Schön, dass du dich auch mal wieder meldest!

Warum rufen die Alten unter ihren Freunden niemals von sich aus an – fragt sich Judka Strittmatter ...

Ich habe das große Glück, nicht nur gleichaltrige und jüngere Freundinnen zu haben, auch richtig alte Ladys zieren meine Clique. Meist sind es Frauen um die 70 oder 80, ich schätze sie wegen ihrer Lebenserfahrung, ihrer Taffheit und weil sie – im Gegensatz zu anderen alten Leuten – wenig jammern. Sie haben Flucht und Vertreibung, Diktaturen oder einen narzisstischen Ehemann überlebt – es käme ihnen nicht in den Sinn, sich zu beschweren. Ihr Pragmatismus bei gleichzeitiger Herzenswärme ist mir Vorbild, oft sind sie auch viel unternehmungslustiger als ich. Über andere Dinge will ich gar nicht erst orakeln, manch einer von ihnen traue ich vieles zu. Auch dass sie mit der Krücke einem jungen Mann den Hintern tätschelt. Lachen Sie nicht, das habe ich alles schon erlebt!

Filme streamen können sie, nur anrufen wohl leider nicht

Ich will sagen: Meine alten Damen sind modern und lebenslustig, sie wissen, das Internet zu nutzen, operieren fröhlich mit WhatsApp und streamen Filme. Und so sehr das alles fein ist, mit einer Sache bringen sie mich doch regelmäßig auf die Palme. Denn von sich aus melden sie sich nie! Jedenfalls: fast gar nicht. Immer muss ich den Faden wieder aufnehmen, anrufen, ein Treffen ausmachen, dann können wir uns in die Arme fallen. Ich bin der Hausmeister dieser Verbindung, der Sekretär, der Unterhändler. Ohne mein Zutun würden wir uns jahrelang nicht sehen, was weder in ihrem noch in meinem Sinne wäre.

Und ich würde hier nicht motzen, wäre ich mir ihrer Zuneigung nicht sicher. Das bin ich, und ich bin es generell nicht schnell. Und ich wette, dass meine alten Damen selbst warten, während sie ihrerseits nichts tun. Meistens sagen sie ja gleich am Telefon mit einem Hauch von Vorwurf: "Schön, dass du dich auch mal wieder meldest!" Äh, bitte? Diesen Irrwitz halte ich auch nur bei guter Laune aus. Merken meine lieben Silberlöckchen nicht, dass Freundschaft keine Einbahnstraße ist?

Freundschaft ist keine Einbahnstraße

Es ist wohl ein Generationending. Andere in meinem Alter bestätigen mir diese Kommunikationsverweigerung, es müssen im Lande viele Eltern sitzen, die auch immer nur warten, bis das Kind sich meldet. Obwohl das einen Vollzeitjob, fordernden Nachwuchs oder sonst was an der Backe hat. Auch Studien belegen: Unsere Seniorinnen greifen einfach kaum zum Hörer. Insofern sind sie schon wieder up to date, denn auch die Jugend verweigert das verbale Gespräch am Hörer, sie halten einen Anruf für Belästigung.

Meine alten Freundinnen hingegen, die meisten Witwen, würden wohl gern ein bisschen Austausch haben, gerade auch mit den Kindern. Ich unterstelle noch nicht mal eine böse Absicht, ich glaube eher, es ist falsche Rücksichtnahme. In dieser Generation leben noch viele, die glauben, zur Last zu fallen, dieser Art: Die Kinder haben doch so viel zu tun, ich störe nur, und was soll von mir schon kommen, was für deren Leben interessant ist. Sie stammen noch aus einer Generation, der Rücksichtnahme geradezu eingebläut wurde. Und jetzt haben sie zu viel davon.

Call me, Baby!

Lasst das, Ihr lieben Oldies, wählt unsere Nummern! Auch wir freuen uns über Anteilnahme an unserem Leben, auch wenn wir oft abgehetzt wirken oder genervt rüberkommen. Es muss ja nicht immer ein episches Gespräch sein, ein kurzes "Hallo, ich denk an dich!" freut uns genauso. Das kann man sogar texten, wenn man glaubt, am Telefon nicht willkommen zu sein. Aber eigentlich geht nichts darüber, einfach kurz alles stehen und liegen zu lassen, wenn das Telefon klingelt, und die erzwungene Auszeit zu nutzen, sich ganz und gar auf eine Sache zu konzentrieren: "Nein, du störst gar nicht. Lass mich nur kurz den Herd ausschalten."

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BRIGITTE 7/2020

Wer hier schreibt:

Judka Strittmatter
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