VG-Wort Pixel

Selbstfindung Wer bist du und warum?

Selbstfindung: Eine Frau schaut in zwei Scherben eines zerbrochenen Spiegels
© Tinxi / Shutterstock
Selbstfindung ist ein Prozess, der dir dabei hilft, dein Glück und deinen Weg zu finden. Warum er nötig ist und wie du ihn in Gang setzt, liest du hier.

Es war einmal ganz einfach. Menschen wurden geboren, mussten aufpassen, nicht gleich wieder zu sterben, und starben. Dann erfand jemand den Konjunktiv II und plötzlich stehen wir alle im Supermarkt vor dem Joghurtregal und können entscheiden, ob wir eher der Mohn-Marzipan oder New-York-Cheesecake-Typ sind. Keine Frage, das ist Luxus. Gleichzeitig stellt uns das Joghurtregal allerdings auch vor die Herausforderung, aus einer Vielzahl von Möglichkeiten die richtige zu wählen. Und um dabei nicht verloren zu gehen, bietet es sich an, sich mit dem Prozess der Selbstfindung auseinanderzusetzen.

Was ist Selbstfindung?

Selbstfindung ist ein Prozess, im Zuge dessen wir uns (im Idealfall) selbst besser kennenlernen, d. h. lernen zu fühlen, wissen und verstehen, wer wir eigentlich sind

  • Was kann ich besonders gut? (Zuhören, Ratschläge geben, Spagat ...)
  • Was bereitet mir Freude? (Helfen, Disziplin, Achterbahn fahren ...)
  • Wofür kann ich mich begeistern und interessieren? (Menschen, Technik, Instagram ...)
  • Was ist mir im Leben wichtig? (Luxus, Beständigkeit, Familie ...)
  • Wie möchte ich sein? (ehrlich, loyal, berühmt ...)
  • ...

Diese Fragen sollte ein erfolgreicher Selbstfindungsprozess zumindest so weit beantworten, dass wir eine Idee davon haben, was wir mit unserer Zeit anfangen sollen – und den richtigen Joghurt aussuchen.

Natürlich ändern sich die Antworten auf diese Fragen am laufenden Band. Mit vier können wir noch besonders gut Purzelbaum, mit 14 ist uns am wichtigsten, beliebt zu sein, und mit 24 möchten wir gerne viel von der Welt sehen. Von daher ist Selbstfindung kein Prozess, mit dem wir irgendwann fertig sind und abschließen können, sondern einer, der uns das ganze Leben lang beschäftigt – mal intensiver und mal weniger intensiv.

Selbstfindung: Warum müssen wir da durch?

Manchen Menschen fällt es leicht zu fühlen, wer sie sind, und sie nehmen ihren Joghurt, ohne großartig darüber nachzudenken. Doch für viele ist das nicht so einfach und das ist kaum überraschend. Denn: Niemand bringt uns bei, uns selbst zu finden und glücklich zu leben, vielmehr werden wir dazu erzogen, alle möglichst gleich zu sein (warum das garantiert nicht das Rezept zum persönlichen Glück ist, erfährst du in unseren Artikeln "was ist Glück?", "was ist der Mensch?" und "was ist der Sinn des Lebens?").

Wir müssen dieselben afrikanischen Hauptstädte auswendig lernen, bei Ableitungsfunktionen zu den gleichen Formeln kommen und in Gedichten die gleichen Versmaße erkennen. Außerdem wird uns über alle verfügbaren Kanäle gezeigt, was schön ist, wie erfolgreich aussieht, dass Liebe immer monogam sein muss und was wir Tolles kaufen und erleben können, wenn wir genug Geld verdienen.

All das erschwert uns die Selbstfindung, weil es unser "Selbst" unter einem Berg von Fremdmaterial begräbt. Vor dem bildlichen Joghurtregal spielen daher für viele Menschen bei ihrer lebenswichtigen Entscheidung für ihre Sorte Faktoren eine große Rolle wie:

  • "Oh, Mohn-Marzipan ist fast ausverkauft, sicher ist der besonders gut!"
  • "Alles klar, bei Insta hypen sie New-York-Cheesecake – muss ich auch haben!"
  • "Hätte zwar gerne Stracciatella, aber der steht ganz hinten und ich komme nicht so leicht dran, also nehme ich Kirsche."
  • "Krass, was für fancy Sorten es gibt! Aber ich bleibe doch lieber bei der guten alten Erdbeere, wo ich genau weiß, was ich habe ..."
  • "Hmm, würde mir ja gerne meinen eigenen Joghurt kreieren, ist mir nur leider viel zu anstrengend ..." 

