"Ich? Beleidigt? Nö, ich hab nichts!"

Schmollen ist kindisch und nervt. Warum tun es dann alle? Weil es ein Weg ist, mit übergroßen Gefühlen klarzukommen.

Hast du was? - Nein, wieso? - Ich merk doch, dass du was hast. - Nein, nein. - Willst du drüber reden? - Wieso, worüber denn, ich sag doch, es ist nichts.

Stellen Sie sich an dieser Stelle bitte ein unbehagliches Schweigen vor, dann eine neue Variante davon, zu wiederholen, bis der Erste ins Bett geht (allein). Schmollen ist immer gleich und immer neu, und jedes Mal trifft einen diese passivaggressive Kommunkationsverweigerung unvorbereitet. Und es scheint, als würde mehr geschmollt denn je: Man kann heute auch auf Facebook schmollen und per SMS, und je mehr wir Erwachsenen von heute an unserer Kindheit und Jugend festhalten, desto mehr verbreitet sich diese kindliche Verhaltensweise, eine Mischung aus unterdrückter Wut, verdruckstem Schweigen und In-sich-gefangen-Sein. Es gibt Leute, die wirklich sehr ausdauernd und lange schmollen können - aber definitiv nicht länger als etwa 200 Jahre. Der englische Philosoph Alain de Botton hat neulich in einem Blogpost die Geschichte dieser weit verbreiteten und ebenso unattraktiven wie unwiderstehlichen Verhaltensweise beschrieben. Schmollen gibt es demnach erst seit etwa 1800, weil es eine direkte Folge der Romantik beziehungsweise der Entdeckung vom Ideal der romantischen Liebe ist.

Seit der Romantik existiert die Vorstellung, dass es so etwas wie wahre, tiefe, bedingungslose Liebe gibt zwischen Menschen, die füreinander bestimmt sind. Seelenverwandtschaft, schicksalhafte Liebe auf den ersten Blick, zwei Herzen, die wie eines schlagen: Jedenfalls glauben wir, seit es dieses Ideal beziehungsweise diesen ganzen Schmus gibt, dass jemand, der uns liebt und den wir lieben, uns blind verstehen und all unsere Gefühle erspüren müsste. Wenn das dann nicht der Fall ist, dann schmollen wir. Vor der Romantik waren Ehen Zweckbündnisse, Liebe höchstens ein Nebeneffekt, und darum war jeder von vornherein darauf eingestellt, missverstanden und enttäuscht zu werden. Entsprechend wäre niemand auf die Idee gekommen zu schmollen.

Stark oder sensibel: Deine Lenkrad-Haltung verrät viel über dich

"Du hättest doch ahnen können, dass ich mich den ganzen Nachmittag auf den Meeresfrüchtesalat von gestern Abend gefreut habe"

Da es keinen Weg zurück gibt in dieses goldene Zeitalter des zwischenmenschlichen Pragmatismus, müssen wir übers Schmollen reden. Wie gesagt: unattraktiv und unwiderstehlich zugleich. Wenn man schmollt, weiß man, dass man keine gute Figur abgibt. Zugleich ist der Sog, sich in diese ebenso düstere wie seltsam kuschelige Seelen-Ecke zurückzuziehen, riesengroß, und wenn man einmal drin ist, kommt man von allein nicht mehr raus. Zum Beispiel: Müsstest du doch eigentlich wissen, dass ich deine Kollegen nicht mag und den Abend lieber mit dir verbracht hätte, aber jetzt hast du mich irgendwie überredet, mitzukommen, und jetzt sitze ich hier, finde alle und alles doof. Oder: Du hättest doch ahnen können, dass ich mich den ganzen Nachmittag auf den Meeresfrüchtesalat von gestern Abend gefreut habe, und jetzt komme ich nach Hause, du hast das Zeug mittags im Büro gegessen und "endlich mal wieder Kartoffelpuffer gemacht" nach dem Rezept deiner Mutter. Ja, nichtiger Anlass, ich weiß, aber: Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie unverstanden und betrogen ich mich fühle, weil du die Frutti di mare weggeknallt hast. Also sage ich nichts, sondern schmolle. Kartoffelpuffer? Nee, ich hab eigentlich gar keinen Appetit.

