Starke Jammerlappen

Die Deutschen nörgeln zu viel. Sagen Politiker, Unternehmer, Meinungsmacher. Alles Lüge, meint BRIGITTE-Autor Oskar Holzberg und wirft einen Blick auf unsere starken Seiten

Willkommen im Land der Jammerlappen! Oder wie soll ich das verstehen? Da sitze ich mit Freunden in einem hübschen Restaurant bei Wein und Pasta, wir sprechen über die Überlebenskämpfe unserer Liebe und den Spaziergang am Ostseestrand. Und alles ist gut. Doch kaum streift das Gespräch Themen wie Stellenabbau, fehlende Ausbildungsplätze oder die Reformpläne der neuen Bundesregierung, dann ist plötzlich Oberjammergau. Katastrophen, wohin man blickt: Arbeitslosigkeit, Überalterung, Hartz IV, Staatsbankrott. Irgendwo da draußen, so vermuten wir, beuten Investoren mit irrwitzigen Geldtransfers unseren Wohlstand aus. Irgendwo da draußen, zwischen Lettland und China, warten die Billigeren und Willigeren darauf, unsere Jobs zu übernehmen.

In diesem Alter sind sich Mütter & Töchter am ähnlichsten

Während entspannte Popmusik weiter aus den Lautsprechern perlt und vor der Glasfront des Restaurants modisch gekleidete Paare in ihre BMWs und Kleinwagen steigen, macht sich Ratlosigkeit bei uns breit. Wir klagen. Über hilflose Politiker und dreiste Konzerne. Über schrumpfenden Wohlstand und soziale Härten. Mich beschleicht ein verunsicherndes Gefühl: Gehöre ich auch schon zu den Jammerlappen, bin ich ein nörgelnder Trübsalbläser, eine staatlich gepäppelte, reformunwillige Wohlstandsmade, die nicht wahrhaben will, dass die fetten Jahre vorbei sind und das "Zeitalter des Weniger" angebrochen ist? Ich wäre nicht der Einzige. Eine große internationale Studie mit Befragten in 16 Nationen ergab, dass 73 Prozent der Deutschen unzufrieden damit sind, wie es im Lande läuft. Nur die Polen sind noch pessimistischer. Eine Umfrage zum Weltwirtschaftsforum ergab: In China sehen 90 Prozent und in Indien immerhin 49 Prozent der Befragten die Zukunft satt rosa, doch nur 13 Prozent der Deutschen sind überzeugt, dass sich die Welt in die richtige Richtung entwickelt. Damit wir uns jederzeit informieren können, wie schlecht die Stimmung bei uns wirklich ist, haben Wissenschaftler der Universität Witten/Herdecke unter www.depressionsbarometer.de einen Psychotest ins Internet gestellt. Mehr als 100 000 Teilnehmer beantworteten die Fragen bislang. Vorläufiges Ergebnis, so die Initiatoren: Die Deutschen seien messbar depressiver als andere Westeuropäer.

Deutsche standen ja nie im Verdacht, die sinnlichsten und lebensfrohesten Erdlinge zu sein. "German Angst" wird in anderen Nationen unsere Tendenz genannt, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen. Es kann schon nerven. Manchmal sogar uns selbst. Die Erfolgs-Elite der Republik formiert dagegen die Optimismus-Front. Top-Verdiener klopfen den Jammerlappen auf die hängenden Schultern und beschwören in einer Anzeigen-kampagne: "Du bist Deutschland", um jeden Einzelnen zu mehr Leistung anzuspornen. Geschäftsleute sammeln sich im "Club der Optimisten", wie jüngst in Hamburg, um gegen "die mentale Klimakatastrophe" einzuschreiten. Als fühlten wir uns nicht schon mies genug, haben wir jetzt auch noch den schwarzen Peter. Alles wäre super, so die Botschaft, wenn wir es nur hinkriegen würden, optimistisch zu sein. Ich frage mich: Sind wir wirklich solche Depri-loser? Oder behaupten die Medien das, weil ja gilt: "Only bad news are good news"? Werden wir von Politikern, Managern und Meinungsmachern an den Pranger gestellt, damit wir reumütig und geknickt den schnellen Reformen zustimmen, die der Weltmarkt im Interesse der Aktionäre diktiert? Immer mit dem Verweis auf unsere vermeintliche Charakterschwäche?

Es stimmt schon: Wir leben nicht in Kalifornien, das kalte Wetter macht mürrisch, die dunklen Jahreszeiten schlagen aufs Gemüt. Doch weit mehr als Nieselregen prägt uns unsere Geschichte. Wer zu einem Volk gehört, das zwei Weltkriege anzettelte, in denen Millionen Menschen starben, der ist wahrscheinlich zu Recht pessimistisch. Wer zu einem Volk gehört, das einem Führer zujubelte, als dieser seine Wahnideen von der Rassenreinheit verkündete, der misstraut der eigenen Begeisterung. Der ist ängstlich. Der weiß, welche Wucht gesellschaftliche Entwicklungen haben können. Und wie lächerlich wenig der oder die Einzelne dagegen tun kann. Wir leben auf einem Boden, der eine einzige Warnung ist. Wie die kleinen goldenen Stolpersteine vor den Häusern in meiner Straße, die daran erinnern, dass hier einst jüdische Bürger deportiert wurden. Doch sogar ein Trauma bietet einen Gewinn. Wir wissen, wie zerbrechlich eine Demokratie ist. Wie vorsichtig wir mit Parolen und Ideologien sein müssen, damit, wem wir Macht geben. Wir wissen, wie wichtig gesellschaftliche Kontrolle ist. Wir haben ein gesundes Misstrauen gegen einfache Rezepte und schnelle Lösungen. Das ist die andere Seite der "German Angst". Nur wer sich seiner Angst stellt, hat eine Chance, sie zu bewältigen. Wir verleugnen unsere Angst nicht, weichen ihr nicht aus. Wir wehren sie nicht ab mit frommen Bibelsprüchen à la Bush oder mit fundamentalistischen Dummheiten. Vielleicht schließen wir ein paar Versicherungen zu viel ab.

Die Angst macht uns kritisch und nachdenklich. Daraus haben wir eine aufgeklärte, undogmatische, politisierte Gesellschaft geschaffen. In der soziale Gerechtigkeit einerseits und persönliche Freiheit andererseits auf eine für Milliarden Menschen nicht vorstellbare Weise verwirklicht wurden. Nein, wir jammern nicht. Wir sind nur vorsichtig und wachsam, damit diese Errungenschaften nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden.

Trotz unserer Erfolge mangelt es uns als Nation an Selbstbewusstsein. Wir haben keine klare Identität gewonnen. Schuldfrei deutsch zu sein fällt uns weiter schwer. Rechte Politiker reden von "Leitkultur" - doch was meinen sie damit? Ordnung? Pünktlichkeit? Goethe und Kant? Oder Siemens und Daimler? Deutschland war jahrhundertelang ein Puzzle und ist es bis heute. An unseren Dialekten kleben die unterschiedlichen Völker und Regionen der deutschen Kleinstaaterei. Wir haben einen protestantischen Norden, einen katholischen Süden. Ossis und Wessis und die Macht der Bundesländer. Wir haben von Luther zu Marx bis Freud immer wieder alles auf den Kopf gestellt. Wir hatten schon immer eine Portion Globalisierung. Wir sind unsicher, wer wir sind, und müssen uns deshalb immer beweisen. Deshalb haben wir unglaublich hohe Ansprüche an uns. Wir sind genau bis zur Kleinlichkeit. Gewissenhaft bis zum Perfektionswahn. Ehrgeizig bis zur Zwanghaftigkeit. Entweder sind wir Weltmeister oder gar nichts. Die BRD und die DDR waren beide Musterschüler, in ihren jeweiligen Systemen. Streber fallen logischerweise in ein Loch, wenn es nicht mehr zum Klassenbesten reicht. Auch das erklärt unsere gegenwärtigen Gefühle. Mit welchen Bedenken die Pisa-Ergebnisse gelesen werden! Unter welchen Schmerzen die Wirtschafts-Rankings! Der oberste Musterschüler, Bundespräsident Horst Köhler, beklagte, dass man bei Zukunfts-technologien "nicht sofort an Deutschland denkt". Verwundert merkte ein amerikanischer Journalist an, es würde ja auch niemand zuerst an Frankreich oder China denken. Nach unseren Maßstäben müssten alle Argentinier selbstmordgefährdet sein, weil sie im Weltvergleich vermutlich nie über Rang 15 hinauskommen werden.

