du immer noch unzufrieden, warum ändert sich nichts?" "Er will, dass ich wieder so funktioniere, wie es ihm passt", glaubt Anne. Aber damit die Beziehung sich verbessert, müssten sie ihrer Meinung nach eine Paartherapie machen. Die lehnt ihr Mann ganz ab. Für ihn soll alles so bleiben, wie es ist. Nur ihre Unzufriedenheit soll sie in den Griff bekommen.

Sich auf die Therapie zu verlassen, reicht Annes Meinung nach aus. Es braucht Eigeninitiative, um etwas zu verändern. Deshalb hat sie eine Fengshui-Ausbildung angefangen. Leider läuft die Ausbildung nicht so gut und auch bei ihrem Therapeuten fühlt sie nicht gut aufgehoben. Deshalb möchte sie gerne in eine Tagesklinik. Nur so glaubt sie, die Krise bewältigen zu können. Markus wird nicht begeistert sein, sie hat das Thema mit ihm noch nicht angesprochen.

Experten-Interview: "Angehörige dürfen nicht die Buhmänner sein"

Wer sich für eine Psychotherapie entscheidet, hat oft mit Vorbehalten seiner Angehörigen zu kämpfen. Im brigitte.de-Interview erläutert Psychotherapeut Dr. Friedrich Ingwersen, wie Betroffene und Psychotherapeuten die Unterstützung von Angehörigen erreichen können.

Dr. Friedrich Ingwersen

Brigitte.de: Was kann man tun, wenn der Partner oder die Eltern eine Psychotherapie für unnötig oder übertrieben halten?

Dr. Friedrich Ingwersen: Dann sollte man klar machen, wie wichtig einem die Therapie ist. Man sollte den Angehörigen deutlich sagen, dass man sie für sich macht: "Ich halte das für nötig und es ist meine Privatsache. Ich respektiere deine Einstellung, aber die Psychotherapie muss ich dennoch machen."

Brigitte.de: Oft steckt hinter diesen Vorbehalten die Angst, Außenstehende könnten von der Psychotherapie erfahren. Wie geht man damit um?

Dr. Friedrich Ingwersen: Diese Angst muss man ernst nehmen und darauf eingehen. Wenn die Familie oder der Partner es wünschen, sollte man ihnen versprechen, dezent mit der Therapie umzugehen, sie nicht gegen ihren Willen nach außen tragen. Ich habe aber auch die Erfahrung gemacht, dass Angehörige offen darüber sprechen möchten, weil sie sich durch das Umfeld Unterstützung erhoffen. Bei Alkoholsucht zum Beispiel ist es der Familie oft lieber, wenn auch Freunde und Bekannte Bescheid wissen.

Brigitte.de: Fürchten die Angehörigen vielleicht auch, durch die Therapie könnten sie selbst für die Probleme verantwortlich gemacht werden?

Dr. Friedrich Ingwersen: Wir alle kennen die Klischees: Schuld ist die Mutter, die versagt hat, oder der Vater, der abwesend war. Manche Leute gehen tatsächlich in die Therapie mit der Erwartung, dass dort ein Schuldiger für ihre Probleme gefunden wird. Jugendliche Drogenabhängige haben beispielsweise oft die Haltung: "Ich bin so, weil ich nicht genügend geliebt wurde." Der Psychotherapeut muss zwar auf die Verletztheit des Patienten eingehen. Aber für die Problemlösung ist auch wichtig, dass beispielsweise die Eltern nicht als Buhmänner dargestellt werden. Denn sonst wird der Patient wiederum Schuldgefühle ihnen gegenüber entwickeln.

Brigitte.de: Sollte man Eltern oder dem Partnern erzählen, was in der Therapie besprochen wird, um ihnen etwas von dieser Angst zu nehmen?

Dr. Friedrich Ingwersen: Das kommt auf den Fall an. Für einen Jugendlichen, der sich von den Eltern zu lösen versucht, kann es wichtig sein, nicht über die Inhalte der Therapie zu sprechen. Denn das ist Teil des Erwachsenwerdens. Ebenso wie man über andere neue Bereiche im Leben, wie die Sexualität, nicht mit den Eltern spricht. Bei einem Partner hingegen ist es wichtig, ihn an der Veränderung teilhaben zu lassen.

Brigitte.de: Was tun, wenn der Partner die Veränderung ablehnt? Wie im Fall einer Brigitte.de-Userin, wo der Mann die Therapie als eine Art Rebellion auffasst?

