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Tabuthema: Wofür Tabus gut sein können

Tabuthema: Frau mit Finger an den Lippen
© Borysevych.com / Shutterstock
"Darüber spricht man nicht" oder "Das gehört sich nicht ": Diese Sätze klingen wie aus einer anderen Zeit, oder? Weit gefehlt, sagt die Tabu-Forscherin Dr. Sabine Krajewski. Nur die Themen haben sich geändert.

Wäre es nicht schön, wenn es keine Tabus mehr gäbe?

SABINE KRAJEWSKI: Nein, auf keinen Fall! Da sähen wir ziemlich alt aus. Wir brauchen Tabus, sie sind eine stillschweigende Übereinkunft, die das gesellschaftliche Miteinander regelt. Manche Dinge tut und sagt man nicht, weil sie dem Individuum und dem Miteinander schaden könnten.

Reichen Gesetze nicht vollkommen aus?

Nicht alles, was tabu ist, ist auch gesetzlich verboten. Wir picknicken zum Beispiel nicht unbedingt auf einem Friedhof. Dürften wir aber. Tabus setzen auf einer anderen Ebene an als Verbote. Früher hatten sie eine stark spirituelle Komponente. Demjenigen, der ein Tabu brach, drohte Unheil. Das glauben heute nur noch die wenigsten. Aber dieser psychologische Aspekt, dieses "Das tut man nicht!", schwingt immer mit und macht ein Tabu aus. Die

Mitglieder einer Gesellschaft verinnerlichen solche NoGos von frühester Kindheit an. Dabei ist uns allerdings gar nicht bewusst, was alles tabu ist.

Ein Beispiel?

In meinen Workshops geht es auch um die Fettnäpfchen in unterschiedlichen Kulturkreisen. Sexuelle Freizügigkeit ist dabei natürlich ein Thema. Die Studenten aus Dänemark, Schweden oder den Niederlanden behaupten oftmals, dass es in ihrer Heimat auch in diesem Punkt überhaupt keine Tabus mehr gäbe. Ich frage dann gerne etwas wie "Okay, hattest du heute Nacht Sex?" und ernte erstaunte Blicke. Voilà, an der Stelle kann ich dann wunderbar erklären, dass sie so perplex sind und sich brüskiert fühlen, weil ich eine Tabufrage gestellt habe. Ich habe ihre Privatsphäre nicht respektiert. Über Tabus schützen wir auch unsere Intimität und Verletzlichkeit.

Sie empfinden Tabus also nicht als Einschränkung, sondern als Unterstützung im Alltag?

Das ist ein Grenzgang. Tabus sind dem gesellschaftlichen Wandel unterlegen und verändern sich mit den Werten und Normen. Manche verschwinden völlig zu Recht. Es war beispielsweise lange Zeit absolut undenkbar, Gewalt in der Familie anzusprechen. Das war peinlich, und dieses Tabu schützte die Täter, nicht die Opfer. Inzwischen wird in vielen Ländern über häusliche Gewalt gesprochen. Der Prozess beginnt immer damit, dass sich jemand traut, ein Tabu anzusprechen. Zunächst wird zögerlich und verhalten darüber geredet, letztendlich wird dadurch das gesellschaftliche Umdenken angestoßen.

Entsteht dann eine Kluft zwischen älteren und jüngeren Menschen: weil sich die Vorstellungen darüber, was geht und was nicht geht, auseinanderentwickeln?

Das kann in Ansätzen passieren. Ein Beispiel: Der älteren Generation fällt es meist schwerer, Homosexualität oder Transsexualität zu akzeptieren als der jüngeren.

Von welchen Tabus sollten wir uns besser trennen?

Über Religion zu reden ist zum Beispiel in vielen Gesellschaften schwierig. Das verstärkt sich inzwischen sogar, weil die Religionsvielfalt in vielen Staaten wächst. Da kann es leicht passieren, dass man den anderen ungewollt vor den Kopf stößt, weil man die Traditionen seines Glaubens nicht kennt. Das will man vermeiden, fragt gar nichts und vergrößert die Unkenntnis. Ist das ein hilfreiches Tabu? Vermutlich nicht. Ein anderes Tabu ist der Umgang mit dem Tod. In China ist so ziemlich alles, was mit dem Tod zu tun hat, tabu, sogar die Zahl 4, weil sie so ausgesprochen wird wie das Wort "Tod". Auf den Inseln im Pazifik dagegen kann man sich viel selbstverständlicher mit einem kranken oder alten Menschen über dessen Lebensende unterhalten, man kann auch fragen, wie sich derjenige sein Begräbnis wünscht. Das ist in westlichen Gesellschaften heikel. Auch der Umgang mit Trauernden fällt vielen schwer, und durch diese Befangenheit wird Trauernden zu wenig Hilfe geboten. Immerhin können wir heute über Erotik und Beziehung offener kommunizieren, als dass unsere Großeltern oder Eltern konnten.

Das stimmt, dennoch gehört Sexualität auch in den westlichen Gesellschaften noch immer zu den großen Tabuthemen. Das fängt bei Kleinigkeiten wie der Frage an, wie viel Nacktheit akzeptabel ist. Mir hat kürzlich eine in Deutschland lebende Französin erzählt, dass sie ihre französischen Gäste immer vorwarnt, bevor sie mit ihnen ins Schwimmbad geht. Sie findet es schockierend, dass es oft nur Sammelumkleiden gibt. "So viele nackte Frauen, die voreinander stehen und miteinander reden, als seien sie angezogen! Terrible!" Oder die Menstruationsblutung: Als in Australien in einem Werbespot für Binden das Wort "Vagina" bloß erwähnt wurde, gab es Anrufe bei dem Sender, dass man so was doch nicht machen könne.

