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Schon gehört? Sechs Fakten über das Lästern


Lästern tut doch jeder mal. Aber warum eigentlich? Sechs interessante Fakten über Klatsch, Tratsch und Co.

Wussten Sie, dass bereits die Urmenschen gelästert haben?

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Es ist immer und überall gelästert worden, vielleicht in manchen Zeiten mehr, in manchen weniger. Und der britische Psychologe Robin Dunbar sieht im Lästern gar den Ursprung unserer Sprache. Unsere nächsten Verwandten, die Schimpansen, tratschen - wen wundert's - nicht. Neben dem Fressen verbringen sie einen Großteil ihrer Zeit aber damit, sich gegenseitig im Fell herumzupulen. Beim so genannten Groomen geht es zwar auch darum, den anderen von lästigen Parasiten zu befreien und zu pflegen, aber vor allem hat dieses Verhalten soziale Funktionen. Es entspannt, schafft Vertrauen und festigt Beziehungen.

Unsere menschlichen Vorfahren jedoch zogen in so großen Gruppen durch die Savanne, dass nicht mehr jeder jeden hätte kraulen können. Als Ersatz für die Fellpflege und als neuen sozialen Kit erfanden unsere Vorfahren darum Sprache, so der Wissenschaftler Dunbar. Seiner Meinung nach ging es bei den ersten Sätzen also nicht um das Ausarbeiten ausgeklügelter Jagdstrategien, sondern um ganz alltäglichen Urmenschen-Klatsch.

Haben Sie schon gehört, dass Lästern uns friedlicher zusammenleben lässt?

Lästern ist mehr als der Austausch von Informationen. Lästern ist Aggression. Denn aggressiv ist nicht nur, wer dem Gegner direkt ins Gesicht schlägt, sondern auch wer indirekt und hinter seinem Rücken schlecht über ihn redet. Auch die gepresste Stimme und die gesamte Körperhaltung des Lästerers sprechen für Aggressivität: Die Arme sind verschränkt, die Augenbrauen hochgezogen, die Lippen angespannt. Und bevor man ständig übereinander herfällt, ist es sicher sozial verträglicher, hin und wieder durch Lästern Dampf abzulassen. Manchmal fällt es dadurch sogar leichter, sich hinterher wieder zu versöhnen. Daneben erfüllt das Lästern noch eine weitere Beziehungs-Funktion: Wer gemeinsam über andere lästert, stärkt das Gefühl der Zusammengehörigkeit. Aber natürlich nur, wenn über Menschen außerhalb der Gruppe hergezogen wird. Ansonsten kann üble Nachrede auch eine Gemeinschaft komplett auseinander reißen.

Hat man Ihnen schon erzählt, dass auf dem Land mehr gelästert wird?

Je kleiner der Ort, desto mehr tratschen seine Einwohner - so das Ergebnis einer repräsentativen Emnid-Studie. Und zwar vor allem übereinander: Hauptziel der Lästereien sind nämlich Nachbarn. Wahrscheinlich wird in der Provinz denn auch deswegen mehr gelästert als in der Stadt, weil man seine Nachbarn einfach besser kennt: "Hast Du schon gehört, E. von gegenüber soll wieder schwanger sein. Dabei ist der doch erst vor vier Monaten der Mann weggelaufen." Städter haben in ihrem anonymeren Wohnumfeld dagegen weniger Gelegenheit zum Lästern. Man spricht seltener mit den Menschen, auch wenn man im Mehrfamilienhaus Tür an Tür wohnt, und wenn doch, finden sich seltener Klatsch-Opfer, die auch alle Gesprächsteilnehmer kennen. Ersatz bietet da nur der Promi-Tratsch. Paris Hilton oder Brad Pitt kennt schließlich jeder. Dass im Dorf mehr als in der Stadt über- statt miteinander geredet wird, kann aber noch einen zweiten Grund haben: Das Sozialgefüge ist dort fester und weniger durchlässig. So können sich leichter Spannungen aufbauen, die sich dann in Lästereien entladen.

Wussen Sie schon, dass Frauen mehr lästern als Männer?

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Lange Zeit hieß es, Männer seien aggressiver als Frauen. Stimmt ja auch, bei Prügeleien auf dem Schulhof oder abends vor der Kneipe sind die Kontrahenten fast ausschließlich männlich. Aber aggressives Verhalten äußert sich nicht nur in körperlicher Gewalt. Und bei den so genannten indirekten Formen, und dazu gehört vor allem das Lästern, sind eben vielen Studien zufolge Frauen die Spitzenreiter. Warum das so ist? Biologen würden wahrscheinlich sagen, es liege in der weiblichen Natur. Weibliche Urmenschen, die ständig direkte Auseinandersetzungen suchten und dabei oft Prügel bezogen, hatten weniger Chancen, ihren Nachwuchs optimal großzuziehen. Unsere Ahninnen waren darum eher Frauen, die aus Rücksicht auf ihre Gesundheit bei Konflikten lieber die körperlich ungefährliche Läster-Waffe einsetzten.

Haben Sie schon gehört, dass Lästern vererbt wird?

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Es gibt Familien, da tratschen alle gern von der Urgroßmutter bis zum Enkel. Trotzdem gibt es sicher kein Gen, das diese Menschen zwingt, sich das Maul über andere zu zerreißen. Doch neben der Biologie prägt uns eben auch unser soziales Umfeld. Wer in einer Familie aufwächst, in der es gang und gebe ist, über andere herzuziehen, wird das Verhalten von Eltern und Verwandten übernehmen. Denn ein Kind begreift Tratsch dann als Mittel, Nähe und Verbundenheit zu erzeugen und die Aufmerksamkeit der Erwachsenen zu erlangen. Und so kann Lästern eben dann doch über Generationen zum Familienerbe werden.

Wissen Sie, warum Lästern trotzdem so einen schlechten Ruf hat?

Selbst die Erkenntnis, dass Tratschen manchmal richtig gut tut, rettet das soziale Ansehen des Lästerns nicht. Denn auch wer mit Genuss über andere herzieht, findet eines sicher nicht gut: wenn über die eigene Person gelästert wird. Dass wir davon nur selten etwas mitbekommen - getuschelt wird ja meist hinter unserem Rücken - macht die Sache nicht angenehmer. Oder hätte man vielleicht gar nicht den Mut, die Lästereien der anderen wirklich anzuhören und auszuhalten? Wir können nicht kontrollieren, was da über uns verbreitet wird, aber wir spüren die negativen Konsequenzen und misstrauen dem Lästern darum auch zu Recht. In dieser Hinsicht beruhigend: Zumindest vor unserem Partner sind wir diesbezüglich meist sicher. Nur vier Prozent der Deutschen lästern über ihren Lebensgefährten.

Text: Antje KunstmannFotos: Corbis und Fotolia

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