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Laut Harvard-Studie Darum sind einige Menschen möglicherweise einsam

Psychologie: eine nachdenkliche Frau mit Kaffeetasse
© Ekaterina_Goncharova / Shutterstock
Sind es allein zufällige äußere Umstände, die Menschen in die Einsamkeit führen? Oder gibt es vielleicht noch andere Faktoren, die Einsamkeit begünstigen? Ein Team von Wissenschaftler:innen mehrerer Universitäten hat genau das untersucht.

Menschen sind soziale Wesen, wir brauchen Anschluss, Nähe, Kontakte, Beziehungen, um glücklich und gesund zu sein, genau genommen, um zu überleben. Sich einsam zu fühlen, das heißt isoliert, abgehängt und als gäbe es niemanden auf der Welt, an den wir uns im Fall der Fälle wenden könnten, ist für jeden Menschen belastend und auf Dauer kaum zu ertragen. Dabei ist Einsamkeit wohlgemerkt etwas Anderes als Alleinsein: Wir können (sogar viel) alleine sein, ohne uns einsam zu fühlen, wenn wir wissen, dass wir funktionierende Beziehungen haben, geliebt werden und sozial integriert sind. Andersherum können wir uns von Menschen umgeben einsam fühlen, wenn uns von diesen Menschen niemand versteht oder kennt. 

Trotz zahlreicher moderner Kommunikationsmöglichkeiten und -technologien scheint Einsamkeit ein verbreitetes Phänomen zu sein, möglicherweise sogar verbreiteter als zuvor. Äußere Faktoren wie die Coronapandemie, Veränderung der Arbeitswelt durch Technologien, die zu Multi-Tasking zwingen und so viel mentale Energie kosten, dass nach Feierabend die Kraft für ein Sozialleben fehlt, oder auch das Alter und der damit einhergehende Verlust von Freund:innen und Lebenspartner:in – all das sind sicherlich Gründe dafür, dass zu viele Menschen in unserer Gesellschaft in Einsamkeit leben. Doch gibt es vielleicht noch weitere Treiber von Einsamkeit? Zum Beispiel Eigenschaften, die sie begünstigen? Dieser Frage hat sich ein Team von Wissenschaftler:innen der Harvard, Stanford und Curtin University sowie der University of Western Australia gewidmet. 

Gehen einsame Menschen anders mit Gefühlen um als nicht einsame Menschen?

Konkret wollten die Wissenschaftler:innen herausfinden, welchen Einfluss der Umgang mit Gefühlen, das heißt Emotionsverarbeitungsstrategien, auf Einsamkeit haben könnte. Sie befragten gut 500 Menschen zwischen 18 und 88 Jahren (Durchschnittsalter in der Testgruppe lag bei 47) zu ihrer sozialen Situation, also dazu, wie sehr und wie häufig sie sich einsam fühlten, und zu ihren Gefühlsbewältigungsgewohnheiten. Tatsächlich konnten sie in den Daten gewisse signifikante Korrelationen ersehen.  

So wies mehr als die Hälfte der Testpersonen, die sich als einsam empfanden, eher ungesunde Emotionsbewältigungsstrategien auf, beispielsweise Schuldzusprüche (an sich oder andere), Dramatisieren/ Katastrophisieren, Grübeln und Gefühlsunterdrückung. Darüber hinaus zeigten einsame Menschen dieser Untersuchung zufolge die Tendenz, keine Hilfe bei anderen zu suchen oder anzunehmen. Die Autor:innen der Studie vermuten darin einen möglichen kausalen Zusammenhang: "Als solches könnten diese Emotionsregulationsmuster Zustände von Einsamkeit und sozialer Isolation verfestigen", schreiben sie. 

Sind einsame Menschen selbst Schuld an ihrer Lage?

Die kurze Zusammenfassung dieser kleinen Studie mag dazu verführen, Menschen, die einsam sind, die Schuld daran zuzuschreiben – wer nicht mit den eigenen Gefühlen klarzukommen weiß, lebt eben isoliert. Doch eine solche Verknüpfung wäre vereinfachend und falsch. Zum einen ist der kausale Zusammenhang, dass eine Person einsam bliebe, weil sie keine Hilfe annehmen wolle oder ihre Gefühle unterdrücke keineswegs gesetzt, sondern lediglich eine mögliche Interpretation der Ergebnisse dieser Studie. Genauso gut könnten wir beispielsweise vermuten, dass einsame Menschen aufgrund ihrer Isolation verunsichert sind und nicht genug Selbstvertrauen haben, um Hilfe zu suchen, zuzulassen oder zu ihren Gefühlen zu stehen.

Zum anderen sind unsere Gefühlsbewältigungsstrategien in der Regel nicht selbst gewählt, sondern ergeben sich aus unserer Erziehung, Persönlichkeit, Erfahrung und vielem mehr. Wir können sie zwar mit sehr viel Geduld und Willen ändern, wenn wir feststellen, dass sie uns im Weg stehen oder krank machen. Doch niemand entscheidet sich dazu, Schwierigkeiten mit der Emotionsverarbeitung zu haben.

Außerdem: Selbst wenn ein einsamer Mensch erkennt, dass er sich in sich zurückzieht und verschließt, und selbst wenn er dann noch die Kraft aufbringt, an sich zu arbeiten, sich zu ändern und auf andere zuzugehen, ist es in der Praxis und Lebenswirklichkeit oft alles andere als einfach, Anschluss zu finden und aus der Isolation hinauszukommen. Schließlich sind die meisten einsamen Menschen umgeben von gut integrierten, nicht einsamen Menschen, die nur bedingt Wert darauf legen, ihr soziales Netz um neue Bekanntschaften zu erweitern, nur damit niemand zurückbleibt. 

Sich um einen gesunden, konstruktiven Umgang mit den eigenen Gefühlen zu bemühen, ist niemals verkehrt, und möglicherweise finden einige Menschen auch leichter Anschluss, wenn sie ihre Emotionsregulierungsstrategien ändern. Doch Einsamkeit kann jede:n treffen. Und es ist unsere gemeinsame, gesellschaftliche Aufgabe, an die Betroffenen zu denken, uns um sie zu kümmern und sie wieder zu integrieren und einzubinden.

Verwendete Quelle: psychologytoday.com

sus Brigitte

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