Schöne Männer: Machen sie glücklich?

Es gibt gute Gründe, schönen Männern aus dem Weg zu gehen, findet BRIGITTE-Mitarbeiterin Ann Wolff. Wenn sie nur nicht so verdammt gut aussehen würden...

Er steht immer schräg hinter mir, schräg links versetzt, so dass ich ihn im Spiegel sehen kann. Seine glatte Brust, die weiche Haut, die kräftigen Beine, er trägt nichts als eine enge schwarze Badehose, seine Hände hält er mitunter grazil nach oben, vielleicht war er mal Tänzer, die Augen dunkel und tief und sein Lächeln...

Hund im Laub

Sie müssen sich das so vorstellen: Wir machen nur Yoga zusammen. Eine Art Yoga, wo alle vor einem riesigen Spiegel stehen, und zwar halb nackt, denn es ist heiß, fast wie in der Sauna. Ich stehe immer in der zweiten Reihe, kurze Hose, altes Top, sicher sieht er meine Oberschenkel, von hinten . . . und nach 20 Minuten bin ich eine triefende Tomate. Keine Gazelle. Um mich rum gibt es nur Gazellen. Und schöne Männer. Es kommen viele hübsche Menschen, sicher, weil sie mögen, was sie im Spiegel sehen.

Der schöne Mann hinter mir hat mir einen Blick zugeworfen. Beim ersten Mal dachte ich, der muss mich verwechselt haben. Daraufhin habe ich ihn noch eingängiger studiert. Nach der Yogastunde sprach er in sein Handy, er hatte eine warme Stimme. Dabei hielt er das Handy so, dass man die weiche Haut über dem feinen Handknöchel spielen sah. Er trug coole Klamotten. Und dann lachte er laut und . . . hui, hab ich mich schnell aufs Rad geschwungen. Beim nächsten Mal stand er wieder schräg links hinter mir. Hat mir wieder einen Blick zugeworfen. Ich dachte: Das kann nicht sein. Ist er auf Droge? Ich!? Der muss 'ne Macke haben, dass er auf so Tanten wie mich steht. Shetlandpony neben Gazellen. Ist er pervers? Ist doch komisch, dachte ich auf dem Weg in die Bar, in der ich mit einer Freundin verabredet war: Schöne Männer muss man einfach ansehen, und irgendwie will man auch ganz nah ran und anfassen, Adrenalin rauscht durch einen durch - aber gleichzeitig schrillt da ein Alarm: Finger weg! Bloß weg!

Dabei habe ich mir immer eingebildet, dass mich schöne Männer kalt lassen. Die meisten von ihnen sind eh schwul. Bei den wenigen Ausnahmen denke ich reflexartig: Der ist mir zu schön! Zu schön bedeutet: 1. langweilig, 2. flüchtig, 3. eitel.

Meine Kollegin hat so einen, der ist sehr schön. Sie sagt: "Auf dieser Party waren wir wieder das schönste Paar." Sie verdient fünfmal so viel wie er. Und sieht selbst nicht schlecht aus. Manchmal fordert sie mich auf: "Du kannst dich ruhig mal mit ihm unterhalten." Leider haben wir uns nichts zu sagen. Mir ist klar, warum: Leute, die so schön sind, sind in ihrem Leben nicht auf Widerstände gestoßen. Denen fliegt alles zu, die Zuneigung als Kind, die besseren Noten, Freunde, Kolleginnen, Verehrer. Alles geht glatt. Keine Hindernisse, keine Brüche. Also auch keine Notwendigkeit, Persönlichkeit, Einfühlungsvermögen und Witz auszubilden. Ich glaube, meine Kollegin ist mit diesem schönen Langweiler liiert, weil er ihr den geringsten Widerstand bietet. Sie will daheim ihre Ruhe haben. Und was den Sex anbelangt: Die haben auch nicht mehr als andere nach drei Jahren.