Ist was? Nein, alles gut. Sicher? Ja, ja. In der Psychologie wird Schmollen als Mittelweg zwischen Kampf und Flucht beschrieben: Ich stehe zwar nicht vom Tisch mit den Kollegen auf, und ich geh nicht von den Kartoffelpuffern weg und esse im Restaurant, ich suche aber auch nicht die Auseinandersetzung und erkläre, was mich stört und warum. Wer schmollt, wählt den "Sieg in der Niederlage", wie BRIGITTE-Kollege und Psychologe Oskar Holzberg es einmal genannt hat: Ich habe eine Schlappe erlitten (Abend versaut, Vorfreude auf Top-Salat enttäuscht), aber ich gewinne ein bisschen, indem ich als passiv-aggressive Mini-Rache die Stimmung verderbe. Das hast du nun davon, ich bin mit meinem Schmerz nicht ganz allein. Aber das sage ich natürlich nicht, das zeige ich nur. Denn Schmollen, hat der englische Schriftsteller Guy Browning mal geschrieben, ist wie "emotionaler Bummelstreik": Man macht nur noch Dienst nach Vorschrift, man reagiert zwar noch auf Ansprache, aber nur ausweichend. Schmollen wird erst dadurch perfekt, dass man abstreitet zu schmollen: die alte Leier vom "Du-hast-doch-was?-Nein-wieso-ich-hab-nichts", der begleitende Basslauf so mancher Partnerschaft nach der Verliebtheitsphase.

"Schmollen ist der Mittelweg zwischen Kampf und Flucht"

Ein lächerliches, rührendes Verhalten, kindisch, bestenfalls kindlich, denn gelernt haben wir das in den ersten Jahren unseres Lebens. Aber Psychologinnen haben in den letzten Jahren eine positivere Lesart des Schmollens entwickelt: Wer schmollt, ist über eine Kleinigkeit so wütend und verletzt, dass sie (oder er) sich unbewusst nicht traut, dieses Gefühl anders auszudrücken: Indem man schmollt, möchte man andere vor der eigenen Wut schützen. Die einem selber unangemessen erscheint, weil doch der Anlass scheinbar immer so winzig ist. Man könnte also auch sagen, dass Schmollen die emotionale Ausdrucksweise von Menschen ist, die nicht wissen, wie sie ihre Emotionen sonst ausdrücken sollen oder sich nicht trauen, dies zu tun. Früher galt Schmollen als Frauenspezialität. Heute, sagen Experten, schmollen vor allem die Männer: weil sie traditionell weniger Erfahrung mit dem Ausdrücken von Gefühlen haben. Wer's nicht glaubt, braucht nur die Gesichtsausdrücke von zurücktretenden Politikern oder Fußballern auf der Ersatzbank zu betrachten. Natürlich wäre es besser, die Wut und Verletzung zu formulieren. Das würde aber heißen, sie sich selbst einzugestehen und sie in Gedanken durchzuarbeiten. Schmollen ist da deutlich weniger aufwändig. Zum Schmollen braucht man nur Publikum und ein wenig Durchhaltevermögen. Wichtig ist es, möglichst den Blickkontakt mit demjenigen zu vermeiden, den man anschmollt. Es besteht die Gefahr, dass ein freundlicher oder auch nur geduldiger, vielleicht sogar liebevoller Blick einen auf andere Gedanken oder sogar zum Lächeln bringt. Überhaupt muss man sich beim Schmollen immer wieder daran erinnern, warum man überhaupt schmollt.

"Zum Schmollen braucht man nur Publikum- und ein wenig Durchhaltevermögen."

Denn beim Schmollen über zwei, drei Stunden kann einem schon mal die Wut verrauchen und der Anlass in Vergessenheit geraten. Kartoffelpuffer mit Apfelmus wären jetzt eigentlich doch ganz schön. Tatsächlich aber möchte jeder Schmollende irgendwann aus seinem Zustand erlöst werden. Wissenschaftler der University of London (Schmollen gilt in England als Volkssport, daher die dortige Expertendichte) haben einmal notorische beleidigte Leberwürste befragt, wie sie aus ihrer Schmollecke gelockt werden möchten. Es scheint von der Subtilität der Geste abzuhängen: Man sollte den Schmollenden nicht mit der Irrationalität seines Verhaltens konfrontieren ("Hör auf, dich so kindisch aufzuführen"), sondern ihn mit kleinen Versöhnungsgesten aus der Reserve locken: mit einer Tasse Tee oder dadurch, dass man einen Ortswechsel vorschlägt, einen Spaziergang in die Natur oder einen Besuch bei Freunden, wo geredet und gelacht wird und wo der Schmoller sich nach einer Weile unauffällig wieder ins normale Leben zurückbegeben kann. Dennoch: Schmollen wird ausgelöst durch eine tief empfundene Verletzung, dahinter verbirgt sich eine Wut - große Gefühle, die sich anders nicht ausdrücken lassen. Darüber müssen wir reden. Sobald keiner mehr schmollt. Und vielleicht bleibt am Ende sogar ein seltsames Paradox: Zwar ist Schmollen erst entstanden dadurch, dass unser naiver Glaube an die große Liebe im Alltag immer wieder erschüttert wird. Aber wenn Schmollen durch so tiefe, ursprüngliche Gefühle verursacht wird, dann heißt das ja offenbar: Die ganz große Liebe gibt es eben doch. Aber eben nur da, wo geschmollt wird.

Text: Till Raether
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