Klar können wir auch auf diese Weise einen Joghurt erwischen, der uns schmeckt, schließlich sind die meisten Sorten voll in Ordnung. Doch selbst wenn wir mit unserer Entscheidung eine Zeit lang zufrieden sind, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich früher oder später ein Gefühl der Fremdbestimmung in uns meldet, das uns unruhig und unglücklich macht, wenn wir nicht darauf reagieren. Und spätestens (!) dann könnten sich folgende Tipps zur Selbstfindung als hilfreich erweisen.

Selbstfindung: 9 Tipps, die dich auf Kurs bringen

Natürlich gibt es keinen universal gültigen 20-Schritte-Plan, dem wir einfach folgen könnten, um am Ende mit uns selbst im Reinen zu sein – Selbstfindung ist ja gerade dafür da, uns auf unterschiedliche, individuelle Wege zu führen. Trotzdem können wir gewisse Tipps befolgen, die uns dabei helfen, auf Spur zu kommen, zum Beispiel diese.

1. Selbstfindungstrip

Wenn du irgendeine Chance siehst, für längere Zeit alleine zu verreisen: Ergreife sie, im Sinne der Selbstfindung! Kaum etwas kann besser dein Selbstbewusstsein stärken und dich zu dir führen, als in einer fremden Umgebung auf dich gestellt zu sein und dich zurecht finden zu müssen. Besonders cool ist, wenn du keinen allzu konkreten Plan hast, was du mit dir und deiner Zeit anfängst, aber auch wenn du in festen Strukturen lebst (Studium, Praktikum, Job ...): So ein "Selbstfindungstrip" im wörtlichen Sinne einer Reise ist das Beste, was du machen kannst, um dich von Fremdbestimmung und vorgezeichneten Wegen zu befreien.  

2. Leerzeit

Nimm dir regelmäßig einfach nur Zeit. Drei Stunden pro Woche, in denen du nichts vorhast und nichts musst. Was machst du mit dieser Zeit? Zieht es dich sofort raus an die frische Luft? Schnappst du dir ein Buch und liest? Beobachte, was Freiheit mit dir macht und in welche Richtung es dich zieht. Und dann überleg, ob du diesem Weg gerne mehr als drei Stunden die Woche folgen möchtest ...

3. Versuchslabor

Der simpelste und effektivste Weg herauszufinden, was dir Freude macht, ist so viel wie möglich auszuprobieren. Raus aus deiner Komfortzone und rein ins Abenteuer – bis dich etwas so begeistert, dass du daran hängen bleibst. Denk dran, das Leben ist keine Pflichtveranstaltung, sondern ein Geschenk – und je mehr wir ausprobieren, umso besser nutzen wir es.

4. Kritische Inspiration

Es geht zwar bei deiner Selbstfindung um dich, doch weder bist du eine einsame Insel im Südpazifik noch sollst du eine werden, also verabschiede dich von der Illusion, du könntest jemals damit aufhören, dich von anderen beeinflussen zu lassen. Was du aber kannst: darauf achtgeben, wie du dich beeinflussen lässt. Wenn du dich mit anderen vergleichst und neidisch wirst, hinterfrage deine Gefühle. Worauf bist du neidisch? Steckt dahinter ein echter Wunsch, ist es Missgunst, weil dir irgendetwas fehlt oder lässt du dich einfach nur mitreißen? Sich zu vergleichen oder von anderen inspirieren zu lassen, muss nicht unbedingt schlecht sein, wenn wir es klug anstellen – und daraus keine Kopie, sondern ein neues Original erschaffen. 

5. Außenperspektive

Ebenfalls ein simpler wie effektiver Weg, um mehr über dich herauszufinden, als du schon weißt: Frag einfach mal Menschen, die dich kennen, wer du für sie bist. Wo sehen sie deine Stärken? Bist du in ihren Augen eher emotional oder rational? Ein Perspektivwechsel kann so einfach sein – und einiges ans Licht bringen.

6. Angstforschung

Angst ist eine der mächtigsten und wertvollsten Emotionen, die wir haben – mächtig, weil sie uns extrem lenken und einschränken kann, und wertvoll, weil sie uns zeigt, was uns wichtig ist. Deshalb lohnt es sich, dich im Zuge deiner Selbstfindung intensiv mit deinen Ängsten auseinanderzusetzen. Wo hindern sie dich, etwas zu tun, das dich weiterbringen könnte? Wo schützen sie dich, etwas aufs Spiel zu setzen, das dir offensichtlich viel bedeutet? (Wie du Ängste überwinden und deine Gefühle verstehen kannst, verraten wir in unseren Artikeln.)

7. Meditation

Unser Körper und unser Geist hängen eng miteinander zusammen, genau genommen sind sie sogar eine einzige Einheit. Meditation, Yoga, Atemübungen – all das sind daher Wundermittel, um zu dir selbst zu finden und dich von Ballast zu befreien, der dich daran hindert. 

