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Stark sein ist nicht alles! Manchmal muss ich eben einfach weinen ūü§∑‚Äć‚ôÄÔłŹ

Stark sein ist nicht alles: Frau von hinten, während sie zwei Mittelfinger hoch hält
© kikovic / Shutterstock
Keine Schw√§che zeigen und sich ja keine Bl√∂√üe geben ‚Äď denn wer stark ist, wird respektiert. Unsere Autorin hat's nur leider nicht so mit dem stark sein. Daf√ľr findet sie menschlich sein eigentlich ganz nett ...
  • Starke Frauen zeigen ihre Cellulite bei Instagram ‚Äď ich lasse¬†meine gar nicht erst knipsen.
  • Starke Frauen stehen zu ihrer Meinung ‚Äď ich habe h√§ufig nicht mal eine.
  • Starke Frauen blicken nach einem Schicksalsschlag nach vorn ‚Äď ich muss seit Jahren jedes mal weinen, wenn ich im Supermarkt versehentlich im Gang mit dem Honig lande. Weil mich der Honig immer an meinen Papa erinnert.

Sch√∂n, bin ich eben keine starke Frau. Aber ich habe es satt, mich deshalb zu stressen und¬†mir auch noch ein schlechtes Gewissen einreden zu lassen. Ich finde, ich habe ein Recht darauf, schwach zu sein ‚Äď nicht, weil ich eine Frau bin, sondern weil ich ein Mensch bin.

Nein, ich schaffe das nicht!

Als ich Anfang 2017 meinen Vater verloren habe, ist mein Herz das erste mal in meinem Leben gebrochen, und dann gleich¬†in mehrere Tausend St√ľcke. Ich kann bis heute nicht begreifen, dass er mir nie wieder antworten wird, mich nie wieder in den Arm nehmen und f√ľr mich da sein wird. Ich hatte noch so viel mit ihm vor und h√§tte ganz dringend (!!) mindestens ein weiteres Jahr mit ihm gebraucht!¬†Das Schicksal kann so ein Arschloch sein ...

Trotzdem ging ich nach einem gn√§digen Tag Sonderurlaub wieder zur Arbeit¬†(den zweiten brauchte ich f√ľr die Trauerfeier). Nat√ľrlich h√§tte ich sagen sollen, ich kann nicht und brauche noch Zeit. Aber mach¬†das mal, wenn in vier Monaten dein befristeter Arbeitsvertrag ausl√§uft und dein Chef dich seit acht Wochen hinh√§lt, ob du entfristet wirst oder gehen musst ... (Fun fact: Ich habe den Job dann trotzdem verloren ‚Ästwegen gesch√§ftsbedingten Stellenabbaus. Im Nachhinein das Beste, was mir passieren konnte, und ein wichtiges Learning: Zur√ľckstecken¬†sch√ľtzt vor¬†Arschtritt nicht. Im Zweifel setze ich daher jetzt lieber meine eigenen Bed√ľrfnisse an erste Stelle ...)¬†

Jedenfalls hat mich meine liebste Kollegin damals an meinem ersten Tag wieder im B√ľro¬†netterweise in den Arm genommen¬†und zu mir gesagt: "Du schaffst das! Du bist stark!" Ich wei√ü, das war lieb gemeint und zugegeben, so richtig¬†getr√∂stet h√§tte mich in dieser Zeit sowieso nur mein Vater, der mich in den Arm nimmt.¬†Trotzdem waren diese Worte meiner Kollegin ein ziemlich kl√§glicher, um nicht zu sagen √ľberfl√ľssiger, Trostversuch. Ich war nunmal nicht stark, im Gegenteil. Ich war zerbrechlich, kraftlos und tieftraurig. Gesagt zu bekommen, dass ich es schaffen w√ľrde, setzte noch ein Gef√ľhl der Einsamkeit oben drauf.

Oberste Regel: Stark sein und funktionieren 

Zum Gl√ľck hatte ich ja noch Freunde und Familie, die mich in jener Situation besser verstanden. Aber die Reaktion meiner Kollegin spiegelt doch eine grunds√§tzliche Haltung¬†wider, die ich als sehr pr√§sent in unserer Gesellschaft empfinde: Menschen sollen stark sein, sich im Griff haben, funktionieren, Steuern zahlen, teure Dinge und Protein-Riegel kaufen¬†und ihre Probleme bittesch√∂n abends im stillen K√§mmerlein l√∂sen. "Ein Indianer kennt keinen Schmerz, Zeit heilt alle Wunden" und jetzt¬†Z√§hne zusammen bei√üen¬†und Klappe halten!

