Religion: Glauben lernen

Lara Widmann* hat sich nie viel mit Religion und Glauben beschäftigt - bis sie vor vier Jahren Stefan traf, strenggläubig und ihre große Liebe.

Stefan wurde getauft. Ich nicht. Als Stefan in den Konfirmandenunterricht ging, war Glauben für ihn noch kein großes Thema. Für mich war es gar keins mehr. Als wir uns trafen, war sein Glaube ein wichtiger Teil von ihm. Ich hatte Gott längst abgehakt.

Liebe für Serienmörder

Ich sah Stefan zum ersten Mal bei einem Freund. Wir verabredeten uns, trafen uns öfter. Ich dachte, dass Stefan ein wichtiger Freund werden könnte. Dann gestand er mir seine Liebe. Ich dachte: Das geht nicht, er braucht doch eine Frau, die auch glaubt, ich ruiniere sein Leben! Aber auch ich hatte mich verliebt. Und meine Gefühle waren so stark, dass ich dachte, ich könnte auf vieles Rücksicht nehmen - auch auf seinen festen Vorsatz, keinen Sex vor der Ehe zu haben. Dann erst merkte ich, wie schwer das ist. Ich wälzte die Bibel, wollte wissen, was da wirklich steht. Wir sprachen mit Freunden von ihm, die wie er strenggläubig waren. Ich wollte wissen, wie die damit umgehen. Die Antworten aber halfen mir nicht weiter. Ich war gekränkt, empfand Gott als Konkurrenz. Und Stefan befand sich in einem ständigen Zwiespalt. Nach ein paar Monaten haben wir trotzdem miteinander geschlafen - und genossen das beide. Aber für Stefan ist Sex bis heute ein innerer Konflikt.

Unsere Eltern haben es uns zusätzlich schwer gemacht. Seine meinten, die Beziehung könne so keinen Segen finden. Meine sahen mich schon in den Fängen einer Sekte, weil Stefan einer Freikirche angehört. Aber ich fühlte keinen Zwang. Stefan hat mich nicht gedrängt, bei ihm fühlte Glauben sich nach Heimkommen an.

Die Leute aus seiner Hausgemeinde nahmen mich freundlich auf. Wir trafen uns regelmäßig, beteten gemeinsam, und jeder erzählte von seinen Erlebnissen mit Gott. Auch wenn ich mir Mühe gab: Es blieb das Gefühl, einen Teil davon zu spielen, nicht wirklich dazuzugehören. Also setzte ich mich allein hin und versuchte zu beten. Irgend- wann war es auf einmal stimmig, kam ganz tief aus mir heraus. Das war, als ob etwas einrastet, ich hatte Gott gefunden! Ich war so glücklich, den Glauben endlich mit Stefan teilen zu können, dass ich mich taufen ließ. Ich wollte das kleine Pflänzchen festhalten, das da in mir wuchs.

Aber es war nicht wie erhofft, dass wir uns über den Glauben noch näher gekommen wären. Meine ganze Euphorie schlug um in Fragen: Was hab ich gemacht? Das bin doch gar nicht ich gewesen? Wer bin ich? Da, wo ich herkomme, gibt es keinen übergeordneten Plan, keinen Gott wie bei Stefan. Er ist damit aufgewachsen, für mich ist Religion wie eine sehr fremde Sprache, die mir nicht entspricht. Schon nach wenigen Wochen war das Pflänzchen in mir tot. Und nach ein paar Monaten trat ich wieder aus der Kirche aus. Stefan akzeptiert das und meint, dann muss das mit uns eben anders gehen. Und es geht erstaunlich gut. Wir teilen so viele Leidenschaften, wir ergänzen uns gut. Wenn wir Trost suchen, geht er zu Gott und ich ins Kino. Heute ist Stefans Glaube kein Dauerthema mehr bei uns, in letzter Zeit haben wir kaum darüber gesprochen. Wir denken nicht ständig an die Zukunft, sonst müssten wir uns Fragen stellen wie: Heiraten wir kirchlich? Wenn wir mal Kinder haben, wollen die Großeltern dann Einfluss auf ihre Erziehung nehmen? Manchmal gehe ich noch mit in die Gemeinde, bleibe dort aber immer irgendwie ein Gast.

Gott sehe ich heute nicht mehr als Konkurrenz, sondern als Stefans Kraftquelle. Ich habe diese Kraftquelle nicht. Ich habe einen ganz, ganz kleinen Glauben und große Zweifel. Aber ich denke gern an die Wochen, in denen ich glauben konnte. Stefans Eltern sehen mich noch immer auf dem Weg zu Gott, meine Eltern sehen Stefan auf dem Weg von Gott weg. Aber dass er seinen Glauben verliert, ist wirklich das Letzte, was ich ihm wünsche.

*Namen von der Redaktion geändert

Protokoll: Tinka Dippel BRIGITTE Heft 26/2006
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