"Nicht jede Form von Selbstkritik ist positiv"

Sich selbst zu hinterfragen ist sympathisch und oft sinnvoll - doch zu viel Selbstkritik lähmt und macht unglücklich. Der Psychologe Tom Diesbrock erklärt, wie wir uns selbst besser akzeptieren können und warum unser innerer Kritiker viel mit unserer Kindheit zu tun hat.

Tom Diesbrock

Tom Diesbrock ist Diplompsychologe, Psychotherapeut und Autor des Buchs "Hermann! Vom klugen Umgang mit dem inneren Kritiker"

BRIGITTE.de: Herr , selbstkritisch sein ist doch eigentlich was Positives. Warum macht es trotzdem so vielen Menschen zu schaffen?

Tom Diesbrock: Nicht jede Form von Selbstkritik ist positiv und hilfreich. Wenn ich wohlwollend auf mich selbst schaue und differenziert beurteile, was ich gut finde und was nicht, ist das Selbstkritik im positiven Sinn. Wie ein guter Lehrer kritisiert, um zu motivieren und Verbesserung anzuregen. Unser innerer Kritiker tickt aber ganz anders: Er ist nie zufrieden mit uns - und das hilft uns wirklich gar nicht!

BRIGITTE.de: Woran merke ich, dass mein innerer Kritiker nicht mehr konstruktiv ist, sondern nur noch nörgelt und lähmt?

Tom Diesbrock: Wenn mein innerer Kritiker das Heft in der Hand hat, sehe ich nur noch durch die schwarz-weiße Brille. Sein einfaches Muster ist: Die anderen sind okay, und ich bin nicht gut genug. Bei manchen Menschen ist seine Stimme leise nörgelnd und zweifelnd, bei anderen ist sie dominant, entwertend und gemein. In den Augen von Hermann - so nenne ich den Kritiker in meinem Buch - sind wir zu alt, zu dick, zu dumm, zu unattraktiv und so weiter. Und deswegen sollen wir uns gefälligst mehr anstrengen. Aber wir können uns noch so viel Mühe geben, am Ende reicht es sowieso nicht. Sagt Hermann.

BRIGITTE.de: Wenn dieser nörgelnde Teil von mir so nervt - kann ich ihn nicht einfach komplett loswerden?

Tom Diesbrock: Das funktioniert nicht, weil der innere Kritiker ein Teil unserer Persönlichkeit ist. Je mehr wir versuchen, ihn zu ignorieren und zu unterdrücken, desto mächtiger wird er. Es gibt zwar viele , die uns versprechen, wir könnten ihn loswerden - aber das ist psychologisch unsinnig und bringt uns nicht weiter. Viel sinnvoller ist es, zu akzeptieren, dass wir diesen Teil nun einmal in uns haben, und uns mit ihm zu beschäftigen und arrangieren.

Ratgeber: Tom Diesbrock: "Hermann! - Vom klugen Umgang mit dem inneren Kritiker", Patmos Verlag, 120 S.

Tom Diesbrock: "Hermann! - Vom klugen Umgang mit dem inneren Kritiker", Patmos Verlag, 120 S.

BRIGITTE.de: Was kann ich tun, um mich selbst besser zu akzeptieren?

Tom Diesbrock: Hermann mag gemein und destruktiv sein - aber er ist nicht böse. Hinter seiner ätzenden Kritik steht vor allem Angst, nämlich vor der Kritik anderer Menschen. Dieser Teil von uns befürchtet ständig, ausgelacht, kritisiert und entwertet zu werden. Sie kennen das bestimmt: Ich finde beispielsweise, dass ich eine Aufgabe nicht gut genug erledigt habe oder mein Aussehen nicht okay ist - und sofort denke ich an andere Menschen, die viel besser sind als ich, und fühle mich dann richtig mies.

Der innere Kritiker entsteht schon in unserer Kindheit, und er sieht die Welt noch aus Kinderaugen: Die anderen sind groß und richtig - und wir sind klein, hilflos und nicht okay. Wenn wir Hermann als ängstlichen Teil von uns verstehen, der uns im Nacken sitzt, um uns vor der Kritik anderer zu schützen, fällt es doch schon viel leichter, ihn zu akzeptieren, oder? Das geht aber nur, wenn wir lernen, erwachsen zu bleiben und nicht immer wieder auf Hermanns Kritik an uns hereinzufallen und sie für bare Münze zu nehmen! Das ist keine leichte Aufgabe.

BRIGITTE.de: Sie sagen, unser innerer Kritiker wird schon in der Kindheit geboren. Inwiefern beeinflusst mich das als Erwachsenen?

Tom Diesbrock: Wir alle denken und fühlen viel unerwachsener und irrationaler, als wir realisieren und uns eingestehen mögen. Schlimm ist es immer dann, wenn wir nicht merken, dass unser innerer Kritiker uns in Wirklichkeit steuert: Wir würden gern etwas tun, unterlassen es aber, weil wir es uns nicht zutrauen. Wir möchten uns beruflich verändern, verharren aber auf unserem toten Pferd, anstatt endlich abzusteigen. Wir möchten einen Menschen kennen lernen, denken aber, der könnte jemanden wie uns niemals mögen. Die Konsequenz ist immer: Wir gehen kein Risiko ein und verharren. Natürlich bekommen wir auf diese Weise nicht, was wir gern hätten - und verstehen es als Bestätigung unseres negatives Selbstbildes. Ein Teufelskreis.

Wenn wir aber merken, dass wir gerade durch Hermanns Brille schauen, können uns fragen, was wir als Erwachsene wirklich über uns und unsere Möglichkeiten denken. Und uns überlegen, ob wir nicht mal ein Risiko eingehen wollen und können!

BRIGITTE.de: Haben also die Eltern großen Einfluss darauf, wie destruktiv meine Selbstkritik als Erwachsener ist?

Tom Diesbrock: Als Eltern können wir auf jeden Fall versuchen, optimale Bedingungen für ein positives Selbstbild zu schaffen. Gift für die junge Psyche ist es immer, wenn man Lebensberechtigungsscheine für Wohlverhalten verteilt: Du bist lieb, wenn Du dieses oder jenes tust. Ich mag Dich, wenn Du gute Noten schreibst. Wenn Du immer brav und folgsam bist, akzeptieren Dich die Menschen. Solche Sätze brauchen nicht einmal ausgesprochen zu werden, um uns lebenslang zu prägen.

Kinder müssen lernen, dass sie bedingungslos liebenswert und richtig sind, wie auch immer sie sich verhalten. Negative Kritik muss sich immer auf das Verhalten beschränken und darf niemals das Fühlen und Sein berühren! Sonst fördern wir nur mächtige innere Kritiker - und nicht selbstbewusste Menschen.

Interview: Michèle Rothenberg

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