Dr. Friedrich Ingwersen: Jede Veränderung macht Angst, das ist ganz normal. Insbesondere wenn der eine verändern will, der andere aber den Zustand aufrechterhalten. Das ist im Grunde wie eine Tarifverhandlung - da muss man sich schon einmal auf lange Nächte und Auseinandersetzungen vorbereiten. Wenn aber ein Partner sich grundlegend ablehnend gegenüber der Psychotherapie verhält, dann ist das sehr destruktiv. Als Therapeut bespreche ich dann mit meinem Patienten, der eine Veränderung will, wie er mit diesem destruktiven Verhalten umgeht. Es gibt eigentlich nur zwei Möglichkeiten: Er kann in den konstruktiven Machtkampf treten oder aber die Partnerschaft beenden. Diese Frau sollte mit ihrem Mann noch einmal die Grundlagen der Ehe verhandeln. Die Krise kann eine Chance sein, neue Kräfte zu mobilisieren. Sie kann aber auch in die Katastrophe für die Partnerschaft münden.

Brigitte.de: Um die Katastrophe zu verhindern, hat die Brigitte.de-Userin versucht, ihren Mann mit in die Therapie einzubeziehen. Er hat bei ein paar Sitzungen ihres Therapeuten teilgenommen, fühlte sich dort aber auf der Anklagebank. Wie kann man so eine Reaktion vermeiden?

Dr. Friedrich Ingwersen: Das ist in der Tat eine schwierige Situation. Ich ziehe in meiner therapeutischen Arbeit Angehörige als Experten hinzu. Ich mache ganz deutlich, dass ich nicht die Absicht habe, sie zu therapieren, sondern mir ihre Sichtweise einholen möchte. Ich habe nur von dem Betroffenen den Auftrag erhalten. Mit den Angehörigen spreche ich, um mehr über meinen Patienten zu erfahren. Angehörige stellen sich oft vor, dass der Therapeut eine Art Tribunal leitet. Dann ist es wichtig ihnen klar zu machen, dass ich als Therapeut froh bin, dass sie gekommen sind und sich dem Gespräch stellen. Ich beziehe eine neutrale Position. Eltern befürchten häufig, dass ein Therapeut ihnen ihre Würde als Eltern nimmt. "An was für einen Sektenguru bist du da nur geraten", bekommen Kinder dann zu hören. Im gemeinsamen Gespräch stellen die Eltern dann fest, dass der Therapeut die Situation nicht ausnutzt, sondern zu einer positiven Lösung beitragen kann.

Brigitte.de: Wie reagiert man auf Vorwürfe wie "Das hat dir der Therapeut nur eingeredet"?

Dr. Friedrich Ingwersen: Solche Vorhaltungen kann man entkräften, indem man klar dazu steht: "Ja, ich wollte Rat. Ich habe das mit ihm besprochen, denn dafür bin ich ja in Therapie. Das was er sagt, leuchtet mir ein."

Brigitte.de: Machen sich die Angehörigen Ihrer Patienten auch Selbstvorwürfe?

Dr. Friedrich Ingwersen: Ja, das passiert auch. Gerade Eltern stellen sehr oft die Frage "Was haben wir bloß falsch gemacht, warum hat unser Kind diese Probleme?" Ich frage dann, warum sie das denken. In den meisten Fällen stellt sich heraus, dass sie nichts falsch gemacht haben. Andere Eltern waren weniger bemüht, häufiger abwesend oder haben sich mehr gestritten - und dennoch erleben ihre Kinder keine psychischen Krisen.

Brigitte.de: Welche positiven Erfahrungen machen Sie in der Zusammenarbeit mit den Angehörigen?

Dr. Friedrich Ingwersen: Viele Menschen haben das Gefühl, die Dinge nicht beeinflussen zu können. Wenn sie dann erfahren, dass sich doch etwas ändert, dann hat das fast etwas Spirituelles. Sie erleben die Lösung des Problems quasi als Gnade und fühlen sich verpflichtet, davon etwas weiterzugeben.


Dr. Friedrich Ingwersen ist Facharzt für Psychotherapeutische Medizin und Psychiatrie. Er ist Gründer des Norddeutschen Instituts für Systemische Lösungen und Chefarzt der Privatklinik Bad Zwischenahn.

Julia Weidenbach
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