Sich in der Liebe rar machen – ist das eine gute Strategie?

"Willst du was gelten, mach dich selten" - sich rar machen ist eine wohl vielen bekannte Methode in der Liebe. Psychologe Oskar Holzberg darüber, wie sinnvoll sie wirklich ist.

Kurz gesagt:

Glaubt da noch irgendjemand dran? Außer verzagten Eltern, die meinen, ihr Töchterchen warnen zu müssen? Dass sie nur einen Mann fürs Leben findet, wenn sie nicht gleich mit jedem ins Bett geht? Klingt wie eine Beziehungsstrategie aus dem 19. Jahrhundert für gefährdete Jungfrauen. Für Männer wurde diese "Regel" ja wohl nicht erfunden. Die stehen eher unter dem Generalverdacht, dass "sich selten machen" ihr zweiter Vorname ist, weil sie ständig aufs Surfbrett und an die Spielkonsole verschwinden.

Jetzt mal ausführlich:

Dass diese vermeintliche Lebensweisheit auch heute noch in manchen Köpfen rumspukt, liegt an der Steinzeit-Hypothese, derzufolge jeder Mann ein Jäger ist. Aber weil die Mammuts ja ausgestorben sind, der Mann jetzt zur Arbeit eine Krawatte tragen muss und seinen Speer nicht unter den Schreibtisch legen darf, ist es mit dem Jagen schwer geworden. Die kluge Frau erkenne das und tut ihm den Gefallen, sich selbst zur Beute zu machen. Und da die Jagd endet, wenn die Frau erlegt, also erobert ist, muss sie eine scheue Antilope sein, die sich nur manchmal blicken lässt, und kein Kaninchen, das ihm ständig vor der Flinte herumhoppelt. Kein Problem, da ja angeblich auch in ihr ein Steinzeitgen sein Unwesen treiben soll und sie demnach ohnehin auf der Flucht vor Männern ist, um bloß nicht schwanger zu werden. Sie macht sich solange zum unerreichbaren Objekt seiner Begierde, bis sie sich in seinen testosterontrüben Augen in eine begehrenswerte Prinzessin verwandelt hat, der er ewig treu sein wird.

Und mit diesem Denken beenden wir uns im Fred-Feuerstein-Land der Geschlechterverhältnisse und somit in der geistigen Steinzeit. So, als hätten Frauen kein eigenes Lustempfinden und wären von Natur aus die gejagte Beute notgeiler Penisträger. Wie #MeToo gerade verrät, ist das sicher noch die Haltung viel zu vieler Männer. Aber wir sollten männliches Gewalt- und Dominanzverhalten nicht noch durch unsinnige und nicht durchdachte "Ratschläge" zur Natur verklären und dadurch unterstützen.

Denn in der naiven Fred-Feuerstein-Steinzeit hat nie jemand gelebt. Oder glaubt irgendjemand, Steinzeitfrauen wären nie zum Steinzeit-Rendezvous erschienen und mussten deshalb vom Steinzeitmann erst mit einem gezielten Keulenschlag erlegt werden?

Sich rar machen - auf den Punkt gebracht

Ja: Es gibt Untersuchungen, dass wir besonders wohlwollend auf jemand anderen reagieren, wenn wir uns von ihm zuerst ignoriert oder abgelehnt fühlen, bevor er sich uns zuwendet. Wofür wir uns mehr anstrengen müssen, das erscheint uns als wertvoller. Damit kann man beim Flirten sicher ein wenig spielen. Aber wer sich zu selten macht, um Mr. Richtig zu finden, der wird leicht bei Mr. Bindungsscheu landen. Bindungsunsichere Menschen weichen zurück, wenn es zu nah und verbindlich wird. Diese Menschen würden ein "Sich-selten-machen" als angenehm empfinden und sich darauf einlassen können. Nur: Sie würden sich dann eben auch zurückziehen, wenn wir selbst gar keine Lust mehr haben, uns selten zu machen. Und so gilt hier das, was für alle Beziehungsregeln und -ratschläge gilt: Wenn wir uns dafür verbiegen müssen - wer sind wir dann für den anderen? Und wollen wir wirklich als jemand geliebt werden, der wir gar nicht sind?

Oskar Holzberg,

64, berät seit mehr als 20 Jahren in seiner Hamburger Praxis Paare und bekommt immer wieder Beziehungsfragen gestellt. Sein aktuelles Buch heißt: "Neue Schlüsselsätze der Liebe". (20 Euro, Dumont)


Brigitte 05 / 2018

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Sich rar machen: Frau blickt nach unten
Sich in der Liebe rar machen – ist das eine gute Strategie?

"Willst du was gelten, mach dich selten" - sich rar machen ist eine wohl vielen bekannte Methode in der Liebe. Psychologe Oskar Holzberg darüber, wie sinnvoll sie wirklich ist.

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