Sich lustvoll dem Trash hingeben

Alle wollen mehr Niveau. Nari Nickbakht will davon nichts wissen. Und begeht die Lieblingssünde: sich lustvoll dem Trash hingeben

Triviales hat Hochkonjunktur. Die Zahl der TV-Sendungen, bei denen biedere Dorfschönheiten Pariser Top-Models werden wollen, Familien talentfreie Moderatorinnen ins ungekachelte Badezimmer schauen lassen oder Auswanderer im Land ihrer Träume von zwielichtigen Immobilienhaien übers Ohr gehauen werden, nimmt rasant zu.

Das neu erschienene People-Magazin "Vip Click" konkurriert derzeit mit rund 30 weiteren Blättchen, die sich um die Stars und Sternchen dieser Welt drehen. Trash überschwemmt das Land - und ich schwimme mittendrin. Zumindest einen Tag die Woche.

Jeden Samstag wache ich um 9 Uhr voller Vorfreude auf, schleiche mich ins Wohnzimmer und schalte mein Hirn auf Stand-by. Das funktioniert am besten mit TV-Serien wie "Reich und Schön". Die Story: Modekasper Ritch kann sich seit Jahren (oder sind es schon Jahrzehnte?) nicht zwischen zwei operierten C-Schauspiel-Amateurinnen entscheiden. Auch wenn ich die Serie mal verpasse - der Wiedereinstieg gelingt mir in Sekunden. In der Werbepause kaufe ich schnell noch ein Schnäppchen im Shopping-Kanal: Ein Magnetarmband gegen böse Energien. Danach lockt die vollbusige Blondine Ingrid mit 2000 Euro "bar auf die Kralle", wenn ich in ihrem Quiz noch einen Autonamen mit F weiß. Das arme Ding muss im Bikini im Studio stehen, auch nicht schön. Es folgt ein Bericht über Prinz William im erneuten Liebesrausch - der sah auch schon mal knackiger aus und kommt jetzt doch eher nach Charles. Gut zu wissen, immerhin. Hasselhoff ist auch wieder blau und damit reif für den Hollywood-Megatrend "Urlaub in der Promi-Entzugsklinik" all inclusive für 30 000 Euro. Den könnte sich jetzt auch Kandidatin Irmgard aus Kassel leisten, die gerade bei Jauch 35 000 Euro für Antwort B "Dickdarm" einheimst. Die Frage dazu lautete: Mit welchem Körperteil machte Susi Stahnke noch mal von sich Reden?

In diesem Stadium des Zappens setzt bei mir meist der Zustand meditativer Konzentration ein. Was andere Menschen durch jahrelanges, mühevolles Yoga-Training erreichen, passiert bei mir ganz einfach durch die visuellen Trash-Reize im heimischen Wohnzimmer. Ich gerate in eine Art Flow: Meine Aufmerksamkeit ist gefesselt, während ich gleichzeitig geistig loslassen kann. Großartig.

So losgelöst, schlendere ich am frühen Nachmittag zum Bäcker. Welches neue Lifestyle-Gebäck die sich wohl diesmal wieder ausgedacht haben? Wuppi, Fitti, Knacki? Ich nehm was Buntes mit Schokolade, garantiert fett, und überfliege die Rückseite der "Bild": Victoria-Puck-die-Stubenfliege-Beckham in Kristall-Badewanne ausgerutscht ... Ein Ausrutscher ist auch die Story meiner Freundin Yvonne, die mir am Telefon von der Männer-Nieten-Odyssee ihrer Kollegin Biggi aus der ländlichen Großraumdisco erzählt. Ich kenne Biggi zwar nicht und befürchte, dass auch in ihrem Landstrich das Flatrate-Saufen unabsehbare Folgen hinterlässt, aber solche Telefonate fallen unter das Stichwort "soziale Kompetenz". Man muss ja schließlich wissen, was die Leute auf dem Land so bewegt.

Abends toppe ich meinen Trash-Tag mit einem Besuch in der Karaoke-Bar. Nach zwei Absackern geht es auf die Bühne: "Schön ist es auf der Welt zu sein", "Griechischer Wein", "Und es war Sommer" - einfach mal ungestraft die Party-Sau rauslassen, bevor ich morgen wieder in mein normales Leben zurückkehre. Den Sonntag nutze ich ganz strategisch als Übergangstag. Man isst ja nach dem Fasten auch nicht gleich wieder normal. Planmäßig nehme ich deshalb mittelschwere Fernsehkost zu mir, am Abend gern auch noch eine "Pilcherlette".

Der grandiose Effekt: Da ich mein Hirn am Wochenende aktiv entleert habe, kann es am Montag auf Hochtouren arbeiten. Während sich die Kollegen ihre Auszeiten beim Dösen in den Konferenzen holen müssen, kommen von mir die brillantesten Ideen zu Gesundheitsreform und Ethikrat.

BRIGITTE BALANCE Heft 03/07 Foto: Getty Images Autor: Nari Nickbakht
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