Schöne Männer glauben, etwas Besseres verdient zu haben

Dass schöne Männer flüchtig sind, ist nicht nur mein Verdacht - Wissenschaftler haben es bewiesen. An der Universität von Kalifornien haben sie 82 Paare, die an die vier Jahre zusammen waren, vor laufender Kamera über persönliche Probleme diskutieren lassen. War der Mann schöner als die Frau, herrschte ein rauerer Umgangston, als wenn es umgekehrt war. Weniger schöne Männer signalisierten ihren schönen Frauen mehr Unterstützung. Der Studienleiter James McNulty erklärt sich das so: Schöne Männer glauben, etwas Besseres verdient zu haben - und geben sich in der aktuellen Beziehung keine Mühe. Schönen Frauen hingegen ist, evolutionsbiologisch gesehen, ein attraktiver Partner nicht so wichtig. Nur um den Eisprung herum fahren wir Frauen angeblich auf die hübschen Alpha-Männchen ab. Weil sie Eins-a-Nachwuchs garantieren. Dessen Aufzucht trauen wir den soliden Partnern zu, die uns unterstützen, weil sie sich stets bewusst sind, dass sie uns hübsche Weibchen eigentlich nicht verdient haben.

Ich lasse mich nicht gern von der Evolutionsbiologie bestimmen; ich stehe auf die Vernunft, mit deren Hilfe ich mich von meinen Fortpflanzungstrieben emanzipieren kann. Denn selbst wenn der schöne Mann wider Erwarten länger bleiben sollte, muss man seine Eitelkeit ertragen. Er braucht Stunden im Bad. Hebt Hanteln. Isst nur Diät. Und hat diese Aura von Unnahbarkeit: Er spürt die Blicke, doch am liebsten mag er sich selbst. Warum aber konnte ich mich - gewappnet mit Vernunft, Vorurteilen und Wissenschaft - der Attraktivität des schönen Mannes aus dem Yoga-Studio nicht entziehen?

Ich will ihn ja nicht für immer

Am Abend stand er plötzlich an der Theke der Bar, in der ich mit meiner Freundin Bier trank. Er strahlte wie eine Sonne, ich strahlte auch. Ich sagte zu meiner Freundin: "Guck mal, der." Sie warnte: "Der kann sie alle haben, lass die Finger davon." Ich sagte: "Ich will ihn ja nicht für immer." Und dachte: Ich will ihn nur mal anfassen. Wenn der schöne Mann mich erwählte - mich! -, kann ich so trampelig nicht sein, oder?! Menschen, die sich zusammentun, haben doch einen ähnlichen Attraktivitätsgrad. "Seine Wahl würde meine Schönheit nach außen stülpen", sagte ich. Meine Freundin starrte mich an. "Was redest du da?", sagte sie und dass es ein irrer Stress sei, mit einem schönen Mann zusammen zu sein, ich solle mich an ihren Ex erinnern, an seiner Seite habe sie dauernd an ihre Oberschenkel gedacht, an ihre Fältchen, die Kalorien in der Semmel... "Ständig habe ich mich gefragt, ob ich schön genug bin", rief meine Freundin, "das macht auf die Dauer keine Freude!"

Der schöne Mann schaute jetzt nicht mehr zu mir her. Er war woanders. Aber das machte nichts. Denn mir fiel auf, was mich wirklich an ihm störte: Seine Schönheit war offensichtlich, alle Welt bemerkte sie. Ich will es aber sein, die die Schönheit eines Menschen entdeckt. Nur so wird er etwas Eigenes, etwas Einzigartiges. Ich habe den in meinen Augen schönsten Mann der Welt schon gefunden. Er kommt nicht aus der Traummodellfabrik, ist kein Hugh "the sexiest man alive" Jackman. Zum Glück. Wenn man in Hugh reinpikt, macht es Pfffft, und Eiweißpulver rieselt raus. Wenn ich in meinen Mann reinpike, kommt Lachen raus. Das ist viel schöner.

Text: Ann Wolff Foto: Brita Sönnichsen Ein Artikel aus der BRIGITTE 06/09