Sido-Interview: "Schämen Sie sich manchmal?"

Sido, 28, ist Porno-Rapper, seine Songs sind Gewalt verherrlichend und frauenfeindlich. Er selbst findet, er sei höflich und zuvorkommend. Auf BRIGITTE.de lesen Sie das ausführliche Interview mit Sido.

BRIGITTE: Sie sind bekannt geworden durch den "Arschficksong" und andere Musik, mit denen Sie den Leuten vors Schienbein traten. Und in einem Song heißt es: "Ich bin ein schlechtes Vorbild".

Sido: Die Zeile geht noch weiter.

BRIGITTE: "Aber wer sagt, was schlecht ist?"

Sido: Das muss man nämlich auch erst mal definieren.

BRIGITTE: Bitte.

Sido: Du wirst nur dadurch gut, dass du dich von dem abgrenzt, was für dich böse ist. Das ist ein anstrengendes Thema. Ying und Yang, irgendwie.

BRIGITTE: Kann jemand, der solche Songs macht, ein guter Mensch sein?

Sido: Auf jeden Fall. Ich habe eigene ethische Grundsätze. Auch wenn meine Regeln sich unterscheiden von denen, die in Schule, Ämtern oder anderen Institutionen erlassen werden. Ich habe meine eigenen Grenzen.

BRIGITTE: Zum Beispiel?

Sido: Ich versuche, immer zuvorkommend zu sein, höflich zu sein, anderen Leuten von vornherein nichts Böses zu wünschen. Auch wenn Freunde von mir behaupten, sie fänden jemanden voll Kacke - ohne denjenigen zu kennen, würde ich mir kein Urteil anmaßen. Aus Prinzip nicht.

Auf der nächsten Seite: "Ich bin kein Gangster, ich bin bloß von der Straße."

BRIGITTE: Sie sind im Märkischen Viertel aufgewachsen, ein sozialer Brennpunkt im Norden Berlins. Ist Höflichkeit dort eine Tugend?

Sido: Nee. Im Viertel gilt: Ellenbogen ausfahren, wenn jemand dabei im Weg steht - Pech gehabt. So kommt man im MV weiter. Aber das war ja nie mein Ziel. Eigentlich wollte ich immer von dort weg.

BRIGITTE: Wenn man sich Ihre Musik anhört, dann klingt das aber so, als hätte es Ihnen da gefallen, als wären gewalttätiger Sex, Prügeleien und Drogendeals ziemlich cool.

Sido: Das war meine Überlebensstrategie. Wenn du in der Scheiße lebst, geht es dir noch schlechter, wenn du es Scheiße nennst. Witze über den Toten, der im 16. Stock vor sich hin modert, helfen nur dabei, nicht vor die Hunde zu gehen. Das haben viele nicht verstanden, deshalb mache ich solche Texte auch nicht mehr.

BRIGITTE: Stimmt. Ihrer neuen Platte haftet fast etwas Sozialpädagogisches an: Eltern - passt auf eure Kinder auf. Männer - geht nicht fremd.

Sido: Wenn ich merke, dass Leuten etwas nicht an mir gefällt, dann ist mir das ziemlich egal. Ich will Kunst machen, ich will rappen. Ich habe diese Songs nicht geschrieben, damit mich die Leute netter finden. Zum Beispiel im Song "Straßenjunge". Da habe ich mal klipp und klar gesagt: Ich bin kein Gangster, ich bin bloß von der Straße.

BRIGITTE: Und jetzt sind Sie Juror und heimlicher Hauptdarsteller in "Popstars", einer Mainstream-Familienshow zur besten Sendezeit. Und dürfen dort vor laufender Kamera Leute beleidigen.

Sido: Würde ich so nicht sehen. Ich sage einfach meine Meinung, und wenn jemand scheiße singt, muss ich das sagen. Dafür bin ich doch da hingegangen.

Auf der nächsten Seite: "Ich finde Ehrlichkeit wichtiger."

