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Dein schlimmster Feind Warum scheint für manche Selbsthass einfacher als Selbstliebe?

Selbsthass scheint manchen leichter zu fallen als Selbstliebe
Selbsthass scheint manchen leichter zu fallen als Selbstliebe.
© ayakono / Adobe Stock
Es gibt Menschen, die strotzen vor Selbstbewusstsein – und dann gibt es die Menschen, die unheimlich kritisch zu sich selbst sind. Warum fällt es manchen eigentlich so leicht, sich schlecht zu machen, und so schwer, sich zu lieben für die Person, die man ist?

"Du bist dir selbst dein schlimmster Feind" – für manche Menschen ist dieser Satz nicht nur eine hohle Phrase wie "Der frühe Vogel fängt den Wurm" oder "Morgen ist auch noch ein Tag", sondern bitterer Alltag. 

Während uns Kritiker:innen von außen selten bis in unser Schlafzimmer und in die tiefste Nacht verfolgen, ist die innere Stimme immer da. Urteilend. Vernichtend. Und der "Hype" um Selbstliebe, Selbstakzeptanz, Body Positivity und was es nicht sonst so alles gibt, macht die Situation für die Menschen, die für sich selbst kaum ein gutes Wort herausbringen können, nicht einfacher. Im Gegenteil: Warum scheint es für alle anderen so einfach, sich selbst zu mögen? Was ist denn falsch mit mir, dass der erste Gedanke morgens im Spiegel ist "Oh je, du sahst auch mal ansehnlicher aus"? 

Die kritische innere Stimme, die unsere Unsicherheit nährt und uns die vermeintlichen Fehler ausdauernd vor Augen hält, mag für manche Menschen eine besonders laute Stimme sein, doch eine Sache vorweg: Sie ist nie die einzige Stimme, die wir in uns tragen. Es mag sein, dass die anderen Stimmen verunsichert und leise flüsternd zu uns sprechen – aber sie sprechen zu uns. Um sie besser hören zu können, kann es helfen, die kritische Stimme näher zu betrachten: Warum sagt sie, was sie sagt? 

"Du bist anders, also bist du falsch"

Unsere Gesellschaft baut auf Normen und Werten auf, die mitbestimmen, wie wir uns im sozialen Umfeld verhalten, kleiden, sprechen. Doch wie bei so vielen Dingen, die für die Allgemeinheit gelten sollen, können sich auch Normen und Werte nicht über jedes Individuum mit seinen:ihren eigenen Gedanken, Wünschen, Meinungen, Identitäten, Begehrlichkeiten etc. stülpen, ohne dabei einzuengen.

Alles und nichts ist "normal" – doch diese Erkenntnis ist eine, die erarbeitet und vertieft werden muss. Wie die Psycholog:innen Dr. Robert und Lisa Firestone in ihren Untersuchungen festgestellt haben, lautet der häufigste selbstkritische Gedanke bei einer Vielzahl der Proband:innen: "Du bist anders als andere Menschen." Sie stellten fest, dass sich die meisten Menschen im negativen Sinne als "anders" oder auch "nicht passend" sehen, selbst diejenigen, die sozial gut integriert und beliebt zu sein scheinen, fühlen sich oftmals als Außenseiter:innen oder Betrüger:innen.

Der 08/15-Mensch existiert nicht

Ich selbst als queere Person hatte lange zu kämpfen mit dem "Anderssein". Was andere queere Menschen wie eine Medaille stolz auf ihrer Brust tragen, war für mich als Mensch, der ungern im Zentrum der Aufmerksamkeit steht, lange eine Horrorvorstellung. Gerade als Teenager wollte ich alles andere als auffallen oder anecken. Ich wollte – was sicherlich auch nicht-queere Menschen nachempfinden können – dazugehören. Wie gesagt, es bedarf einiger Arbeit, zu verstehen und zu verinnerlichen, dass jeder Mensch "anders" ist. 

Es gibt nicht den 08/15-Menschen, der nirgendwo auffällt, absolut den Normen und Werten entspricht, die von einer Gesellschaft bestimmt wurden, die genauso aus fehlerbesetzten Menschen besteht, die auch nur alle möglichst "dazugehören" wollten und wollen. Und wenn es ihn gibt, dann wird er uns wohl kaum im Gedächtnis geblieben sein, so nichtssagend muss diese Person sein, so grau wie die Wand, vor der sie steht und in ihr zu verschwinden scheint. 

