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Pygmalion-Effekt Warum wir uns meist so verhalten, wie andere es von uns erwarten

Frau mit Laptop am Meer | Pygmalion-Effekt: Warum wir uns meist so verhalten, wie andere es von uns erwarten
© Mariia Korneeva / Adobe Stock
Macht es einen Unterschied für unsere Leistung, ob andere viel oder wenig von uns erwarten? Der Pygmalion-Effekt zeigt: Wir verhalten uns meist so, wie andere uns sehen.

Hand aufs Herz: Wir lieben es doch alle, recht zu haben, oder? Egal ob wir ein positives oder ein negatives Ergebnis erwarten – insgeheim freuen wir uns, wenn wir mit unserer Einschätzung richtig lagen. Was aber, wenn wir mit unserer Erwartung beeinflussen, wie etwas ausgeht? Was, wenn die Person, von der wir jetzt eine bestimmte Handlung oder Leistung erwarten, genau das tut – einfach, weil wir damit rechnen? Oder umgekehrt: Was, wenn wir selbst auf eine bestimmte Weise reagieren, weil unser Gegenüber es von uns erwartet? Genau dieses Phänomen beschreibt der sogenannte Pygmalion-Effekt.

Pygmalion und seine ideale Frau

Der Pygmalion-Effekt geht zurück auf den gleichnamigen Bildhauer aus der griechischen Mythologie. Pygmalion war von den Frauen so enttäuscht, dass er eine weibliche Statue als Projektion seiner Erwartungen erschuf – quasi als die ideale Frau – und sich in sie verliebte. Auf seine Bitte hin erweckte die Liebesgöttin Venus die Statue für Pygmalion zum Leben. Er hat sich also buchstäblich aus seinen Wünschen und Erwartungen die perfekte Frau erschaffen.

Beim psychologischen Phänomen ist es ganz ähnlich: Man geht davon aus, dass Menschen ihre Leistung dadurch steigern können, dass andere mehr von ihnen erwarten. Vor allem im schulischen Umfeld kommt der Pygmalion-Effekt zum Tragen: Wenn Lehrkräfte damit rechnen, dass ein:e Schüler:in besonders begabt ist, wird er:sie in vielen Fällen tatsächlich bessere Leistungen erbringen.

Großes Experiment an einer Schule bestätigt den Pygmalion-Effekt

Wissenschaftlich nachgewiesen haben das Phänomen der US-Psychologe Robert Rosenthal und die Schulleiterin Lenore F. Jacobsen in den 1960er-Jahren. Dafür haben sie ein Feldexperiment an Jacobsens Grundschule in den USA durchgeführt. Den Lehrkräften der Schule wurde gesagt, dass 20 Prozent der Schüler:innen kurz vor einem Entwicklungssprung stünden und bei ihnen im kommenden Jahr mit einer deutlich besseren Leistung zu rechnen sei. Tatsächlich wurden diese Kinder aber per Los für das Experiment ausgewählt.

Alle Schüler:innen der Grundschule haben einen IQ-Test absolviert – sowohl zu Beginn des Experiments, als auch acht Monate später. Die Steigerung des Intelligenzquotienten war bei den Schüler:innen, die angeblich ein besonders großes Potenzial zur Leistungssteigerung hatten, größer als beim Rest. Und da alle Bedingungen außer der Info, die die Lehrkräfte über dieses angebliche Potenzial hatten, sich nicht geändert hatten, folgerten Rosenthal und Jacobsen daraus, dass einzig die höheren Erwartungen der Lehrkräfte zu der tatsächlichen Verbesserung des IQ geführt hatten.

Der Pygmalion-Effekt: Eine sich selbst erfüllende Prophezeiung

Die beiden sahen darin ihre Vermutung bestätigt, dass die Lehrkräfte die Kinder, die vor einem vermeintlichen Entwicklungssprung standen, genau deshalb unbewusst anders behandelt und stärker gefördert hatten. Das hat dann zur tatsächlichen Leistungssteigerung geführt – eine sich selbst erfüllende Prophezeiung. Genau wie Pygmalion aus seinen Erwartungen seine ideale Frau erschaffen hat, haben die Lehrkräfte so die verbesserten Leistungen der Schüler:innen hervorgerufen.

Was Rosenthal und Jacobsen in ihrem Experiment an der Schule herausgefunden haben, lässt sich aber auch auf andere Lebensbereiche übertragen: Die Mutter, die von einem Kind besonders viel erwartet, könnte dadurch unbewusst dafür sorgen, dass ihr Nachwuchs tatsächlich eine bessere Leistung erbringt als seine Geschwister. Der Mitarbeiter, von dem die Chefin sich besonders viel erhofft und den sie stark fördert, wird diese hohen Erwartungen vermutlich durch seinen Einsatz bestätigen.

Aber auch in einer Beziehung lässt sich der Pygmalion-Effekt beobachten: Denn wie wir unsere:n Partner:in sehen, so wird er oder sie vermutlich tatsächlich. Betrachten wir ihn oder sie in einem positiven Licht und erwarten bestimmte Dinge innerhalb der Partnerschaft, könnte es sein, dass wir genau dieses Verhalten unbewusst fördern.

Gleichzeitig könnte aber auch der umgekehrte Fall eintreten: Wenn ich sowieso nicht viel von meinem:meiner Partner:in erwarte à la "Die vergisst doch eh wieder, heute nach der Arbeit einkaufen zu gehen", dann stehen die Chancen nicht schlecht, dass das auch wirklich eintritt. Weil wir der anderen Person unbewusst signalisieren, dass wir nicht wirklich an sie glauben, resigniert sie vielleicht und glaubt, es uns ohnehin nicht recht machen zu können.

Was können wir daraus lernen?

Der Pygmalion-Effekt bestätigt mal wieder: Unsere Gedanken sind ein mächtiges Instrument. Sie können nicht nur beeinflussen, wie wir uns selbst verhalten und wie wir auf andere wirken, sondern letztlich auch, wie andere sich verhalten. Das sollten wir nicht vergessen – weder in der Beziehung noch im Job oder im Umgang mit Kindern. Denn die Erwartungen, die wir – manchmal auch unbewusst – an andere Menschen kommunizieren, können stark beeinflussen, wie sie sich tatsächlich verhalten.

Verwendete Quellen: geo.de, duq.edu, spektrum.de

Brigitte

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