Das ist wirklich problematisch?

Das hängt von der jeweiligen Kultur ab. Je unterschiedlicher die Tabus sind, desto schwieriger wird es, einen Konsens zu finden. Homosexualität ist eines der großen Themen, bei denen das leider problematisch ist. Das konnte man auch im vermeintlich weltoffenen Australien beobachten: Die altehrwürdige Queen Elizabeth hatte sich längst für gleichgeschlechtliche Ehen ausgesprochen, als die Politiker noch mit der Bibel argumentiert haben und erst mal ein Referendum durchführen mussten, bevor das Gesetz durchkam. Aber auch in Deutschland ist das Thema nicht enttabuisiert: Homosexualität wird unter Sportlern immer noch abgelehnt, das wissen wir seit dem Comingout von Thomas Hitzlsperger, der dafür erst sein Karriereende abgewartet hat. Auf den pazifischen Inseln, wo das Wort "Tabu" übrigens ursprünglich herkommt, war

Homosexualität überhaupt kein Problem, bis die Missionare kamen. Gibt es Tabus, die sich durch alle Gesellschaften hindurchziehen? Wenn ich meinen Studenten erkläre, was ein Denk-Tabu ist, frage ich sie: "Könnt ihr euch vorstellen, mit eurem Bruder oder eurer Schwester zu schlafen?" Das ruft wirklich immer Entsetzen hervor, und zwar völlig unabhängig davon, aus welchem Land die Seminar-Teilnehmer kommen. Inzest ist ein so starkes Tabu, dass man es nicht einmal denken möchte. Sigmund Freud hat sich ja darüber gewundert, dass sogar die Ureinwohner Australiens streng darauf achteten, Inzest zu vermeiden. Er dachte, das sei nur bei den "zivilisierten" Völkern so. Dahinter steckt eine biologische Ursache: Bei einer Verbindung zwischen Schwester und Bruder steigt die Gefahr, behinderte Kinder zu bekommen, zwar zunächst nicht so stark wie oft angenommen, aber langfristig betrachtet werden die Gene nicht gut genug durchmischt. Inzest schadet einer Gesellschaft.

Gelten bei Frauen und Männern eigentlich unterschiedliche Maßstäbe, was Tabubrüche angeht? Wird eine Frau anders beurteilt?

Das ist zweifelsohne so. Tabus haben ja viel mit Macht zu tun. Im Pazifik wurden zum Beispiel bestimmte Lebensmittel mit einem Tabu belegt, damit genügend davon für die Männer da war. Heutzutage wird in den meisten Teilen der Welt eine betrunkene Frau anders bewertet als ein betrunkener Mann, und in vielen Berufen stellt man

sich lieber einen Mann vor. Eine Frau, die zum Beispiel beim Militär, in der Rüstungsindustrie oder auch in einem Tabak-Konzern eine hohe Position einnimmt, wird anders kritisiert als ein Mann. Das kann daran liegen, dass viele Menschen nicht unter einen Hut bekommen, dass Frauen, die Leben schenken, in einer Branche arbeiten, die Gesundheit und Leben nimmt.

Wie lange dauert es, bis ein Tabu seine Bedeutung verliert?

Das kann Jahrzehnte, wenn nicht sogar Jahrhunderte dauern. Das Menstruationstabu gibt es schon in der Bibel und in anderen heiligen Schriften.

Dauert es ähnlich lange, bis sich ein neues Tabu etabliert? Passiert das überhaupt noch?

Das kann sogar ganz schnell gehen. Als in den 80er-Jahren die ersten HIV-Erkrankungen auftraten, entstanden von jetzt auf gleich neue Verhaltenskodizes. Die Ängste vor einer Ansteckung führten dazu, dass wechselnde Partner und Promiskuität zum Tabu wurden. Die junge Generation hatte plötzlich strengere Regeln als die ältere.

Kann ein Virus wie Corona zum Beispiel dazu führen, dass es zum Tabu wird, sich zur Begrüßung zu umarmen oder die Hand zu geben?

Hausärzte handhaben das schon länger so, es ist eine sinnvolle Maßnahme, nicht jedem Patienten die Hand zu schütteln. Auf Corona bezogen handelt es sich eher um eine vorübergehende Verhaltensänderung. Als Donald Trump Angela Merkel bei ihrem ersten Treffen 2017 den Handschlag verweigerte, war das ein Affront und ging um die Welt. Das war ein Tabubruch. Jetzt wäre es ein vernünftiges Verhalten. Ich glaube aber nicht, dass sich das etablieren wird. Händeschütteln gilt ja nicht als schamhaft, sondern als – zurzeit – ungesund.

Wir werden uns also irgendwann auch wieder zur Begrüßung umarmen und küssen?

Ich bin gerade einer Kollegin begegnet, deren Mutter vor Kurzem gestorben ist. Normalerweise hätte ich sie umarmt. Jetzt musste ich ihr mit 1,5 Meter Abstand mein Beileid aussprechen. Das wird nicht so bleiben. Menschen brauchen menschliche Nähe. Das wird nie zum Tabu werden.

Dr. Sabine Krajewski, 56, ist Kommunikationswissenschaftlerin und lehrt an der Macquarie Universität in Sydney interkulturelle Kommunikation. Sie hat u. a. in den USA, China und Großbritannien gelebt und untersucht, was für No-Gos es in unterschiedlichen Ländern gibt. Ihr Buch zum Thema: "Tabu: hinhören, hinsehen, besprechen" (350 S., 17,95 Euro, Kamphausen Media).

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BRIGITTE 11/2020

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