BRIGITTE: Aber gehört nicht auch ein guter Umgangston, eine gewisse Freundlichkeit dazu, wenn man ein guter Mensch sein will?

Sido: Also, ich finde Inhalte wichtiger. Und Ehrlichkeit.

BRIGITTE: Wie in Ihren Songs? Deren Texte mit der latenten Gewalt und oft frauenfeindlichen Inhalten sind auch nicht besonders freundlich.

Sido: Wir reden hier über Kunst. Ich rappe mir Sachen von der Seele in den Stücken, das sind meist ernste Themen im Slang des Ghettos. Denn da liegen viele Geschichten auf der Straße. Aber das ist doch überhaupt kein Indiz dafür, dass ich kein netter Kerl bin. Ich habe eine große soziale Ader.

BRIGITTE: Sie haben sechs Monate in einem Altenheim gearbeitet. Hat das einen besseren Menschen aus Ihnen gemacht?

Sido: Eigentlich nicht. Mir waren Menschen, die mir sehr nahe stehen, schon immer unglaublich wichtig, wichtiger noch als ich selber. Eher wird man kälter, weil man die Menschen dort so schnell kommen und gehen sieht. Deshalb musste ich weg. Und bin Erzieher geworden.

BRIGITTE: Noch was Soziales.

Sido: Ja. Und das war gut. Das war naiv, unvorbelastet. Ich musste mir halt den Ghetto-Slang abgewöhnen, aber ansonsten war's ziemlich locker. Ich habe nur gemerkt, dass Kinder im Grunde nur an sich denken. Lauter kleine Egoisten, allesamt.

Auf der nächsten Seite: '"Verantwortung übernehmen"

BRIGITTE: Welche Rolle spielte Ihre eigene familiäre Situation für Ihr Weltbild?

Sido: Eine große Rolle. Mein Vater war weg, mein Stiefvater war ein Arschloch, wir waren arm - aber ich habe von meiner Mutter so unglaublich viel Liebe mitbekommen.

BRIGITTE: Wer hat Ihr Männerbild geprägt?

Sido: Meine Mutter. Ich bin nicht typisch deutsch aufgewachsen. Wir sind Sinti, und da ist der Mann das Oberhaupt der Familie, da gibt es keinen Feminismus und so 'nen Scheiß. Das habe ich zu Hause gelernt, und das versuche ich gerade meiner Freundin beizubringen. Die kann für ihr eigenes Paar Schuhe arbeiten, aber die Miete und das Essen zahle ich. Oberhaupt sein heißt auch Verantwortung zu übernehmen.

BRIGITTE: Mit 19 sind Sie selbst Vater geworden.

Sido: Ja. Und war sofort getrennt von der Mutter, wollte das gar nicht mit dem Kind.

BRIGITTE: Gewissensbisse?

Sido: Ja und nein. Ich habe die ganze Zeit Verantwortung gespürt für den Kleinen. Nur hatte ich am Anfang nichts, was ich ihm geben konnte. Ich hatte nur meine Musik und den Glauben an mich.

BRIGITTE: Was sich inzwischen ausgezahlt hat: Sie sind jetzt 28. Es war zu lesen, dass Sie sich mit 40 zur Ruhe setzen wollen.

Sido: Das stimmt. Mir ist das alles hier zu stressig. Ich bin einer von der gechillten Sorte, Füße hoch, Fernseher an, drei Wochen nichts tun - so einer bin ich. Die Guten dürfen das. Und ich zähle mich zu den Guten. Ich werde am Ende in den Himmel kommen.

Interview: Stephan Bartels Ein Artikel aus der BRIGITTTE 21/08
Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

Sido-Interview: "Schämen Sie sich manchmal?"

Sido, 28, ist Porno-Rapper, seine Songs sind Gewalt verherrlichend und frauenfeindlich. Er selbst findet, er sei höflich und zuvorkommend. Auf BRIGITTE.de lesen Sie das ausführliche Interview mit Sido.

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

Deine Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden