Schlechte Laune? Besser als ihr Ruf!

Ist schlechte Laune wirklich so schlecht? Psychologe Thomas Prünte erklärt, wie Sie miese Stimmung und "negative" Gefühle positiv nutzen können.

Thomas Prünte, 52, arbeitet seit mehr als zwanzig Jahren als Therapeut, Paarberater und Coach. Ihm ist aufgefallen, dass es immer noch ein Tabu ist, sich schlecht zu fühlen.

BRIGITTE.de: Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel "Vom Sinn schlechter Laune. Warum es gut tut, sich schlecht zu fühlen". Heißt das, dass ich jetzt statt der sprichwörtlichen "rosa Brille" lieber eine dunkel getönte aufsetzen sollte?

Thomas Prünte: Nein, aber mal schlechte Laune haben zu dürfen, entlastet Menschen ungeheuer. Wir ermahnen uns oft zu schnell, positiv zu denken. Schlechte Gefühle gibt es meiner Meinung nach gar nicht. Das ist eine Bewertung. Es ist doch so, Freude, Lust und Sex wollen wir alle, aber was ist mit Traurigkeit oder Einsamkeit? Was ist, wenn man sich gekränkt fühlt? Das sind alles Emotionen, die auch ihre Daseinsberechtigung haben. Und: Man muss erst mal verstehen, warum jemand möglicherweise schlecht gelaunt ist. Ich ziehe da gerne den Vergleich zu dem roten Kontrolllämpchen im Auto. Schlechte Laune ist der Hinweis darauf, dass wesentliche Bedürfnisse übergangen wurden.

BRIGITTE.de: Zum Beispiel?

Thomas Prünte: Ein ganz wichtiges Grundbedürfnis ist, dass wir in Beziehungen leben und dort Sicherheit und Respekt erfahren. Wenn unser Bedürfnis nach Wertschätzung mit Füßen getreten wird, der Wunsch nach Nähe oder Distanz nicht geachtet wird oder Grenzen überschritten werden, fangen Menschen an, sich schlecht zu fühlen.

BRIGITTE.de: Steckt immer eine Botschaft hinter schlechter Laune?

Thomas Prünte: Es gibt eigentlich kein grundloses Traurigsein. Es ist aber oft so, dass man den Kontext noch nicht gefunden hat. Die Spurensuche kann manchmal ein bisschen mühsam werden.

BRIGITTE.de: Und während ich auf der Suche bin, wie erkenne ich denn, ob ich gerade "konstruktiv negativ denke", wie Sie es beschreiben, oder mich in meinen eigenen Gedanken verheddert habe?

Thomas Prünte: Wenn Grübeln zu keinem Ergebnis führt, dann bleibt es Grübeln. Aber wenn Sie analysieren, warum Sie schlechte Laune haben und was Sie tun können, um dagegen anzugehen, dann ist das produktives Denken. Allerdings kommen Sie nicht darum herum, sich dafür ein bisschen Zeit zu nehmen. Wenn Sie dann immer noch gereizt bleiben und es nicht mehr hinkriegen, sich "gut drauf zu machen", würde ich die gute alte Frage des Arztes empfehlen: Was fehlt Ihnen?

BRIGITTE.de: Sie sagen immer wieder, dass man sich viel Zeit für sich selbst nehmen soll. In Ihrem Buch nennen Sie es "sich Fühlzeiten gönnen". Was genau ist damit gemeint?

Thomas Prünte: Fühlzeiten sind die Kunst der Pause. Wir sind gewöhnt, schnelltaktig zu funktionieren. Dabei werden emotionale Befindlichkeiten leicht übergangen. Fühlzeiten können für jeden anders aussehen: Mal einen Abend alleine verbringen, sich ins Bett zurückziehen. Manche brauchen geschlossene Türen, anderen hilft es, Tagebuch zu schreiben, schöne Musik zu hören, zu lesen oder Stimmungen in Gefühlsbildern aufzumalen. Sie können sich selbst zu Wort kommen lassen: "Ich habe schlechte Laune, weil ...", "Was ich in dieser Situation eigentlich brauche, ist ...". Oder anders herum. Vielen Menschen fällt es leichter zu sagen, was sie nicht mehr wollen.

BRIGITTE.de: Es ist ja nun nicht nur meine eigene schlechte Laune, die mir im Alltag begegnet. Wie gehe ich denn mit der schlechten Laune von anderen um? Sagen wir, wenn meine beste Freundin meine Ratschläge einfach nicht mehr hören will und ich deshalb kurz vor beleidigt bin?

Thomas Prünte: Sie könnten ganz simpel fragen: "Woran liegt es denn?" Auch Ihre Geduld, sich auf andere einzulassen, ist ja begrenzt. Wenn Sie merken, der andere nimmt Ihre Ratschläge nicht auf, setzt sie nicht produktiv um, haben Sie irgendwann keine Lust mehr. Vielleicht will Ihre Freundin keine Hilfe, sondern einfach nur jammern. Das ist auch mal in Ordnung, wenn es deutlich kommuniziert wird. Im nenne das "Grundregel des Jammerns". Wenn man sich zum Jammern verabredet, gibt es eine ganz klare Abmachung: keine Ratschläge, nur Zuhören.

BRIGITTE.de: Das klingt ziemlich anstrengend. Was ist, wenn ich gerne Nein sagen würde, mich dann selbst aber als egoistisch oder rücksichtslos empfinde, weil ich einer guten Freundin ein offenes Ohr verweigere?