Die andere Seite unseres Strebertums heißt "made in Germany". Wir sind zwar nicht mehr Primus, doch was wir produzieren, steht für Fleiß, Präzision, Qualität. Was wir machen, ist sicher, funktional, durchdacht. Die nicht immer leicht zu verdauenden Nebenwirkungen sind bürokratische Kontrolle, kleinkarierter (weil kleinstaatlich entstandener) Ordnungssinn, preußische Disziplin, Vereinsmeierei. Fragen wir in unserem Land der hängenden Mundwinkel die Ausländer, wie sie uns denn finden, dann antworten sie: "Öde. Irgendwie gebremst." Aber sie lieben unsere disziplinierte Arbeitsweise, die geordneten Verhältnisse, die unser viel belächelter Ordnungswahn ermöglicht. Unsere Effizienz. Die auch die Finanzwelt zu schätzen weiß: Deutschland gehört, nach Meinung ausländischer Manager, zu den fünf attraktivsten Investitionsstandorten weltweit. Alles schön und gut, höre ich die Kritiker wieder tönen. Das größte Problem sei aber doch die Abhängigkeit vom Übervater Staat, der alles richten soll. Dann preisen sie Amerika als Vorbild, wo jeder sich für seines Glückes Schmied hält. Auch hier beweist sich, wie so oft: Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche! Nicht genug, dass sie die Folgen des amerikanischen Wirtschaftssystems, die Armen und Hilflosen unterschlagen, die wir in den Fluten von New Orleans verzweifeln sahen. Die Kritiker selbst argumentieren typisch depressiv: Sie sehen die Kräfte im eigenen Land nicht, sondern nur in der Fremde. Wenn wir nur anders wären, wäre alles gut! Wie eine Schallplatte mit Sprung behaupten sie immer und immer wieder, dass die Unternehmen noch mehr Gewinne machen müssten, irgendwann würden sie dann neue Arbeitsplätze schaffen. Sie verbreiten lieber Illusionen, statt die Menschen ernst zu nehmen.

Wir sind doch nicht blöd! Wachsende Unternehmensgewinne bringen keine neuen Stellen. Jeder, der bis drei zählen kann, kapiert, dass wir niemals mit den Löhnen in der chinesischen Wirtschaftsdiktatur konkurrieren können. "Vier Fachleute, acht Meinungen" - der Scherz gilt mehr denn je. Mir erscheint keine politische oder wirtschaftliche Analyse richtig und zuverlässig. Angesichts einer völlig neuen, globalen Dynamik weiß ganz offensichtlich niemand mehr, was getan oder wie es getan werden muss. Nur eines ist klar: Krisen bewältigt man nicht, indem man sich selbst weiter entwertet oder entwerten lässt. Ja, wir sind als Völkchen eher der depressive Typ: hoher Anspruch, gewissenhaft, ängstlich, selbstkritisch. Aber darin liegt auch unsere Kraft, wenn wir uns akzeptieren, wie wir sind. Eine tatsächliche Depression setzt erst dann ein, wenn man das Gefühl hat, die Kontrolle über seine Situation zu verlieren. In den 80er Jahren herrschte in Deutschland schon mal Endzeitstimmung. Die Welt schien vielen vor dem sicheren ökologischen Untergang zu stehen. Es waren, wie sich herausstellte, überzogene Angstfantasien. Das Gute daran: Es entstand ein breites Umweltbewusstsein in der Bevölkerung. Luft und Flüsse sind sauberer geworden, das Müllproblem haben wir halbwegs im Griff. Anders als Amerika nehmen wir die drohenden Klimaveränderungen zur Kenntnis und versuchen, etwas dagegen zu tun. Denn depressive Typen sind erwiesenermaßen die größeren Realisten. Sie machen sich weniger vor. Sie planen sorgfältiger, reagieren sensibler. Darin sollte unser Optimismus liegen. Dass wir in der Lage sind, auch Ratlosigkeit durchzustehen. Aufgeklärt genug, um kritisches Denken als das Fundament der Freiheit zu begreifen, auch wenn es Zeit braucht und von den Mächtigen nicht gern gesehen wird. Selbstkritisch genug, um Fehler zu verstehen, und anspruchsvoll genug, sie zu beheben. Das einzige Problem mit dem Jammern ist, dass wir nicht selbstbewusst genug sind, dieses blöde Klischee weit von uns weisen. Wer die Herausforderungen der Gegenwart bewältigen will, muss nämlich vor allem eins sein: realistisch.

Oskar Holzberg 52, BRIGITTE-Autor und Psychotherapeut, ärgert sich über die Dauerdiskussion um die angeblich reformunwilligen Deutschen. "Wie in einer Gehirnwaschmaschine" fühlt er sich dann. Um zu entkommen, hat er stapelweise "trockene Bücher über unseren Nationalcharakter gewälzt".

Text: Oskar Holzberg BRIGITTE Heft 03/2006
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