Sind unsere Gedanken wirklich frei?

Das ist eine Illusion, meint Susan Blackmore. Und findet: Wenn man das akzeptiert hat, macht Nachdenken erst richtig Spaß.

BRIGITTE: Frau Blackmore, Sie haben sich als Forscherin einen Namen gemacht, die Spuk und andere übersinnliche Phänomen widerlegt. Und jetzt behaupten Sie, dass kleine Wesen - so genannte Meme - unser Gehirn besetzen und uns vorgeben, was wir denken sollen...

Susan Blackmore: Einspruch! Meme sind keine Spukgeschöpfe, die in der Atmosphäre herumschwirren. Ich erkläre es Ihnen mal ganz einfach: Ich spreche jetzt mit Ihnen. Alle diese Worte sind Meme. Sie sammeln sie ein, um sie in Ihrer Zeitschrift zu drucken. Und die wird - hoffentlich! - von vielen Leuten gelesen. So funktionieren erfolgreiche Meme. Sie benutzen unsere Gehirne, um sich immer weiter zu vermehren.

BRIGITTE: Sie benutzen uns? Das heißt, sie haben einen eigenen Willen?

Blackmore: Das hört sich vielleicht so an. Ist aber nicht so gemeint. Vergleichen Sie es einfach mit Genen: Die werden auch laufend kopiert und erzeugen damit ständig neue Organismen. Aber der DNA selbst ist dieser Vorgang völlig egal. Und genauso verhält es sich mit Memen. Alles, was man kopieren kann, ob Geste, Melodie oder Gerücht, ist ein Mem.

BRIGITTE: Und was tun die in unseren Köpfen?

Blackmore: Wir bilden uns ein, dass wir es sind, die bestimmte Ideen entwickeln. Ich finde es hilfreich, die Sache anders herum zu betrachten. Zum Beispiel: Nicht ich habe dieses Buch ausgesucht, das ich gerade lese. Sondern das Buch war so schlau, mich als Kopiermaschine für bestimmte Inhalte zu benutzen.

BRIGITTE: Meine Meinung, mein Stil - habe ich alles nur irgendwo aufgeschnappt?

Blackmore: Na ja, wir sind schon ziemlich clevere Entscheidungsmaschinen: Welcher Teppich passt in dieses Zimmer? Was ziehe ich an, wenn BRIGITTE-Leute kommen? Trete ich auf wie eine vernünftige Frau mittleren Alters? Gehe ich noch schnell zum Friseur? Ständig entscheiden wir so was. Scheinbar.

BRIGITTE: "Die Gedanken sind frei" heißt ein deutsches Volkslied. Glauben Sie daran?

Blackmore: Nein. Es ist eine Illusion zu glauben, dass wir uns eine eigene Meinung bilden könnten - unabhängig von unserer Erziehung, dem Fernsehen und den Nachbarn! Und das sage ich als jemand, für die Nachdenken das schönste Hobby ist! Aber wie ist das in diesem Lied überhaupt gemeint?

BRIGITTE: "Kein Mensch kann sie wissen, kein Jäger erschießen. . . selbst wenn man mich einsperrt - die Gedanken sind frei".

Blackmore: Ach so. In diesem Sinne ist das natürlich richtig. Und ich bewundere Menschen, die für geistige Freiheit eintreten, wirklich sehr. Allerdings können wir unsere Gedanken wohl nicht mehr lange geheim halten: Die Hirnforschung wird bald erkennen können, was in den Köpfen anderer Leute vorgeht.

BRIGITTE: Und die Existenz von Memen beweisen?

Blackmore: Diese Frage wird mir oft gestellt, aber sie ist ein bisschen töricht. Nehmen Sie ein Lied wie "Happy Birthday". Überall auf der Welt wird es inzwischen gesungen, in China wie in Amerika oder Indien: ein sehr starkes Mem! Dafür brauchen Sie keinen Beweis.

BRIGITTE: Sie sind also überzeugt, dass wir nicht frei entscheiden? Wenn man so Ihren eigenen Lebensweg betrachtet...

Blackmore: Stimmt, ich habe einige sehr merkwürdige Dinge getan. Ich war ein rebellisches Kind, hatte ständig Ärger. Als Studentin bin ich im ersten Semester von der Uni geflogen, weil man mich mit einem Mann in meinem Zimmer erwischt hat. Und wissen Sie was? Der Mann durfte weiter studieren und musste nur eine kleine Geldstrafe bezahlen.

BRIGITTE: Es ist ja dann doch noch was aus Ihnen geworden. Sehr viel später, 2002, haben Sie beschlossen, einen gut bezahlten Job als Universitätsdozentin aufzugeben.

Blackmore: Weil ich den Job gehasst habe! Wir haben in den englischen Universitäten immer mehr Studenten und immer weniger Geld, und so besteht unser Job darin, endlose Formulare auszufüllen und in Gremien herumzusitzen. Aber ich will denken und lesen, forschen und schreiben und etwas zur Welt der Ideen beitragen! Das kann ich jetzt, wenn auch mit einem unsicheren Einkommen.

BRIGITTE: Und diese Entscheidung haben Sie ganz allein für sich getroffen?