Stark sein ist automatisch gut und immer die Zielvorgabe, schwach sein ist schlecht und das, woran wir arbeiten m√ľssen. Auch wenn ich nichts gegen das Stark sein an sich habe und Frauen, die ihre Cellulite bei Instagram zeigen, feiere, finde ich diese Bewertung problematisch. Sie f√ľhrt nunmal dazu, dass Menschen blo√ü ihre starken Seiten und Momente zeigen und ihre Zerbrechlichkeit verstecken. W√ľrden wir alle noch in H√∂hlen wohnen und das Essen w√§re knapp, f√§nde ich es ja angebracht. Da m√ľssten die Schwachen schlie√ülich f√ľrchten, von den Starken ausgebootet zu werden. Aber in einer Welt, in der wir uns theoretisch Solidarit√§t und Mitmenschlichkeit leisten k√∂nnten (und es ja angeblich auch tun) ‚Äď warum m√ľssen wir uns in so einer Welt st√§ndig st√§rker machen, als wir sind? Damit setzen wir uns doch nur alle gegenseitig unter Druck und schrauben unsere Anspr√ľche k√ľnstlich in die H√∂he.¬†¬†

Davon abgesehen: Wieso ist es eigentlich¬†so selbstverst√§ndlich, dass stark = gut ist? Schlie√ülich haben sich¬†Menschen ja vor allem deshalb¬†zusammengetan, weil sie einzeln zu schwach zum √úberleben sind, geschweige denn zum Software Programmieren und Flugzeuge Bauen. Also k√∂nnen Schw√§chen wohl sooo schlimm und peinlich gar nicht sein. Schwach sein muss doch auch etwas Gutes haben, sonst w√§ren wir es wohl nicht. Aber nein, diese Fixierung aufs Stark sein geht so weit, dass wir es sogar schon stark nennen, wenn wir blo√ü mal versehentlich zu unseren Schw√§chen stehen. Warum nur, warum m√ľssen wir unbedingt¬†"stark" sein? Was ist denn bitte so verkehrt mit "menschlich"?

Das Gute am Stark sein   

Ich sage ja gar nicht, dass wir unsere Schw√§chen zelebrieren und uns auf unserer "Menschlichkeit" ausruhen sollen. Wenn ich einen starken Moment habe, zum Beispiel jemanden in Schutz nehme, √ľber den andere l√§stern, oder meine Pickel mich nicht st√∂ren, f√ľhle ich mich ja selber gut. Wenn ich dagegen im Supermarkt beim Anblick von Honig anfange zu weinen, geht's mir mies. Und da gute Gef√ľhle grunds√§tzlich¬†das sind, was ich will, bem√ľhe ich mich nat√ľrlich sowieso, stark zu reagieren und st√§rker zu werden. Aber ich will es dann f√ľr mich tun und nicht f√ľr eine Gesellschaft, die meine St√§rke im Zweifel gar nicht sch√§tzt (wie mein Ex-Arbeitgeber) oder blo√ü ausnutzt.

Das ist nämlich auch so ein Problem mit diesem Stark sein: Es gibt gar keine soo klare Definition von menschlicher Stärke, ebenso wenig wie von Schönheit. Heute ist es stark, seine Meinung zu sagen, morgen ist es vielleicht wieder stark, darauf um des lieben Friedens Willen zu verzichten. Daher ist es auch so problematisch, Stark sein zum universellen Lebensziel zu erklären: Stärke ist nunmal subjektiv und in gewisser Weise Geschmacksache. 

Klar k√∂nnen wir Menschen daf√ľr bewundern, wenn sie sich in unseren Augen¬†stark verhalten, und wir d√ľrfen ihnen¬†das dann gerne auch¬†sagen ‚Äď geht doch nichts √ľber gegenseitige¬†Wertsch√§tzung. Aber: Stark sein ist nunmal nicht alles.¬†Und¬†wenn ich das n√§chste Mal einen Menschen treffe, der vor dem Scherbenhaufen eines Schicksalsschlags steht, kann ich ja¬†auch einfach zu ihm¬†sagen: "Du bist nicht allein. Wir halten dir den R√ľcken frei."

  

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