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Rassismus Was hilft bei unbeholfener Betroffenheit?

Rassismus: Drei Personen unterschiedlicher Nationalitäten
© Mangostar / Shutterstock
"So ist die Welt halt" – diesen Satz hört Ciani-Sophia Hoeder oft von Weißen, wenn es um Rassismus geht. Er macht sie wütend. Wie kommt man gegen unbeholfene Betroffenheit und Achselzucken an?
Ciani-Sophia Hoeder

Rassismus ist mächtig. Und ich bin genervt von eurer Betroffenheit, die das rassistische System nur bestärkt. Meist beginnt es so: Damit ihr überhaupt zuhört, muss ich erst mal meine ganzen traurigen Anekdoten über Rassismus auspacken. Dafür gibt es einen Begriff: Racism Porn. Er beginnt bei diesem Text und endet bei dem Video, das diesen Sommer viral ging.

Wie viele müssen noch vor laufender Kamera sterben?

George Floyd wurde bei einer Verhaftung in Minneapolis getötet. Obwohl er sagte: "I can’t breathe – Ich kann nicht atmen", kniete der weiße Polizist Derek Chauvin acht Minuten und 46 Sekunden auf Floyds Hals. Sein Tod wurde aufgenommen, in den sozialen Netzwerken geteilt – die ganze Welt schaute zu. Die Black-Lives-Matter-Demos sprengten daraufhin Rekorde. Auch hier in Deutschland. In Hamburg waren es 14 000 Demonstrierende, in Berlin 15 000, in München 25 000. Doch wie viele Texte, in denen schwarze Menschen ihre Traumata öffentlich machen, ihre Narben demonstrieren, muss es denn noch geben? Wie viele müssen wie Floyd denn noch vor laufender Kamera sterben? Wir sollten diesen Sommer des Demonstrierens, des Hinschauens nicht mit dem Herbst vergessen. Lassen wir die Euphorie nicht heruntersegeln wie Blätter von den Bäumen. Black Lives Always Matter.

Rassismus ist nicht von schwarzen Menschen erfunden, er wurde von weißen Menschen geschaffen. Somit ist es genau genommen nicht mein Problem, sondern deins und das der Weißen. Statt mehr oder minder machtlos zuzuschauen, wie Schwarze Menschen in Medien unterrepräsentiert sind – denn nirgendwo habe ich meine Afro-Locken, meine Hautfarbe, meine Perspektive gefunden –, habe ich etwas Eigenes geschaffen: "Rosa-Mag", ein Lifestyle-Magazin, das sich auf schwarze Frauen im deutschsprachigen Raum fokussiert und sie ermächtigt. Statt Racism Porn zu bedienen, schreibe ich lieber, was du mit deiner Macht tun kannst, um antirassistisch zu sein. Denn in diesem Text geht es nicht um mich und meinen Rassismus. Es geht um deinen Rassismus.

Rassismus lebt vom Weggucken. Oft erlebe ich eine Achselzuck-Mentalität, ein "So ist die Welt halt. Sie ist ungerecht", oder Weiße, die mir in endlosen Monologen zu beweisen versuchen, dass sie selbst doch gar nicht rassistisch sind. Beides ändert nichts. Schau hin statt weg. Sag Nein statt nichts. Sei nicht nicht-rassistisch, sei antirassistisch.

Rassismus ist eine Machtfrage 

Und du bist alles andere als machtlos. Du kannst mehr als nur zuzuhören. Denn: Du hast mehr Macht als Menschen, die diskriminiert werden. Nutze sie. Bei der nächsten Sicherheitskontrolle, wenn nur eine Person of Color in einem Meer aus weißen Menschen herausgepickt wird, frag direkt: "Warum kontrollieren Sie diese Person, aber mich nicht?" Deine Tochter und deren schwarze Freundin haben die gleichen Noten im Zeugnis, aber kriegen beim Übergang in die Oberschule unterschiedliche Empfehlungen? Mach darauf aufmerksam. Es gibt zu wenig Menschen, die unbequeme Fragen stellen. Der Onkel macht bei der Familienfeier wieder politisch inkorrekte Witze? Einfach mal nicht lachen oder peinlich berührt wegschauen, sondern erklär ihm, warum das nicht in Ordnung ist. Sonst werden seine Witze beim nächsten Mal härter.

Wir alle können etwas gegen Rassismus tun. Und nur weil du ihn nicht am eigenen Leib erlebst, bist du nicht machtlos. Du hast es in der Hand, deine Umwelt zu verändern. Solange du das nicht tust, unterstützt du Rassismus – jeden einzelnen Tag.

Ciani-Sophia Hoeder ist freie Journalistin und Gründerin und Chefredakteurin des Rosa-Mag, des ersten Online-Lifestyle-Magazins für Schwarze Frauen in Deutschland (rosa-mag.de). Sie lebt in Berlin. 

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