8. Digital Detox

So schön es auch ist, alle verfügbaren Informationen und Entertainment jederzeit in der Hosentasche zu haben und dank der Map-App auf unserem Handy immer ans Ziel zu kommen – vom Weg zu unserem Selbst lenkt uns das Smartphone in erster Linie ab. Offline-Zeiten oder der Verzicht auf bestimmte Apps und Kanäle kann daher im Hinblick auf die Selbstfindung Wunder wirken.

9. Journalling 

Die einen finden es banal, andere wissen nicht, wie sie anfangen sollen, doch für alle, die kein Tagebuch schreiben, gilt: Sie lassen sich eine tolle und einfache Chance entgehen, sich selbst zu finden. Zwei bis fünf Minuten pro Tag reichen und was du schreibst, muss weder durchdacht noch tiefgründig oder originell sein. Notiere einfach, was dir durch den Kopf schwirrt, wie es dir geht, was dich nervt, wofür du dankbar bist. Das hilft dir einerseits in dem Moment, um dich zu sammeln und sortieren. Andererseits erschaffst du damit ein wertvolles Dokument für die Zukunft, in dem du später jederzeit nachlesen kannst, wie du dich entwickelt hast. 

Selbstfindung: 10 Gedankenspiele, die dir dabei helfen

Um wirklich voranzukommen, musst du Selbstfindung (z. B. mithilfe der genannten Tipps) in dein Leben integrieren und aktiv sein. Doch für den Anfang oder zwischendurch zur Orientierung kannst du dich auch einfach mal hinsetzen und dir Zeit für ein Gedankenspiel nehmen – manchmal bringen solche Spielchen sehr interessante Erkenntnisse ans Licht. Wichtig dabei ist, dass du keine allzu realistischen Ansprüche an deine Vorstellungskraft stellst und die Schranken in deinem Kopf hochfährst bzw. abbaust, damit du freidenken kannst. Entsprechend musst du dann aber auch die Ergebnisse bewerten: Sie zeigen dir Tendenzen und Extreme, an denen du dich orientieren kannst, sind aber keine direkten Handlungsanweisungen. Gegebenenfalls kannst du die folgenden Fantasie-Experimente auch mit einer Person deines Vertrauens machen.

1. Was würdest du auf eine einsame Insel mitnehmen?

Wähle drei Dinge oder Menschen aus, die dir so wichtig sind, dass du niemals auf sie verzichten würdest – selbst wenn sie dir vielleicht nicht einmal dein Überleben garantieren.

2. Was würde dein 10-Jähriges Ich gerne hören?

Stell dir vor, du triffst dich im Alter von zehn Jahren. Was müsstest du diesem Kind erzählen, was du als Erwachsener tust, damit es dich begeistert anstrahlt?

3. Welche Superkraft hättest du gerne und was würdest du damit tun?

Fliegen? Muskeln aus Stahl? Gedanken lesen? Was wäre deine Superkraft und wozu würdest du sie einsetzen?

4. Was würdest du mit 10 Trilliarden Euro tun?

Träum schön ...

5. Was steht auf deiner "Geht-gar-nicht"-Liste?

Was würdest du niemals tun wollen? Wo möchtest du auf gar keinen Fall leben? In welchen Kreisen nie verkehren? No-Gos sind oftmals leichter zu finden als Wanna-Dos – aber dennoch aussagekräftig.

6. Was würdest du tun, wenn du nur noch vier Wochen zu leben hättest?

Nicht die schönste Vorstellung, aber: Wie würden deine letzten vier Wochen aussehen ...? 

7. Welche Rolle würdest du in einem Team aus Überlebenden nach der Zombie-Apokalypse spielen?

Anführerin? Optimistin? Sorgenkasten? Was sind deine natürlichen Stärken, die zum Vorschein kämen, wenn alles gebraucht würde?

8. Wenn du ein Tier wärst, welches wärst du und warum?

Eher der sanfte, treue Elefant? Der sozialkompetente Wolf? Oder eine sorglose Qualle? In welchem Tierleben würdest du dich am wohlsten fühlen und was reizt dich daran?

9. Noch mal von vorne: Was würdest du tun?

Wie sähe dein Leben aus, wenn du wiedergeboren oder neu starten würdest?

10. Auf dem Sterbebett: Welche Erinnerung lässt dich in Frieden einschlafen?

Woran möchtest du dich gerne erinnern können, wenn du stirbst, um mit dem Gefühl gehen zu können, dass es gut war und du bereit bist?

Weitere Artikel bei uns, die dich bei deinem Selbstfindungsprozess unterstützen können, sind: Selbstwertgefühl stärken, Selbstliebe lernen und vielleicht ist auch noch Handlesen etwas für dich. Ansonsten kannst du, falls du noch Redebedarf hast, gerne einmal in unserer Community vorbeischauen.


Mehr zum Thema