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Schicksalsschlag Barbara verlor ihre Familie – doch nicht ihren Mut

Schicksalsschlag: Hände ausgestreckt an Tür
© Santirat Praeknokkaew / Shutterstock
Das Drama: Barbara Pachl-Eberhart verlor ihren Mann und zwei Kinder bei einem Autounfall. Was sie stark machte: Demut, Ehrlichkeit mit anderen und den eigenen Gefühlen, Spiritualität.

Mein Mann und ich haben beide als Clowns gearbeitet. Als Clown lernt man, dass das Leben nie perfekt läuft. Dass Unfälle dazugehören, kleine und eben auch große. Dieser Beruf hat mich Demut gelehrt. Ein Clown macht dauernd Fehler. Er weiß, wie schwer das Menschsein ist, und macht niemandem einen Vorwurf. Mein Mann hat einen Fehler gemacht, er hat einen Zug übersehen. Ich war Heli dafür nicht böse. Böse zu sein braucht viel Kraft, ich konnte diese Kraft für anderes verwenden.

Wenn man sich das Fühlen verbietet, wird man innerlich hart 

In der ersten Zeit nach dem Unglück half mir jede Art von Ehrlichkeit. Ich war allen dankbar, die nicht gefragt haben, wie es mir geht, sondern einfach praktische Hilfe geleistet haben. Dankbar bin ich auch meiner besten Freundin Sabine, die mir ihre eigenen Gefühle zugetraut hat. Sie sagte, auch ich trauere, lass uns gemeinsam trauern. Sie hat ihre Trauer nicht hinter Mitgefühl versteckt. Ich merkte, dass viele Menschen nicht damit umgehen konnten, was geschehen war. Und auch nicht mit mir. Ich musste lernen, meine Bedürfnisse klar zu kommunizieren. Das war nicht immer einfach, aber notwendig. Keiner kann Gedanken lesen.

Durch meine Arbeit als Krankenhausclown wusste ich viel über Krisen und habe mich deshalb von Anfang an therapeutisch begleiten lassen. Zusätzlich habe ich Fachliteratur über Trauer gelesen und gesehen: Ah, andere Menschen sind auch fünf Tage nicht aus dem Bett aufgestanden. So habe ich mir die Erlaubnis geholt, das zu tun, was mir richtig erscheint. Ich habe mir Schlaf und Verzweiflung erlaubt. Weil ich in einem Haus auf dem Land lebte, konnte ich hemmungslos brüllen, bis ich so ermüdet war, dass ich einschlief. Wenn man sich das Fühlen verbietet, wird man innerlich hart.

Ich wollte weich und fühlend bleiben, deshalb habe ich geübt weiterzuatmen, im Schmerz, in der Angst, in der Wut. Ich habe mir erlaubt, nicht mehr funktionieren zu müssen. Mein Glück war, dass ich mitten in der Trauer einen neuen Partner gefunden habe, einen Mann mit emotionaler Tiefe und mit großem, weitem Herz. Er hatte mich vor dem Unglück nicht gekannt. Er war nicht persönlich betroffen. Einen Großteil meiner Trauer konnte ich erst zulassen, als er an meiner Seite war. Ulrich ist bis heute mein Partner, 2015 haben wir geheiratet.

Dem Leben weiter vertrauen

Ich habe nach einem neuen Lebenssinn gesucht. Ein Teil meiner Sinngebung lag im Schreiben. Ich schrieb ein Buch aus der Sicht einer Überlebenden, ein Buch über Trauer, aber ohne düsteren Blick. Mit dem Buch "Vier minus drei" (Heyne Verlag) habe ich, ohne es zu wissen, viele Trauer-Tabus gebrochen. Die Fähigkeit, frei zu denken und zu fühlen und nicht im Mainstream zu schwimmen, ist mir angeboren, sie wurde durch meine Clownausbildung noch verstärkt.

Ich habe mich entschieden, dem Leben weiter zu vertrauen. Paradoxerweise fällt mir das heute noch leichter als früher. Ich vertraue meiner Selbstheilungskraft, ich habe noch mehr Mut, mich auf Ungewisses einzulassen.

Eine Frage hat mich lange beschäftigt: Würde ich eines Tages wieder sagen können, dass ich wirklich glücklich bin? Würde ich das sagen dürfen? Geholfen hat mir die Frage, wie meine verstorbene Familie wohl zu diesem Thema steht. Ich verstehe mich als Bodenpersonal meiner himmlischen Familie. Deshalb versuche ich, unseren Geist weiter zu vertreten. Es ist ein froher Geist, dem Humor und Glück wichtig sind. Ich glaube, meine Familie sagt: Ja, es ist gut, dass du das Glück wieder an dich heranlässt, und zwar kein geducktes Glück, sondern das richtig große Glück.

Als Schriftstellerin wollte ich nach meiner Trauer auch wieder über lustige Dinge und Alltagsprobleme schreiben. Das erlaube ich mir heute wieder. Mein Leben ist spätestens seit der Geburt meiner Tochter vor drei Jahren wieder ziemlich normal. Ein paar Reste bleiben: Muss sie mit dem Auto gefahren werden, mache ich das. Das musste ich in meiner Familie nicht besprechen, das hat sich so ergeben.

Barbara Pachl-Eberhart, 46, lebt mit ihrem jetzigen Mann und der gemeinsamen Tochter in Wien. Sie arbeitet als Resilienztrainerin und Autorin. Zuletzt erschien von ihr "Wunder warten gleich ums Eck" (Integral Verlag).

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BRIGITTE 12/2020

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