Thomas Prünte: Dann müssen Sie abwägen, was Ihnen wichtiger ist. Egoistisch zu sein, ist nicht immer negativ. Um helfen zu können, müssen Sie sich auch gut um sich selbst kümmern. Viele Menschen sind bereit, jemandem, den sie gern mögen, zuzuhören. Wenn derjenige aber ein ganzes Jahr lang immer über das gleiche klagt, dann kippt das ursprüngliche Wohlwollen in eine Ablehnung. Wenn Sie in einem Gespräch mit einem Freund oder einer Freundin merken, dass es Ihnen schlecht geht, würde ich Ihnen empfehlen, das ernst zu nehmen. Die Frage, auf die es früher oder später ankommt, ist doch: Stimmt die Balance? Auf eine Schieflage reagieren Menschen ganz sensibel. Und dafür haben wir alle, Männer wie Frauen, ein Empfinden. Deswegen appelliere ich auch an die Eigenverantwortung desjenigen, dem es nicht gut geht. Sonst bekommen Sie Kollateralschäden auf der Beziehungsebene. Und dann haben Sie wieder schlechte Laune.

BRIGITTE.de: Schlechte Laune können wir also auch als unseren inneren Seismographen verstehen. Wie sind Sie denn hinter den "Sinn" von schlechter Laune gekommen? Warum ist es so wichtig, sich ab und zu mal schlecht zu fühlen?

Thomas Prünte: Im Grunde geht es darum, sich mit allen Gefühlen, die man hat, anzunehmen. Authentizität ist ein großes Thema, das für mich mit der schlechten Laune und den "negativen" Gefühlen zusammengehört. Alle Menschen wünschen sich doch, sie selbst sein zu können. Dazu gehört auch, seine dunkle Seite wahrzunehmen. Sonst werden wir eine normierte Gesellschaft von Smilies. Tiefe entsteht gerade dann, wenn man auch Leidvolles erlebt hat - und es mit anderen teilen kann.

Wie Sie selbstbewusst mit schlechter Laune umgehen können

Die Aufforderung "Lach doch mal!" kann ganz schön nerven, wenn man gerade schlechte Laune hat. Anstatt den nett gemeinten Kommentar grantig zu kontern, empfiehlt Thomas Prünte täglich einige Minuten "Fühlzeit" für sich selbst zu reservieren. Auch für schwierige Situationen gilt: letztendlich zählt das "Trotz allem" und der Mut, etwas Neues ausprobiert zu haben. Unabhängig davon, ob der "volle Erfolg" schon eingetreten ist.

Die folgenden fünf Schritte aus Thomas Prüntes Buch "Vom Sinn schlechter Laune" zeigen Ihnen, wie Sie mit schlechten Stimmungen selbstbewusster umgehen können:

1. Schritt: Sich selbst ernst nehmen Der wichtigste Schritt. Niemand wird Sie ernst nehmen, wenn Sie es nicht tun! Ihr Selbstwert-Konto wird enorm anwachsen, wenn Sie sich mit Achtsamkeit und Wertschätzung begegnen.

2. Schritt: Nein sagen ist ein Ja zu sich selbst Sich abzugrenzen bedeutet, dem anderen eine Chance zu geben, Sie wirklich kennenzulernen. Ein deutlich formuliertes Nein ist fur Ihr Wohlbefinden eine gute Investition, selbst wenn Sie es zu Beginn noch zögerlich aussprechen. Sie werden an dem Ja zu sich selbst wachsen. Ihre Ernte wird aus einem Anwachsen Ihrer Selbstachtung und Ihres Selbstbewusstseins bestehen. Und ganz praktisch darin, dass sich die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass Sie das bekommen, was Sie brauchen oder wollen!

3. Schritt: Den Radiergummi in der Tasche lassen Stimmen wie "Das ist doch nicht so wichtig", "Andere machen es doch auch so", "Das nimmt eh keiner ernst"“ kommen auf die Ersatzbank, denn diese entwerten die Tatsache, dass Sie ein normales und menschliches Bedürfnis haben. Radieren Sie Ihre "kleinen Alltagsanliegen" bis hin zu Ihren tiefen Sehnsuchten - und damit einen Teil Ihrer Persönlichkeit - nicht aus!

4. Schritt: Den guten Geist in sich wachrufen Wenn Sie (noch) unsicher sind, orientieren Sie sich an geeigneten Vorbildern. Das kann ein Mensch sein, der sich nichts gefallen lässt, eine prominente Persönlichkeit, die in der Öffentlichkeit selbstbewusst zu ihren Bedürfnissen steht, oder die Vorstellung einer haltgebenden Bezugsperson, die Ihnen Mut zuspricht und Sie darin unterstützt, gut fur sich zu sorgen.

5. Schritt: Mut-Anfälle riskieren "Versuch macht kluch!", heißt die Devise. Probieren Sie neues Verhalten aus, experimentieren Sie und sammeln Sie dadurch Erfahrungen. Sie können jeden Tag dafür nutzen, etwas für Ihr emotionales Wachstum, Ihren Selbstwert und eine neue, an Ihren Bedürfnissen und Zielen orientierte Identität zu tun. Üben Sie beispielsweise, eine aufrechte Körperhaltung einzunehmen, Ihre Stimme bewusst kräftiger, bestimmter oder gar lauter werden zu lassen, und formulieren Sie auch kleine Ärger rechtzeitig.

Vom Sinn schlechter Laune Warum es gut tut, sich schlecht zu fühlen Thomas Prünte Verlag: orell füssli 190 Seiten 19,90 Euro seit September 2010 im Handel

Interview: Undine Zimmer Fotos: orel füssli
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