Tick oder Krankheit: Wo sind hier die Unterschiede?

Wenn man zehnmal kontrolliert, ob der Herd aus ist, bei jeder Treppe die Stufen zählt und Angst vor Menschenmengen hat: Ist das noch normal? Wie man echte Krankheiten erkennt – und was hilft.

"Morgens schließe ich die Haustür fünfmal auf und wieder zu, bevor ich das Haus verlasse"

Der Klassiker: Ist die Tür zu? Alle Fenster zu? Die Kaffeemaschine und der Herd aus? "Solche Gedanken überkommen einen häufig, wenn man unter besonderer Anspannung steht, etwa wegen einer Urlaubsreise", sagt Dr. Sigrid Krause, Chefärztin der Mediclin Fachklinik für Psychosoma­tik und Verhaltensmedizin in Bad Münder. "Man möchte auf keinen Fall etwas übersehen, und es ist ja durch­ aus sinnvoll, das Zuhause möglichst sicher zu hinterlassen."

Selbst wenn du solche Sicherheitsrituale täglich ausführst, besteht noch kein Grund zur Sorge. Problematisch wird es erst dann, wenn die Handlungen kein Gefühl von Beruhigung mehr erzeugen, sondern Druck, Schuldgefühle und Verzweiflung vorherrschen. "Zwangspatienten müssen Rituale manchmal stundenlang ausführen oder, falls sie unterbrochen wurden, wieder von vorn beginnen", erklärt die Expertin. "Oft wird auch der Part­ner gebeten, Zweifel zu zerstreuen, Dinge nochmals zu kontrollieren." Betroffenen ist klar, dass ihr Verhal­ten keinen Sinn ergibt, sie können es dennoch nicht abstellen. Dann leidet die Lebensqualität stark, Familien­ leben und Job sind beeinträchtigt.

Was tun?

Schließe einen Vertrag mit dir und sage dir: "Ich drehe jetzt genau einmal den Schlüssel um, dann gehe ich. Ich vertraue mir, dass ich das kann."

Wann braucht man Hilfe?

Wenn du willentlich nicht gegen die Zwänge ankommst, viel Zeit damit verbringst und seit mindestens zwei Wochen stark darunter leidest.

"Manchmal wache ich morgens auf und bin scheinbar grundlos traurig"

"Obwohl viele Menschen irritiert sind, wenn sie sich hin und wieder ohne offenkundigen Anlass niederge­schlagen fühlen, denke ich: Das ist ein Ausdruck eines gesunden, breit gefächerten emotionalen Spektrums. Wir leben in einer Spaßgesellschaft, in der gute Laune und das Streben nach Glück fast schon Pflicht sind. Viel ehrlicher und entlastender ist es jedoch, auch traurige Phasen zuzulas­sen", so die Einschätzung von Sigrid Krause.

Übrigens steht Traurigkeit, anders als viele denken, nicht unbe­dingt als Leitsymptom einer Depres­sion. Zwar erleben manche Betrof­fene auch übermäßiges, unkontrol­lierbares Weinen. Grundsätzlich beklagen Depressive aber eher eine emotionale Leere, fühlen sich taub und gefühlsmäßig eingeschränkt. Und wenn Männer betroffen sind, fallen sie teilweise auch durch eine außergewöhnliche Gereiztheit auf. "Eine wichtige Unterscheidung zwi­schen 'normaler' Verstimmung und Depression: Bin ich nicht krankhaft niedergeschlagen, kann mich ein positives Erlebnis wie ein Urlaub oder eine nette Geste – die beste Freundin hat mir einen Kuchen gebacken – durchaus aufheitern. Wer in einer Depression steckt, würde noch nicht mal auf einen riesigen Geld­ gewinn reagieren", sagt Psychiaterin Sigrid Krause.

Was tun?

Achtsam bleiben und genau beobachten, ob es möglich ist, die eigene Stimmung durch äußere Faktoren zu beeinflussen.

Wann braucht man Hilfe?

Unverzüglich, sobald Suizidgedanken auftauchen. Und auch wenn du über Tage und Wochen zu keiner angemessenen emotionalen Reaktion fähig bist.

"Manche Situationen vermeide ich bewusst, weil sie mich beunruhigen, etwa große Menschenmengen"

Nicht jeder Mensch muss Bungeespringen oder sich auf einem Rockkonzert zwischen Tausenden tummeln. Es ist also völlig okay, auf etwas zu verzichten, das anderen Menschen möglicherweise großen Spaß bereitet. Jeder hat eben seine individuelle Wohlfühlzone. "Ich würde hinterfragen: Wie ausgeprägt ist dein Vermeidungsverhalten und welche Lebensbereiche betrifft es?", rät die Expertin. Angenommen, du hast Angst davor, mit dem Auto durch einen Tunnel oder über eine Brücke zu fahren: Nimmst du nun jeden Tag einen riesigen Umweg in Kauf, um zur Arbeit zu gelangen? Ein Warnsignal wäre auch, wenn du immer öfter den Partner oder Familienmitglieder bittest, dich zu begleiten oder Dinge für dich zu erledigen. Oder wenn das Vermeiden sich ausbreitet.

