Sich selbst finden: Wer bin ich und wer will ich sein?

Vermutlich kennst du diesen Satz. Erwachsene sagen ihn gern - froh, nicht mehr pubertierend-suchend zu sein. Aber bin ich auch die Person, die ich sein will? Und: Kann ich mich wirklich grundlegend verändern?

Gern im Mittelpunkt stehen oder große Reden halten – der Typ war ich nie. Aus (Selbst-) Erfahrung weiß ich: Große Veranstaltungen sind mir ein Graus, und mehr als zehn Menschen auf einmal werden mir schnell zu viel. Und jetzt stehe ich, die Introvertierte, hier – untypischerweise im Mittelpunkt einer Riesenparty, die ich auch noch selbst organisiert habe. Ich habe meinen seit der Scheidung erstaunlich angewachsenen Freundes- und Bekanntenkreis eingeladen, um ihnen zu sagen, wie wichtig sie mir sind. Ich bin glücklich und total überrascht von mir selbst: Angenehm, Karina!

Raus aus der Komfortzone 

Ich war schon oft eine Andere, als ich gedacht hatte. Es fängt an, mir Spaß zu machen. Der Mensch ist ja ein Gewohnheitstier, keiner verändert sich gern und falls doch, selten freiwillig. Die meisten sind froh, nach der Pubertät und den sinnsuchenden Wirren des jungen Erwachsenenlebens eine Identität und ein paar dazu passende Tätigkeiten und Menschen gefunden zu haben. Sich wirklich grundlegend zu verändern macht dagegen eine Scheißangst – das geht nicht eben in einem Wochenendseminar, auch wenn das heute gern behauptet wird. Man pendelt längere Zeit ambivalent zwischen Gewinnerwartung und Verlustangst hin und her. Es ist kein schöner Ort, das ungemütliche Durchgangszimmer zwischen der Persönlichkeit, die man war, aber nicht mehr sein möchte; und der, die man werden möchte, aber einfach noch nicht weiß, wie und wann. Nur dass es jetzt sein muss, das ist dann noch sicher.

Das Streben nach Sicherheit ist nicht nur der uncoole Wunsch nach Bequemlichkeit. Sicherheit ist der stabile Unterboden, die tiefste Schicht in der menschlichen Bedürfnispyramide. Die Sehnsucht danach ist als Überlebenshilfe im menschlichen Urhirn verankert und hat uns immerhin aus zugigen Höhlen bis in unsere abschließbaren, heizbaren Wohnungen mit WLAN hochentwickelt. Aber für die Weiterentwicklung unserer Persönlichkeit müssen wir raus aus der Komfortzone, die unsere größte Problemzone ist. Die Wiener Psychotherapeutin Katja Beran sagt: "Das Gehirn ist ein Spießer und der Satz ,Das haben wir schon immer so gemacht‘ sein Mantra."

Aber auch im hohen Alter, das weiß die moderne Hirnforschung heute, ist es möglich, Umbauprozesse im Gehirn zu bewirken. Veränderung passiert dann, wenn die Ziele mit den ureigenen inneren Werten und Wünschen in Einklang stehen: Ich muss die Absicht meiner Veränderung mit jeder Faser FÜHLEN, nicht nur denken. Herz in Kombi mit Kopf – dann gelingen auch sehr massive Veränderungen. Durch die Gefühle werden die emotionalen Zentren im Gehirn aktiviert, dadurch neuroplastische Botenstoffe ausgeschüttet, und das erst ermöglicht Umbauprozesse von Nervenzellen, die sich durch eingelernte Erfahrungen verschaltet haben.

Entscheidungen und konsequente Taten

Der stärkste Antrieb für Veränderungen sind also starke Gefühle: Entweder muss man sehr verzweifelt sein, um der Notsituation schnellstmöglich zu entkommen – oder man entwickelt eine genaue Vision von einer glücklichen, schöneren Version seines Lebens und geht die nötigen Schritte mit Vorfreude. Je genauer, prächtiger und gefühlsechter man sich sein Luftschloss erträumt, desto eher realisiert man es und sich selbst als Bewohnerin darin tatsächlich neu.

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Ein neues Leben beginnt, sobald ein Mensch langfristig anders handelt und denkt als gewohnt. Es sind unsere Entscheidungen und konsequenten Taten, die uns ausmachen. "So bin ich halt" macht dagegen alt. Gerade ab Mitte 40, wenn Frauen die einstudierten, vertrauten Rollen als Mutter, Tochter, Karrierefrau und Familienfürsorgerin mehr oder weniger freiwillig aufgeben, destabilisiert sich ihre Persönlichkeit wieder. Da können sich Abgründe auftun – oder ganz neue Welten eröffnen. Um die zu entdecken, empfiehlt Katja Beran, sich folgende Fragen zu stellen: Welche Möglichkeiten gibt es noch? Welche Rollen möchte ich leben? Was könnte noch alles sein? Und was hilft mir dabei? Welche Ressourcen habe ich? Worauf habe ich in der Vergangenheit erfolgreich zurückgegriffen? "Für mich heißt Veränderung immer, aus der Enge in die Weite zu kommen, Raum zu schaffen", so die Therapeutin. "Es gibt nicht nur Schwarz oder Weiß, sondern eine Fülle an Optionen. Nach einer wesentlichen Veränderung hat man ja oft das Gefühl, das Leben ist wieder bunt!"

