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Schusseligkeit Warum ich stolz und dankbar dafür bin, vergesslich zu sein

Schusseligkeit: Verwirrte Frau
© HD92 / Shutterstock
Verschollene Fernbedienungen, vergessene PIN-Codes – ein Grund zur Sorge? Nicht für Miriam Collée. Sie weiß, wofür es gut ist.

Auf dem Weg zur Arbeit fiel es mir ein: der Rasensprenger! Ich hatte ihn nicht abgedreht. Wenn der bis heute Abend weiterlaufen würde, könnten wir im Garten ein Moorbad anlegen. Was tun? Nachbarin anrufen. Kann man eine 71-Jährige bitten, über ein 1,20 Meter hohes Gartentor zu klettern und einen Wasserhahn abzudrehen? Egal, Notfall. Ich wühlte hektisch in der Tasche nach meinem Handy – und fand: die Fernbedienung für die elektrischen Rolläden. Die hatten wir das ganze Wochenende gesucht, in unserem Schlafzimmer war es seit drei Tagen stockdunkel.

Mein Hirn hat sich in ein grobmaschiges Netz verwandelt

Ich hatte vehement abgestritten, an ihrem Verschwinden beteiligt zu sein – hier war sie. Ehe ich herausfand, ob ich mich darüber freuen oder stattdessen über das verschollene Handy ärgern sollte, hörte ich: "Nächster Halt: Rödingsmarkt". Ich hatte meine Haltestelle verpasst.

Ich bin ein Schussel. Mein Hirn hat sich in ein grobmaschiges Netz verwandelt, in dem nur noch Informationen in Hecht- oder Welsgröße hängen bleiben. Kleine Fische wie einbruchsichere Verstecke von Tresorschlüsseln oder PIN-Codes, die ich mir als Hüpfmuster auf der Tastatur gemerkt habe, schlüpfen da eben durch.

Bisher hatte ich meine Schusseligkeit als charmantes Leiden hingenommen, das meine Mitmenschen und mich zum Lachen bringt. Etwa wenn ich den Müllbeutel in den Ranzen meiner Tochter packe, während ihr Turnbeutel bereits in der Tonne liegt. Wenn ich schwungvoll ein Bein über die Fahrradstange werfe, um dem jungen, gut aussehenden Spendensammler vor dem Supermarkt zu imponieren, aber blöderweise das Fahrradschloss vergessen habe aufzuschließen. Wenn ich im Restaurant mit der Klorolle in der Hand aus der Toilette zurück zum Tisch komme ("Was um Himmels willen willst du damit?").

Je voller die Festplatte, umso schwergängiger der Rechner 

Aber wenn es den Frieden des gesamten Familienlebens gefährdet, wird die Sache kritisch. Wir verpassten Flüge, weil ich statt der Reisepässe abgelaufene chinesische Arbeitsvisa (gleiches Format, gleiche Farbe) eingepackt hatte. Und in Costa Rica mussten wir eine gebuchte Mietwagen-Rundreise stornieren und auf öffentliche Busse umsteigen, weil ich die Führerscheine zu Hause vergessen hatte.

Nun, costa-ricanische Busfahrten sind nicht wirklich sanft. Mein Mann zog sich auf der ungefederten Hinterachse zwischen San José und Tortuguero einen Bandscheibenvorfall zu, unsere Töchter spuckten im Takt der Schlaglöcher. Mein Gewissen schmerzte vermutlich ähnlich wie sein Rücken, hinzu kam die Frage: Wo führt das alles hin? Wenn ich mit 44 schon ratlos im Keller stehe und mich frage, was ich dort eigentlich wollte, wo stehe ich dann mit 60? An Straßenkreuzungen? Auf der Suche nach dem Zettel, auf dem ich mir notiert habe, wo ich wohne?

Wissenschaftlich gesehen hat mein Hirn seinen Zenit mit 30 überschritten, ab da geht es kontinuierlich bergab. Das klingt schlimmer, als es ist. Forscher der Uni Tübingen haben nämlich herausgefunden, dass sich die Leistungsfähigkeit des Gehirns entgegen landläufiger Meinung im Alter keineswegs verschlechtert. Zwar arbeitet es langsamer, aber nur, weil wir mit den Jahren mehr Wissen speichern. Je voller die Festplatte, umso schwergängiger der Rechner. Streng genommen ist Schusseligkeit gar kein Versagen, sondern ein Segen. Denn für das Gehirn ist es überlebenswichtig, Dinge zu vergessen. Es sortiert Informationen nach ihrer Wichtigkeit und schmeißt Entbehrliches aus dem System, um die Speicherkapazität konstant zu halten.

Mich beruhigt dieser Gedanke sehr. Ich würde mit meinem Hirn nur gern mal über die Prioritätensetzung sprechen.

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BRIGITTE 13/2020

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