"Möglicherweise verzichtetest du anfangs nur auf Konzerte, weil du Menschenmassen nicht magst. Doch inzwischen ertappst du dich dabei, dass du auch um Wochenmarkt oder Einkaufszentrum einen Bogen machst, weil sich dort eine unangenehme Anspannung oder sogar Panik aufbaut. Frag dich, ob andere Menschen die Situationen ebenfalls als beängstigend wahrnehmen." Häufige Gedanken wie "Wo bekomme ich schnell Hilfe, wenn etwas passiert?" und "Wie komme ich hier heraus, wo befindet sich der Notausgang?" können auf eine Agoraphobie, umgangssprachlich auch Platzangst genannt, hinweisen.

Was tun?

In leichterer Ausprägung: Schau, ob du die Anspannung in der jeweiligen Situation nicht doch aushältst, ohne sich ihr zu entziehen, und durch häufige Wiederholung überwinden kannst.

Wann braucht man Hilfe?

Wenn die Angst dich über mindestens zwei Wochen im Griff hat, du Dinge nicht mehr tust, die dir bis vor Kurzem immer Spaß gemacht haben.

"Ich stelle mir teilweise ganz bildlich vor, wie meiner Familie etwas Schreckliches zustößt"

Gerade wenn eine große Veränderung im Leben ansteht, häufen sich angstbesetzte Gedanken. Vielleicht hast du kürzlich mehr Verantwortung im Job übernommen, ein Haus gekauft, bist in eine neue Stadt gezogen. Verlässt man gewohnte Pfade, erscheint einem die Welt plötzlich unsicherer als früher. Und in solchen Momenten können dann auch Ängste, die die Familie, die Gesundheit oder die finanzielle Situation betreffen, auftauchen und einen stärker beschäftigen.

"Bleibt es bei gelegentlichen Schreckensszenarien und lässt du dich im Gespräch mit Partner oder Freunden wieder beruhigen, finde ich das in Ordnung", sagt Sigrid Krause. "Hellhörig werde ich, wenn jemand von morgens bis abends nur noch Katastrophen wittert, bei jedem Telefonklingeln und jeder Polizeisirene vor Schreck zusammenzuckt oder einen Schnupfen als Vorbote einer tödlichen Krankheit interpretiert. Das könnte ein Hinweis auf eine generalisierte Angststörung sein, bei der Betroffene sich ständig übermäßig sorgen und sich in permanenter Alarmbereitschaft befinden."

Was tun?

Unterscheiden in "Sorgen haben" und "sich Sorgen machen". Für reale Probleme kannst du Lösungen suchen oder Unterstützung einfordern. Grübeln um des Grübelns willen erschöpft einfach nur.

Wann braucht man Hilfe?

Wenn du über einen Zeitraum von mindestens zwei Wochen keinen Einfluss mehr auf Dauer und Häufigkeit des Sorgenmachens hast und wenn beruhigende Worte dir nicht weiterhelfen.

"Häufig zähle ich irgendetwas, zum Beispiel Treppenstufen, Zaunpfähle oder parkende Autos"

"Wahrscheinlich handelt es sich um eine Art Selbstberuhigung, denn Zählen vermittelt Struktur und gibt Sicherheit. Kinder entwickeln oft solche Zählrituale, sortieren Dinge nach Farben oder schaukeln vor dem Einschlafen rhythmisch hin und her. Dabei geht es in der Regel um Stressabbau", erklärt Sigrid Krause. Manchmal sind solche Verhaltensweisen auch mit magischem Denken verknüpft: Wenn ich bis zur nächsten Ecke zehn rote Autos zähle, dann passiert mir nichts Schlimmes!

Solche Gedanken verleihen dem Betroffenen ein Machtgefühl, als könne man Unheil telepathisch abwenden. "Fühlst du dich davon grundsätzlich unbelastet und in deinen Alltagshandlungen nicht gestört, würde ich sagen: Kein Problem", so die Psychiaterin. "Allerdings quälen sich manche Menschen mit durchaus schwerwiegenden Zwangsgedanken, befürchten beispielsweise, ihren Lieben etwas anzutun. Das ist auf jeden Fall behandlungsbedürftig." Häufig treten solche Gedanken in Umbruchsituationen auf, zum Beispiel wenn man einen Verlust verkraften musste oder auch nach der Geburt eines Kindes.

Was tun?

Neigst du zu magischem Denken, versuche mal, einen Lottogewinn allein durch die Kraft deiner Vorstellung auszulösen. Es wird nicht gelingen – genauso wie du niemanden gedanklich vor Gutem oder Bösem bewahren kannst. Falls dein Zähl-Tick dich nervt: Vielleicht kannst du ihn durch etwas anderes ersetzen, etwa eine Atemübung?

Wann braucht man Hilfe?

Wenn du länger als zwei Wochen von destruktiven und sehr beängstigenden Gedanken geplagt wirst. Da Zwänge die Tendenz haben, sich auszubreiten, bitte frühzeitig Hilfe suchen.

Hast du Lust, mehr zum Thema zu lesen und dich mit anderen Frauen darüber auszutauschen? Dann schau im "Persönlichkeits-Forum" der BRIGITTE-Community vorbei!

BRIGITTE 11/2019

Wer hier schreibt:

Tanja Eckes
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