Mein persönliches Glücksrezept ist es, immer etwas weniger Angst als Neugier auf das zu haben, was ich bestenfalls noch sein könnte. Je mehr man sich selbst vertraut, desto mehr Neues traut man sich zu. Auch die wichtigste Frage von allen kann man sich nur selbst beantworten: Sehne ich mich nach Veränderung? Will ich alle Möglichkeiten, alle Facetten erleben, die meine Existenz hier für mich bereithalten könnte – und dafür auch Aufregung und Risiken eingehen? Dann werde ich dem, wie ich bestenfalls gemeint bin, immer näher kommen. Versuche ich dagegen, mich zu verändern, zu modifizieren, zu bescheiden, zu disziplinieren, um den Erwartungen anderer zu entsprechen und damit deren Anerkennung zu erlangen? Auch das ist verständlich, denn sichere Bindung ist ein weiteres menschliches Grundbedürfnis. Doch damit füttert man schlimmstenfalls immer weiter sein falsches Bild und entfremdet sich seiner selbst.

Entscheidung für oder gegen Lebensumstände

Leider werden nur Kinder dauernd gefragt, was sie mal werden wollen, wenn sie groß sind. Damit ist zwar hauptsächlich die Berufswahl gemeint, aber es steckt auch immer ein "Wer willst du werden, was für ein Mensch möchtest du sein" darin. Wer dann offiziell volljährig ist, soll sich entscheiden und gefälligst dabei bleiben. Das macht Menschen berechenbarer für die Gesellschaft. Doch es gibt auch ungewollte Veränderungen. Das Leben spielt einem oft andere Rollen zu als gedacht. Etwa: die Arbeitslose. Die Geschiedene. Die Kranke. Die Alleinerziehende. Die Verwitwete. So zu leben – nein, das könnte ich nie, glaubt man als Außenstehende. Und kann es doch, wenn es keine andere Möglichkeit mehr gibt, bis zum nächsten Rollenwechsel. "Ich bestehe aus Stücken aller Orte, an denen ich je gewesen bin, und aller Leute, die ich je geliebt habe. Ich bin zusammengenäht mit Songtexten, Buchzitaten, Abenteuern, späten Nachtgesprächen, Mondlicht und dem Geruch von Kaffee", wie die Poetin Brooke Hampton es ausdrückte.

Egal wo und wie alt ich bin – ich kann mich jederzeit neu für oder gegen Lebensumstände entscheiden. Die geistige Freiheit dazu muss man sich nehmen. Neurowissenschaftler Dr. Joe Dispenza, Autor der Bücher "Du bist das Placebo" und "Superhuman", sagt: "Wenn wir 35 Jahre alt sind, bestehen wir schon zu 95 Prozent aus einer auswendig gelernten Zusammensetzung von Verhaltensmustern, unbewussten Gewohnheiten, verhärteter Haltung, Glaubensmustern und Wahrnehmungen, die wie ein Computerprogramm funktionieren. Noch vor nicht so langer Zeit wollte uns die Wissenschaft weismachen, dass wir dazu verdammt sind, so zu leben, wie es unseren Genen entspricht und wie wir konditioniert wurden, und dass wir uns mit diesen Beschränkungen abfinden müssten. Doch was ich in den letzten 20 Jahren über das Gehirn und seinen Einfluss auf unser Verhalten gelernt habe, gibt mir viel Hoffnung für uns Menschen und unsere Möglichkeit zur Veränderung."

Also, macht doch alle, was ihr wollt, was ihr wirklich, wirklich wollt! Nur tut mir einen Gefallen: Werdet nicht eine dieser anstrengenden Wohlbekannten, die ständig über ihr mieses Leben jammern, anderen daran die Schuld geben und alle dauernd um Rat fragen, was sie nur ändern könnten. Nach einer Stunde ist man völlig erschöpft vor lauter Mitdenken, Vorschlägen und Pläneschmieden – und das Profi-Opfer zieht satt und zufrieden vor imaginären Möglichkeiten von dannen, um alles genauso schlecht weiterlaufen zu lassen wie bisher. Bitte, Leute, dann bleibt einfach so, wie ihr seid – aber mir möglichst fern. Ich habe beschlossen, nicht mehr der Typ zu sein, der sich das länger anhört.

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BRIGITTE WOMAN 03/2020

Wer hier schreibt:

Karina Lübke
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