Blackmore: Die Frage ist eher: Warum habe ich das alles getan? Ich glaube, dass meine Gene, meine Hirnstruktur, meine Erziehung, die Tatsache, dass ich das älteste Geschwister war, aus mir ein rebellisches Kind machten und später eine mäßig rebellische Erwachsene.

BRIGITTE: Die sich mit einer Theorie beschäftigt, deren Nutzen wir immer noch nicht ganz verstanden haben.

Blackmore: Klar ist es beängstigend, sich vorzustellen, dass wir nur Mem-Maschinen sind, die alles Mögliche kopieren. Aber in einer Welt, die so voll mit Werbung, Medien und allem möglichen anderen Zeug ist, kann das helfen, sich ein bisschen dagegen zu wehren. Wir haben heute doch das Problem, dass bestimmte Ideen durch die Medien extrem gepusht werden. Und andere, weniger populäre Stimmen finden kaum noch Gehör.

BRIGITTE: Gehört dazu auch das Ideal von der superdünnen Model-Figur?

Blackmore: Genau. Und das ist wirklich schlimm, denn junge Mädchen gefährden damit ihre Gesundheit und ihr Selbstvertrauen. Wir Eltern sollten ihnen sagen: "Dieser Schlankheitswahn - das sind nur Meme, die kopiert werden wollen. Fallt bloß nicht drauf rein!"

BRIGITTE: Das soll die Mädchen beeindrucken?

Blackmore: Wenn wir die Memetik zu einer anwendbaren Wissenschaft entwickeln, können wir vielleicht noch bessere Methoden zum Schutz vor solchen Memen finden.

BRIGITTE: Klingt ein bisschen nach Gehirnwäsche...

Blackmore: ...ist aber eher vergleichbar mit der Impfung gegen eine ansteckende Krankheit. Nehmen Sie zum Beispiel den Kommunismus - eigentlich eine sympathische Theorie. Aber nach all den Erfahrungen ist momentan kaum jemand anfällig dafür. Oder bestimmte Moden unter Kindern wie etwa die Tamagochis: Wenn eine Altersgruppe da rausgewachsen ist und das nicht mehr cool findet, sind die Kleineren auch immun.

BRIGITTE: Das heißt, es gibt in unserem Hirn noch etwas anderes als Meme?

Blackmore: Klar. Denken Sie mal an ein wunderschönes Landschaftserlebnis aus Ihrem letzten Urlaub. Diese Erinnerung haben nur Sie ganz allein - das ist also kein Mem. Fangen Sie mal! (Sie wirft ihre Brille durch den Raum.) Oh, nicht schlecht reagiert! So was lernt man nicht, indem man es nachmacht, sondern nur durch Übung. Sehen Sie meine beiden wunderhübschen Katzen? Die sind sehr schlau, aber völlig unfähig, irgendwas zu imitieren. Das tun nur Menschen.

BRIGITTE: Und ist Fortschritt möglich, wenn wir uns immer nur gegenseitig kopieren?

Blackmore: Das Schlüsselwort heißt Evolution. Wir sind keine perfekten Kopierautomaten, sondern machen Fehler. Und manches wird durch Fehler besser: Wenn Sie einen Witz schlecht nacherzählen, haben Sie wenig Erfolg. Aber manche Geschichten werden erst richtig gut, wenn Sie eine Kleinigkeit dazuerfinden. Kreativität besteht vor allem in der Neu- Kombination von Memen. Die großen Künstler dieser Welt sind in erster Linie großartige Kopisten, die Bekanntes neu zusammenstellen.

BRIGITTE: Viele Menschen haben heute eher das Problem, den Kopf mal freizukriegen.

Blackmore: Da weiß ich eine hervorragende Methode: Meditation! Ich praktiziere das seit 20 Jahren. Es geht dabei um nichts anderes als die Kunst, für eine halbe Stunde alle Gedanken fließen zu lassen, ohne ihnen die Chance zu geben, im Gehirn Wurzeln zu schlagen. Es ist wie Unkrautjäten im Kopf.

BRIGITTE: Eigentlich ist das ja alles ziemlich ernüchternd. Aber Sie vertreten Ihre Theorie trotzdem sehr leidenschaftlich.

Blackmore: Ja, darüber wundere ich mich manchmal selbst. Vor 35 Jahren wollte ich meine engstirnigen Dozenten in Oxford überzeugen, dass es Seelenwanderung gibt, Geister und alles mögliche andere Zeug. Ich wollte so gern, dass es wahr ist - aber ich konnte es nicht beweisen. Was sollte ich also tun? Weiter meinen Illusionen nachhängen, nur weil sie sich hübsch anhören? Ich habe mich entschieden, nicht an Spuk zu glauben, sondern an die Theorie, für die es die besten Grundlagen und Beweise gibt. Es ist zwar schrecklich, sich einzugestehen, dass der "freie Wille" bloß eine Illusion ist. Aber es kann sehr viel Freude machen zu erkennen: Aha, so sieht also die Wirklichkeit aus! Wow! Was für eine wunderschöne Theorie!

Interview: Irene Stratenwerth BRIGITTE Heft 2/2007

Wer hier schreibt:

Irene Stratenwerth