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Sich selbst finden: So kommst du wieder mit dir in Kontakt

Wir verlieren nicht nur im Gespräch mit anderen gelegentlich den Faden, sondern auch im Kontakt zu uns selbst. Warum Ruhe und Zeit Kraftquellen sind und helfen, sich selbst zu finden.

Es gibt Wörter, die entfalten ihre Kraft erst auf den zweiten Blick. Zum Beispiel das Wort "allein". Das kann bedrohlich klingen - aber auch wie ein Versprechen: allein, mit allem eins sein, heil, unabhängig.

Wie in einem dieser großen Momente in der Musik, in denen eine Geige oder ein Saxofon die anderen Instrumente zum Schweigen bringt und sich selbst genug ist. Dagegen fühlt sich unser Leben oft an wie ein Stück improvisierter Jazz, dem die Solos fehlen. 

Alleinsein war einmal 

Es scheint, dass die Balance zwischen Zusammen- und Einzelspiel in den letzten Jahren ein wenig aus dem Lot gekommen ist. Denn obwohl die Zahl der Single-Haushalte in Deutschland immer weiter steigt - zuletzt auf über 40 Prozent – und Lebensentwürfe individueller und vielfältiger sind denn je, wird gleichzeitig an 
allen Ecken und Enden
 das neue Wir-Gefühl
 beschworen. Riesen-WG
 statt Einzimmerwohnung, Laufgruppe statt 
Einzelrunde, "Tatort"-
Gucken in der Kneipe
 statt zu Hause auf dem 
Sofa. Und sollte man wirklich mal ohne Begleitung durch den Park bummeln, wird der Gang sofort für 576 Follower auf Instagram dokumentiert.

Selbst unser Alleinsein muss kuratiert und kommentiert werden, hat die Münchner Philosophin, Autorin und Beraterin Rebekka Reinhard beobachtet.

Das ist weit entfernt vom "Zwiegespräch mit der eigenen Seele", als das antike Denker von Diogenes bis Marc Aurel das Für-sich-Sein priesen.

Kein Wunder, dass die ständige Aufforderung zu Gemeinschaft und Interaktion zunehmend als Druck empfunden wird. Die Statistik dazu liefert etwa eine aktuelle Studie der Techniker Krankenkasse: Ein Drittel der Befragten nennt zu viele Termine in der Freizeit als Belastungsfaktor - gleich nach Stress im Job. Weiteres Ergebnis: Das gefühlte Belastungslevel wächst proportional dazu, wie häufig die Befragten soziale Medien nutzen.

Die Angst davor, etwas zu verpassen

"Diese innere Spannung entsteht, weil das Zeitempfinden in der realen und der virtuellen Welt immer stärker auseinanderdriftet", erklärt Reinhard. "Während Phasen des Alleinseins in modernen Biografien häufiger werden, etwa durch Trennungen oder jobbedingte Umzüge, lockt die digitale Welt mit einem Gefühl von Zugehörigkeit und ständiger, maximaler Erregung." Ein Dauerfeuer der Interaktion, das uns zu Getriebenen macht - als "zerpflückte Zeit" bezeichnet der bekannte Soziologe Hartmut Rosa den allgegenwärtigen Multitasking-Wahn. Und wehe, wir werden unfreiwillig vom Kommunikationsfluss abgeschnitten, etwa, weil der WLAN-Router Zicken macht: Als "FOMO", "Fear of missing out", bezeichnen Forscher die Angst, etwas zu verpassen. Die ist unter den jüngeren "Digital natives" zwar verbreiteter als unter 40-somethings - aber ganz frei davon sind auch sie nicht.

Die Freude daran, etwas zu verpassen

Gleichzeitig wächst seit Jahren die "Lasst-mich-doch-alle-in-Ruhe"- Sehnsucht, und entsprechende Angebote boomen: von Meditations-Retreat bis Schweigekloster, von "Digital Detox" bis zu Reiseangeboten für Einzelne. Selbstgewählte Auszeiten, in denen man "die Außensicht auf sich selbst" (Rebekka Reinhard) kultiviert. Auch dafür haben Sozialforscher einen schnittigen Begriff geprägt: "JOMO", "Joy of missing out" - also die Freude, sich phasenweise von der überdrehten Party zu verabschieden.

Diese Freude empfinden natürlich nicht nur wir Deutschen, die ist grenzüberschreitend. Jüngster Wohntrend aus Großbritannien: moderne Gartenhäuschen auf dem eigenen Grundstück, nicht etwa als Lagerplatz für den Rasenmäher, sondern als Rückzugsort. "She-Sheds" oder "She-Huts" werden die mal rustikalen, mal edleren Mini-Hütten genannt. Denn, so schreibt die Zeitung "The Telegraph": „Eine bedeutende Anzahl der Auftraggeber sind Frauen, die nach einem zusätzlichen Raum zum Arbeiten oder für Yoga-Übungen fragen." 

Frauen sind es auch, die nach Trennungen mittlerweile bewusst und gern erst mal allein bleiben. Denn noch nie war es so einfach und anerkannt wie heute, ein ausgefülltes Solo-Leben zu führen. Weil die Gesellschaft offener geworden ist, und weil man mit leichtem Gepäck und ohne ständigen Kompromisszwang besser bei sich bleiben kann. Doch egal ob Einzelkämpferin oder Mutter von drei Kindern: Es scheint, dass die Sehnsucht nach dem Alleinsein, die Hinwendung zum eigenen Ich gerade in rasanten Umbruchszeiten (Digitalisierung) Konjunktur hat.

Sich selbst finden durch Rückzug und Alleinsein

Und der Wunsch nach Rückzug ist also ein sehr gesunder Reflex, gesellschaftlich wie psychologisch. Dietrich Munz, Vorsitzender der Bundespsychotherapeutenkammer, sagt: "Menschen sind verschieden in ihrem Kontakt- und Rückzugsbedürfnis. Aber grundsätzlich kann Alleinsein eine Kraftquelle sein, ein wichtiger Moment innerer Auseinandersetzung und Reflexion." Auch Solo-Tätigkeiten wie Lesen, Gartenarbeit oder eine Nordic-Walking-Runde dienen der Beziehungspflege in eigener Sache.

Wie gut wir mit uns selbst klar kommen, ob wir Solo-Zeiten eher als Bereicherung erleben oder als Bedrohung, wird auch durch persönliche Erfahrungen bestimmt, so Munz: "Ein Kind lernt in seiner frühen Entwicklung, dass seine Bezugsperson immer noch da ist, auch wenn sie gerade das Zimmer verlassen hat. Das ist die Grundlage für Vertrauen im Erwachsenenleben: Wer in der eigenen Biografie gute Bindungserfahrungen gemacht hat, der hält auch Phasen des Alleinseins besser aus. Und kann in Beziehungen dem Gegenüber mehr Raum lassen." 

Aus dem philosophischen Blickwinkel (Rebekka Reinhard) klingt das so: "Wenn wir ein Grundvertrauen haben, dass wir mit allem verbunden sind, müssen wir uns weder einsam fühlen noch kommunikativ überfordert."

"Inter sein" nennen es die Buddhisten - die Vorstellung, dass wir nicht nur in engen Beziehungen geborgen sind, sondern auch in flüchtigen Augenblicken, in loser Vernetzung mit der Welt. Dann sind wir im besten Sinn allein, mit allem eins, heil und gleichzeitig offen für andere. 

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Brigitte 05 / 2018

Wer hier schreibt:

Verena Carl
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