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Suizidgedanken Ich wollte nicht mehr leben – bis ich einen Ausweg fand

Suizidgedanken: Eine Frau steht am Geländer und denkt nach
© graphbottles / Shutterstock
Vermutlich kennen mehr Menschen Suizidgedanken, als darüber reden. Unsere Autorin jedenfalls hat Erfahrungen damit gemacht. Doch eine Art Vision half ihr, das toxische Gedankenkarussell für immer zu verlassen.

Wie ich es mache, hatte ich bereits für mich entschieden, die Frage war nur, wann. Schleiche ich mich heute Nacht aus dem Haus, nachdem meine Eltern ins Bett gegangen sein würden? Oder morgen? Oder warte ich doch noch länger damit, vielleicht bis ich 18 bin? Auf keinen Fall länger als 30. Wie lange würden meine Eltern wohl um mich trauern ...?

Ich fühlte mich verloren

Heute erscheinen mir meine Gedanken von damals fremd. Als ich ein Teenager war, waren sie eine Zeitlang mein täglicher Begleiter. Ich fühlte mich verloren, war fest davon überzeugt, in dieser Welt nichts zu suchen zu haben und niemals irgendwo ankommen oder hingehören zu können. Ich wollte, dass es vorbei ist, noch bevor mein Leben überhaupt angefangen hatte.

Mein Hauptproblem, so vermute ich jetzt, war meine Pubertät. Hormonchaos in Kombination mit überhöhter Sensibilität, Angst vor der eigenen Emotionalität, dem Hang, mich für alles Schlechte in dieser Welt verantwortlich zu fühlen (Nesthäkchen-Syndrom), und ein paar weitere problematische Charakterzügen wie Ehrgeiz und Perfektionismus trieben mich als 15/16-Jährige in eine Welt ohne Hoffnung und Licht.

Wahrscheinlich merkte man mir damals nicht einmal etwas an. Ich gab zumindest mein Bestes zu verstecken, was mit mir los war und wie einsam ich mich fühlte. Erzählt habe ich jedenfalls niemandem, wie es mir ging. Alle Menschen, von denen ich glaubte, sie würden mich verstehen – Fjodor Dostojevskij, Franz Kafka, Albert Camus und natürlich Albus Dumbledore – waren entweder schon tot oder nur mit einem Exklusiv-Ticket für den Hogwarts-Express zu erreichen. So war ich allein mit meinen Gedanken. Abend für Abend immer wieder die Frage: Wann machst du dem ganzen endlich ein Ende?

Hätte mir jemand in dieser Zeit gesagt: Das Leben ist doch so ein einmaliges Geschenk, warum willst du es denn nicht? Oder auch: Okay, es geht dir momentan nicht gut, aber es wird garantiert besser! – es hätte mich nicht erreicht. Ersteres war zu weit von meiner eigenen Wahrnehmung entfernt, für Letzteres war ich noch zu jung und unerfahren, um es zu glauben. Zum Glück kam mir aber eines Tages selbst eine Idee, die mein toxisches Gedankenkarussell mit einem Mal stoppte.

Der Gedanke, der alles veränderte

Ich weiß nicht, was genau mich dazu brachte, aber ich sah und fühlte mich plötzlich wie in einem Theater. Ich dachte, wenn die Welt ein Theaterstück wäre und ich im Publikum säße, würde ich dann einfach rausgehen, während die Vorstellung noch läuft? Die Antwort war für mich glasklar: Nein, würde ich nicht, nicht mal, wenn sie grottenschlecht ist. Wenn ich sowieso schon mal da bin, kann ich auch sitzen bleiben und das Ende abwarten – vielleicht gibt's ja noch einen Twist, der das Stück interessant macht. Und selbst wenn es den nicht gibt und ich hinterher mit dem Gefühl rausgehe, das war die totale Zeitverschwendung und absolut sinnlos – was soll's? Ist ja nicht so, dass ich was anderes vorgehabt hätte.

Heute verstehe ich nicht mehr, warum ausgerechnet dieses Bild bzw. Gedankenspiel bei mir bewirkt hat, dass ich Suizid plötzlich nicht mehr als Option für mich sah. Doch seit dem Moment, in dem es mir in den Kopf gekommen war, habe ich – soweit ich erinnere – nie wieder darüber nachgedacht, mein Leben eigenständig zu beenden, weder als Teenie noch als Erwachsene.

Von der Zuschauerin zur Beschenkten

Mittlerweile habe ich natürlich längst begriffen und erlebt, dass ich keine Zuschauerin bin, die auf einen positiven Twist warten muss, sondern dass ich eine Rolle spiele, in der ich ihn selbst herbeiführen kann. Ich empfinde das Leben aus tiefstem Herzen als Geschenk, das ich um keinen Preis freiwillig hergeben würde. Doch um diesen Punkt zu erreichen, brauchte ich Zeit und Offenheit, Erfahrungen zu sammeln. Und dafür musste ich mein schreckliches Gedankenkarussell von damals verlassen. Ob auch andere durch meinen Ausgang gehen können, weiß ich nicht. Auf jeden Fall glaube und hoffe ich, dass jeder Mensch seinen eigenen finden kann, wenn er sich nur genug Zeit dafür gibt.

Du hast suizidale Gedanken? Die Telefonseelsorge bietet Hilfe an. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800/1110111 und 0800/1110222 erreichbar. Eine Beratung über E-Mail ist ebenfalls möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.


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