Schamgefühl im Trend: Die neue Verklemmtheit junger Frauen

Scham hat wieder Konjunktur, sagt die Sexologien Ann-Marlene Henning. Unser Umgang mit Sexualität wird nicht lockerer, im Gegenteil: Der Optimierungsdruck führt zu einer ganz neuen Verklemmtheit - gerade bei jungen Frauen.

Dass Sie sich als Sexologin mit Geschlechtsteilen beschäftigen, ist ja klar. Sie empfehlen aber auch jeder Frau, ihr Untenrum kennenzulernen. Warum?

Persönlichkeitstest

Ann-Marlene Henning: Weil Frauen leider immer noch ein sehr negatives genitales Selbstbild haben.

Was genau ist das?

Genau wie beim allgemeinen Körperbild geht es beim genitalen Selbstbild um Wahrnehmung und Gefühle, dann aber speziell zum eigenen Genital. Und wer da ein weniger gutes Bild hat, hat tendenziell weniger Orgasmen, weniger Genuss und neigt eher zu riskantem Sexualverhalten, also zum Beispiel zu Sex ohne Kondom und dazu, etwas mitzumachen, nur weil der anderes will. Spätestens da sollten wir aufhorchen: Wenn wir Mädchen zu einem positiven Selbstbild verhelfen, haben sie es leichter, Grenzüberschreitungen zu vermeiden, sie können besser Nein sagen.

Aber Sexualität ist doch kein Tabu-Thema mehr. Sind wir nicht schon entspannter?

Das glaube ich nicht. Für meine Masterarbeit habe ich in diesem Jahr über 1300 Frauen zu ihrem genitalen Selbstbild befragt. Die jüngeren haben eindeutig weniger positive Gedanken zu ihrem Genital als ältere Frauen.

Und woran liegt das?

Es könnte natürlich sein, dass man mit dem Alter relaxter wird. Ich glaube aber eher, dass es einen generellen Unterschied zwischen den Generationen gibt. Rasierte, gebleichte, operierte Vulven - diese Bilder sind heute überall zugänglich und sie erzeugen Druck. Vor allem natürlich bei Menschen, deren sexuelles und körperliches Skript gerade erst gebildet wird.

Je mehr man sieht, desto mehr Scham?

Es kommt darauf an, was man sieht. Es gibt niederländische Untersuchungen mit jungen Mädchen, die ihre Genitalien als hässlich und ekelhaft beschreiben. Nachdem sie aber 45 Minuten lang Bilder von ganz normalen Vulven angesehen haben, wurde ihr Selbstbild schon deutlich besser. Man lernt die Vielfalt zu akzeptieren. Die ist nämlich unfassbar groß.

Ich halte Body Positivity für eine Nischenerscheinung

Aber dann ändert sich ja im Zuge der Body-Positivity-Bewegung ja vielleicht doch etwas, wenn immer mehr Frauen, vor allem in den sozialen Medien, sich einfach in ihrer Normalität zeigen.

Ich halte Body Positivity für eine Nischenerscheinung. Der Zwang zur Optimierung herrscht überall und er betrifft mittlerweile eben auch das Genital. Einige, vor allem Jungen, machen mit. Andere machen zu.

Was meinen Sie mit "zumachen"?

Wenn Frauen den Optimierungsdruck nicht mitmachen möchten, könnten sie ja auch sagen: Lasst mich mit meinem Körper in Ruhe, ich bleibe offen. Stattdessen gibt es diesen Rückschritt des Zumachens: nicht mehr nackt in die Sauna, nicht mehr nackt an den Strand usw. Scham hat wieder Konjunktur.

Und Männer haben das Problem nicht?

Männer haben durchweg ein besseres genitales Selbstbild als Frauen. Zumindest noch, denn auch bei ihnen wächst der Druck. Penis-OPs - also den Penis durch einen Eingriff zu verlängern - steigen enorm an. Trotzdem gibt es kaum einen Mann, der seinen Penis nicht kennt oder nicht mag. Da liegt übrigens schon ein weiterer, sehr grundlegender Ursprung des Problems: Wir sagen "Penis". Das Ding hat also einen Namen, für weibliche Genitalien gibt es immer noch keinen allgemein akzeptierten.

Aktivistinnen und Künstlerinnen benutzen Worte wie Scheide oder Vagina doch inzwischen sehr selbstbewusst.

Ja, zum Beispiel das bekannte Kunstwerk "The vagina wall", eine ganze Wand mit Abgüssen von - und da sind wir mitten im Bild - eben nicht Vaginas, sondern Vulven. Denn so heißen die äußeren Geschlechtsorgane korrekt, die Vagina oder Schiede liegt innen.

Das ist doch spitzfindig. Alle wissen schließlich, was gemeint ist ...

Es ist eben nicht egal. Eine Wissenschaftlerin hat mal gesagt, es wäre so, als wenn man immer, wenn man "Penis" meint, "Hodensack" sagen würde. Dem entsprechen nämlich bei der Frau die äußeren Vulva-Lippen. Immer wenn jemand versucht, über das zu reden, was eigentlich gemeint ist, nämlich den Penis, würden wir also sagen "Ja genau, der Hodensack". Damit ist klar: Man kann über etwas nicht sprechen, das keinen eindeutigen Namen hat. Und dann bilden sich auch keine kognitiven Repräsentanzen im Gehirn; es gibt das Körperteil sozusagen nicht.