"Du wirst nie Erfolg haben"

Menschen, die unter dem Hochstapler-Syndrom leiden, warten nur darauf "erwischt" zu werden
Menschen, die unter dem Hochstapler-Syndrom leiden, warten nur darauf "erwischt" zu werden.
© AJay / Adobe Stock

Laut einer Studie haben 70 Prozent aller Menschen mindestens einmal Bekanntschaft mit dem "Imposter-Syndrom" gehmacht. Auch bekannt als das "Hochstapler-Syndrom", handelt es sich hierbei zwar nicht um eine anerkannte psychische Störung, sondern um eine Art Charaktermerkmal – bekannt dürfte es nicht nur ausgehend von den Studienergebnissen allerdings den meisten sein.

Es handelt sich dabei um sehr starke Selbstzweifel: Anstatt ihre Erfolge zu feiern, gehen Menschen, die unter dem Hochstapler-Syndrom leiden, davon aus, dass alles, was sie im Leben erreicht haben, nur dem Zufall zu verdanken ist. Das, oder sie glauben, dass sie die ganze Zeit etwas fundamental falsch machen oder gemacht haben und es nur eine Frage der Zeit ist, bis man ihnen auf die Schliche kommt.

Als jemand, der immer mal wieder davon träumt, dass das eigene Abitur nicht zählte, das Studium nie abgeschlossen wurde oder eine fristlose Kündigung aus dem Nichts ausgesprochen wird, sind mir diese Gedankengänge sehr wohl bekannt – die innere Stimme, die sagt: "Das hast du doch alles gar nicht verdient. Du schlängelst dich durch deinen Alltag, bist ein Blender, eigentlich kannst du das alles nicht und strauchelst ohne Ziel und Plan durch das Leben."

"Niemand liebt dich, wie sollten sie auch?"

Dr. Robert Firestone beschreibt das "wahre Selbst" als den Teil von uns, der selbstannehmend, zielgerichtet und lebensbejahend ist. Dieser Teil treibt uns an, lässt uns jeden Tag aufs Neue angehen und gibt uns die Energie und den Willen, unseren Hindernissen zu begegnen. Doch dann gibt es noch das "Anti-Selbst", dass der Wissenschaftler als die "kritische innere Stimme" beschreibt. Sie kommentiert unser Leben negativ und beeinflusst unser Verhalten und unsere Selbsteinschätzung auf die denkbar schlimmste Weise.

"Warum hängt er:sie eigentlich mit dir ab? Mit der Person muss etwas nicht stimmen." Gedanken wie diese vergiften unsere Beziehungen: Nicht nur, dass positive Zustimmung von außen gar nicht (mehr) an uns herankommt – wir misstrauen mit solchen Vorstellungen unserem Gegenüber immer stärker.

Zu Beginn meiner Liebesbeziehung habe ich beispielsweise nur darauf gewartet, dass die andere Person sagt: "Mir reicht's, das ist mir echt zu anstrengend mit dir." Und nicht jede:r hat jemanden im eigenen Leben, der:die mit viel Geduld und Einfühlungsvermögen auf die eigenen Unsicherheiten reagiert und diese bis zu einem gewissen Grad aushält und mitträgt.

Spätestens, wenn eine andere Person involviert ist – und das ist bei uns Menschen als soziale Wesen eigentlich immer der Fall – gilt es nicht nur, sich selbst, sondern auch der anderen Person gegenüber ehrlich zu sein. Und das kann schmerzhaft werden.

Was tun, wenn die innere Stimme zu laut und einnehmend ist?

Es gibt wohl kaum Menschen auf der Welt, die nie diese innere Stimme in sich hören, die sie verunsichert und niedermacht. Doch es gibt sehr wohl große Unterschiede darin, wie viel Macht diese Stimme über die einzelne Person hat.

Sicherlich, man kann sagen: Die Stimme hat so viel Macht über dich, wie du ihr gibst – und das stimmt auch. Doch es ist nicht immer einfach für Menschen, sich von ihrem größten Kritiker abzuwenden. Zu lange waren sie den Beleidigungen, Verletzungen und negativen Sichtweisen ausgeliefert. Manche kennen vielleicht schon gar nichts mehr anderes.

In solchen Fällen ist es nur ratsam, sich Hilfe zu suchen. Das können Freund:innen oder die Familie sein – oder professionelle Hilfe wie Therapeut:innen, was sich besonders dann anbietet, wenn man den Nahestehenden nicht (mehr) glauben kann.

Verwendete Quellen: psychalive.org, spektrum.de, sciencetheearth.com

Brigitte

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