Tierfreundin oder Tierfeindin?

In Deutschland muss man Tiere lieben. Und sich einen Hund kaufen, auch wenn man sich gar nicht mit ihm verträgt.

Deutschland ist ein sehr liberales und demokratisches Land, in Deutschland darf man eine ganze Menge. Ungetauft sein oder kinderlos bleiben, ohne sozial geächtet zu werden. Die Achselschweißflecken und das Dekolleté der Kanzlerin groß und farbig in Magazinen abbilden. Unbegrenzt schnell auf weiten Abschnitten der Autobahn fahren, mit vierzig sein Abitur nachmachen, Sojamilch trinken, keine Sojamilch trinken. Sehr kurze oder sehr lange Röcke tragen, auch als Mann. Es ist erlaubt, für rechtsradikale Parteien zu werben oder im Fernsehen aufzutreten, obwohl man Florian Silbereisen ist.

Nur wenige Dinge werden nicht von irgendeiner Gruppierung anerkannt. Dazu gehört möglicherweise das Tragen von Nylonstrümpfe über unrasierten Beinen, auch als Mann. Vielleicht noch: keinen Sport machen. In jedem Fall aber ist es absolut verpönt, Tiere nicht zu mögen.

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Bettelpunks, die mit einem Rudel filziger Köter in der Innenstadt herumlungern, erwirtschaften dank der Liebe zur Kreatur (und damit meine ich die Hunde) ein Monatseinkommen, das jeden Topmanager erblassen lässt. Die armen Tiere sollen nicht unter der Nutzlosigkeit ihrer Besitzer leiden. Mich lässt der Anblick von Chiko, Hexe, Buddie und Rotze auf ihren schmuddeligen Karodecken eiskalt. Ich kann Tiere so dermaßen nicht leiden, daß ich sie noch nicht mal esse.

Warum braucht Tsilla einen Hund?

Thordis Rüggeberg mag keine Hunde

Tsilla dagegen träumt von einem Leben als Hundebesitzerin. Sie wohnt mitten in der Stadt, arbeitet 70 Stunden in der Woche, und wenn sie nicht schläft, turnt sie entweder im Fitneßstudio herum oder sitzt mit ihrem schwulen Personaltrainer in einer Cocktailbar. Warum in aller Welt braucht Tsilla einen Hund? Ein Hund verliert Haare und riecht komisch, frisst muffigen Pansen und muss mindestens genauso oft sauber gemacht werden wie ein Badezimmer. Man bekommt von ihm keine Geschenke zum Geburtstag, und unsere Rente zahlt er auch nicht ein.

Ein Hund macht permanent zweihundert Sachen, die eine Frau einem Mann nicht lange nachsehen würde. Wozu, bitteschön, ist so ein Mitbewohner also nutze? Zwecklose Debatte. Tsilla schaut regelmäßig "Tiere suchen ein Zuhause". Eines Tages sehen sie die liebsten, unwiderstehlichsten braunen Augen der Welt hilfesuchend von der Mattscheibe an. Sie gehören Yanek, dem Yorkshireterrier.

Ich rufe Loretta an. "Tsilla hat seit gestern einen Yorkshire-Terrier", sage ich. Loretta zieht am anderen Ende erstmal hörbar an ihrer Zigarette. "Die Alte ist total bekloppt", sagt sie dann. "Hat die denn sonst nichts, was sie in ihre Vuittontasche stecken könnte?" "Aber Du magst doch Hunde?" frage ich etwas verwundert. "Genau deshalb bin ich dagegen, dass irgendwelche Tussneldas diese armen Tiere den ganze Tag alleine in der Wohnung sitzen lassen, nur um abends jemanden zu haben, der ihnen beim Fernsehen die Hände ableckt, " sagt Loretta. Ich verteidige meine Freundin: "Sie darf ihn mit ins Büro nehmen, Yanek sitzt bei Tsilla unterm Schreibtisch". Verächtliches Schnauben auf der Gegenseite. "Degenerierte Scheiße", sagt Loretta. "Da kann man ja wohl kaum von Hund reden."

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Dann beginnt sie, von ihrem idealen Leben auf einer toskanischen Slow-Food-Farm zu schwärmen. Es wimmelt nur so von edlen Weimaranern, durchsetzungsstarken Rhodesian Ridgebacks, kecken Rauhhaardackeln und ungestümen Jack Russels. Zwischendurch klopft es in der Leitung an. Beim dritten Mal unterbreche ich Lorettas Fantasien. "Ich geh ? mal `ran und rufe Dich gleich zurück."

Es ist Tsilla. Sie klingt schniefig. "Weinst Du?" frage ich. "Nein", sagt Tsilla, "aber traurig bin ich schon. Ich mußte Yanek abgeben. Allergie." "Na, sowas", sage ich und versuche, ein wenig Mitgefühl in meine Stimme zu legen. "Er ist jetzt bei einer Bekannten meiner Putzfrau", erklärt Tsilla, "die hat schon zwei Yorkies." "Dann hat er es da doch sehr gut und kann immer mit seinen Artgenossen spielen", sage ich und merke, dass ich diesen Bestattungsunternehmertonfall anschlage. Als redete ich von einem Menschen, der nach langer, schwerer Krankheit endlich die erlösenden Pforten zum Paradies durchschreiten durfte.

"Er war soooo süüüüß", Tsilla schneuzt in ein Taschentuch. "Jetzt erinnert hier nur noch die Fatboy Doggielounge an ihn, ich habe sie extra in Pink für Yanek bestellt." Ich schwenke über zu Pragmatismus. "Wenn Du allergisch bist, solltest Du Dich auch davon trennen", sage ich. "Kannst sie ja auf Ebay versteigern." "Das wird wohl das beste sein", sagt Tsilla. Sie prustet und schnieft. Ich glaube, Tsilla weint doch ein bißchen. Ich lausche ihrem Schnauben und sage gar nichts. Einfach mal zuhören und Klappe halten. Macht man ohnehin viel zu selten.

Text: Thordis Rüggeberg Fotos: Thordis Rüggeberg
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