Man muss seine Geschlechtsteile so gut kennen, dass man sie im Fundbüro wiederfinden würde

Und warum ist das weibliche Geschlechtsteil immer noch namenlos?

Weil wir seit Jahrhunderten in einem Patriarchat leben. Es geht um Unterdrücken von Frauen durch Männer - wahrscheinlich aus Sorge. Eine sexuell aktive, leidenschaftliche Frau ist eine Bedrohung für die Männlichkeit: Denn dann muss "er" stehen, für sie. Feministinnen haben übrigens laut Studien ein deutlich positiveres genitales Selbstbild.

Welchen Begriff würden Sie vorschlagen?

Ich habe Kolleginnen mit kleinen Töchtern, die benutzen den Ausdruck "Vulvina". Den finden viele gut, manche auch verniedlichend. Aber zumindest ist es mal ein eigener positiver Namen und nicht "Popo vorn", was tatsächlich einige Eltern ihren Kindern gegenüber benutzen. Mit Vulvina ist man schon weit. Allerdings kann man das Problem nicht alleine lösen.

Warum nicht?

Weil dann Hannah, die auf der Hüfte ihres Vaters getragen wird, sagt "Meine Vulvina klemmt", das kann zum Problem im Kindergarten werden. Wobei die Erzieher*innen oft super in Sachen Aufklärung sind, die Eltern von Luise, die den Ausdruck hören, vielleicht aber nicht. Wir brauchen eine große Antwort. Körper-, Sexual-, Liebes- und Beziehungskunde muss ein Schulfach werden.

Sexualkunde gibt es doch eh ...

Ja, von Biologielehrer*innen, die oft keine Ahnung haben oder keine Lust. Ich hatte hier mal eine Biologielehrerin mit Orgasmusproblemen, die sagte, die Klitoris sei klein wie eine Erbse. Dabei ist sie groß wie eine Birne und hat alles, was der Penis hat. Sie kann anschwellen, hat drei- bis viermal so viele Neuronen wie die Penisspitze und keine andere Funktion als Lust. Das ist eine ganz andere Info! Jedes kleine Mädchen findet es doch erst einmal toll, was es da unten hat, und dann kriegt es von allen Seiten etwas anderes zu hören. Es wird ja auch immer wieder suggeriert, die Vagina müsse man sauber halten. Dabei ist sie durch ihre Schleimhäute selbstreinigend. Wenn man etwas sehr sauber halten muss, dann den Penis.

Das empfehlen Sie Ihren Klientinnen?

Total. Der erste Schritt ist meist der Spiegel. Aber auch das Schmecken ist wichtig. Nicht jede macht das, aber die, die sich überwinden, sind überrascht, dass es einfach nur ein bisschen salzig schmeckt, fertig. Während meiner Ausbildung hat eine Wissenschaftlerin mal gesagt: Man muss seine Geschlechtsteile so gut kennen, dass man sie im Fundbüro wiederfinden würde!

Ein Trend scheint der Scham jedoch entgegenzulaufen: Sextoys boomen.

In Sachen Masturbation werden wir tatsächlich offener. Es gibt eine Untersuchung der Hochschule Merseburg, die in größeren Abständen Jugendliche befragt. Die Zahlen für Masturbation sind seit der ersten Erhebung 1973 deutlich gestiegen, besonders die Mädchen holen auf. Das ist sicher gut. Aber mit der Flut an Sextoys habe ich trotzdem mein Problem.

Warum?

Es stört mich, wenn Geräte mit dem Versprechen "Orgasmusgarantie" beworben werden. Das ist Quatsch und bedeutet wieder Druck und Optimierung. Frauen, die nicht kommen können, spannen meist zu sehr an und da bringt so ein Gerät gar nichts, außer weitere Irritation. Und selbst wenn man entspannt ist: So ein schnelles Gerät hat mit Genuss nichts zu tun und nichts damit, den Körper zu kennen oder kennenzulernen.

Trotzdem hat jede vierte Frau ein Sextoy.

Ich habe auch nichts dagegen, wenn die benutzt werden. Aber ich habe Freundinnen, die sagen, sie seien abhängig von ihrem Vibrator. Mit dem Partner jedoch klappt der Orgasmus nicht mehr, weil eine Überstimulation zur Gewohnheit geworden ist und der Penis nun mal nicht 8000 Schwingungen hat. Man kann mit den Geräten in acht Sekunden kommen, aber es baut sich keine ganzkörperliche Erregung auf. Dafür muss man entspannt sein, mehr als die Klitoris einbeziehen, die Haut streicheln, Zellen aufwecken, dann kommt mehr Erregung im Gehirn an und man hat den geileren Orgasmus.

Ann-Marlene Henning ist Sexual- und Paartherapeutin (www.doch-noch.de). Ihr aktuelles Buch "Sex verändert alles: Aufklärung für Fortgeschrittene" (Rowohlt) richtet sich an Teenager.

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BRIGITTE 25/2019

Wer hier schreibt:

Antje Kunstmann
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