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Gewalttätiger Ex "Die Polizisten zuckten mit den Schultern und gingen wieder"

Frau hält eine Hand vor die Kamera
© Frame Studio / Shutterstock
Seit Jahren streitet sich Susanna* mit ihrem Ex um die gemeinsame Tochter. Sie weiß, dass er gewalttätig ist und dass das Kind zu ihr will. Doch vor Gericht zieht sie immer wieder den Kürzeren.
Protokoll: Anne Dittmann

Als Leonie* noch ein Baby war, bat ich ihren Vater eines Abends, in seine eigene Wohnung zu gehen. Tom* und ich waren nur wenige Monate zusammen gewesen, nun teilten wir uns das Sorgerecht. Aber Tom war gekränkt. Weil ich mich getrennt hatte, und weil ich ihn nun aufforderte zu gehen. Ich erklärte, dass ich nur Ruhe brauchte, da schlug er schon mein Gesicht gegen die Wand.

Wie es begann

Zwei Polizisten kamen und sahen eine verheulte Mutter mit Baby und zittriger Stimme, ohne nachweisbare Verletzungen. Und einen Mann, der peinlich berührt mit den Augen rollte. Die Polizisten zuckten mit den Schultern und gingen wieder. Ich blieb schockiert zurück. Tom hatte mir gezeigt, dass er mir wehtun kann – und vor allem dass mir niemand glauben wird.

Von da an ließ er mich nie mehr in Ruhe, beleidigte mich bei den Übergaben, zeigte mich wegen Körperverletzung an, weil ich Leonie gegen Masern impfen ließ. Oft dachte ich: Was er da macht, ist völlig lächerlich. Ich habe versucht einzulenken, Zugang zu ihm zu finden, Beratungsgespräche für Familien und Mediationen bei verschiedenen Stellen angeschoben. Nichts half.

Ein Hoffnungsschimmer

Als Leonie fünf war, zogen wir raus aufs Land in ein schönes Häuschen. Bei unserem ersten Spaziergang dort holte ich tief Luft, mein Brustkorb entkrampfte. Ein Aufatmen. Tom und ich hatten uns geeinigt: Ich bekomme das vorläufige Aufenthaltsbestimmungsrecht, Leonie besucht ihn alle zwei Wochen. Es funktionierte – bis sie an einem Wochenende nicht zurückkam. Stattdessen Schreiben vom Gericht und Toms Anwalt: Das Sorgerecht wird neu verhandelt, weil ich Tom das Kind entzogen hätte und bindungsintolerant sei – also die Bindung zwischen Vater und Kind sabotiere.

Ich geriet in Panik und zog zurück in die Stadt. Trotzdem sollte Leonie beim Vater bleiben. Die Begründung: Kontinuitätsprinzip, sie solle zur Ruhe kommen. So eine schreiende Ungerechtigkeit! Ich fühlte mich alleingelassen und ungeschützt. Kurz danach erzählte mir Leonies Erzieherin, dass meine Tochter aufgehört hatte zu sprechen und ein trauriges Mädchen geworden war. Und ich durfte gar nichts für sie tun! Diesen Schmerz werde ich niemals vergessen.

Lügen über Lügen

Tom kann charmant sein, gut mit Worten umgehen. Zum Jugendamt und dem gerichtlichen Gutachter sagte er, ich hätte eine Borderline-Persönlichkeitsstörung – die "Diagnose" wurde amtlich notiert. Wie kann das sein? Und wie beweist man einem Gericht, dass man mental gesund ist? Dass man aber natürlich mental belastet wird von einem Justizsystem, das einen zermürbt.

Ich schickte Gegengutachten von zwei Psychologie-Professoren sowie Leonies Psychiaterin: Alle empfahlen, sie wieder bei mir wohnen zu lassen. Das Gericht hat die Dokumente "zur Kenntnis" genommen. Mehr nicht. Ich brach zu Hause zusammen, schrie und weinte. Wie kann alles nur so verdreht werden? Da dachte ich das erste Mal: Ich kann nicht mehr. Aber jemand muss meiner Tochter doch beistehen! Ich begann, zu Hause Jura zu studieren, und nahm Kontakt auf zu Müttern in ähnlichen Situationen.

Die Folgen zeigen sich jetzt schon

Leonie ist jetzt elf, ihr Leid mittlerweile symptomatisch: Depressionen, Neurodermitis, Suizidgedanken. Sie ist schon mehrfach zu mir geflohen. Erstmals als Tom sie in einem heftigen Streit gewürgt hatte. Ihre Psychiaterin hat das beim Jugendamt zur Anzeige gebracht. Tom behauptet dagegen, er sei lediglich mit dem Arm an ihren Hals gestoßen. Als wir zur Polizeiwache gingen, um eine Aussage machen, rissen mehrere Polizisten Leonie von mir weg, um sie ihm zu übergeben. Er hatte einen Herausgabebeschluss erwirkt. Allmählich wurde mir klar: Je mehr ich mich wehre und versuche, Leonie zu beschützen, desto größer wird seine Rache.

Hoffnungslosigkeit

Das letzte Mal floh Leonie im September. Wir hatten uns drei Wochen nicht gesehen, ihr Vater erwirkt gerade ein Kontaktverbot gegen mich. Wir hielten uns in den Armen, als er meine Wohnungstür eintrat, mir den Finger umdrehte und dabei den Knochen brach. Er schleifte uns beide nach draußen, wo alle uns sehen konnten. Leonie schrie, ich urinierte vor Angst, Tom schlug mir in den Bauch. Polizist* innen kamen, wedelten mit einem Dokument vom Jugendamt: Das Kind muss wieder zum Vater. Ich konnte nur noch meiner Tochter hinterherrufen: "Alles wird gut!"

Natürlich kann niemals alles wieder gut werden. Meine Tochter ist traumatisiert und muss damit leben. In drei Jahren kann sie selbst entscheiden, bei wem sie leben möchte. Ich habe nur Angst, dass sie so lange nicht durchhält.

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