Tod des Partners

"Ich habe so viel Leid erlebt, das muss für irgendwas gut sein." Martina Nicolaidis verlor ihren Mann 1997 durch einen Autounfall. Sie war damals 29 Jahre, ihre Tochter sechs Wochen alt. Sie gründete die Nicolaidis-Stiftung, die sich bundesweit um jung verwitwete Mütter und Väter kümmert.

Martina Nicolaidis verlor ihren Mann 1997 durch einen Autounfall. Sie war damals 29 Jahre, ihre Tochter sechs Wochen alt. Sie gründete die Nicolaidis-Stiftung, die sich bundesweit um jung verwitwete Mütter und Väter kümmert.

M. Nicolaidis, 35, Geschäftsführerin der Nicolaidis-Stiftung für jung Verwitwete

Brigitte.de: Wie haben Sie die erste Zeit nach dem Tod Ihres Mannes überlebt?

Martina Nicolaidis: Für mich war eine Welt zusammengebrochen. Ich fühlte mich wie eine lebende Tote, die aber für ihre Tochter weiterexistieren musste. Ich begann mir Strukturen zu schaffen, wie einkaufen gehen, sich verabreden.

Brigitte.de: Konnten Sie mit Außenstehenden über Ihre Gefühle, Ihren Schmerz reden?

Martina Nicolaidis: Ich habe jedem, ob er es hören wollte oder nicht, von meinem Schmerz erzählt. Dies war eine große Hilfe für mich, denn durch das Sprechen tastete ich mich langsam an die Vorstellung heran, dass er wirklich tot war. Mein Verstand wusste es zwar, aber mein Herz kam nicht hinterher. Nach drei Monaten spürte ich, dass einige Menschen um mich herum erwarteten, ich solle jetzt aufhören, so sehr zu leiden. Sie gaben mir das Gefühl, ich müsse wieder anfangen zu leben. Zu diesem Zeitpunkt beginnt man aber erst das Unfassbare zu begreifen.

Brigitte.de: Gab es nach dem Tod Ihres Mannes eine Organisation, an die Sie sich wenden konnten?

Martina Nicolaidis: Ich wollte hören, wie es andere schaffen, mit dem Verlust umzugehen. Ich konnte jedoch in ganz Deutschland keine solche Organisation für jung Verwitwete finden. Daraufhin rief ich zusammen mit zwei weiteren Verwitweten aus meiner Gemeinde die erste Selbsthilfegruppe ins Leben.

Brigitte.de: Wie viele junge Witwen und Witwer gibt es Ihrer Schätzung nach?

Martina Nicolaidis: Es gibt laut statistischem Bundesamt 300.000 junge Witwen und Witwer im Alter zwischen 20 und 49 Jahren. Wir gehen von weiteren ca. 300.000 nicht verheirateten Betroffenen aus. Insgesamt gibt es also ca. 600.000 junge Witwen und Witwer in Deutschland. Frauen sind sehr viel öfter vom Tod des Partners betroffen, es gibt rund dreimal so viele Witwen wie Witwer.

Brigitte.de: Welche Hilfsangebote haben Sie?

Martina Nicolaidis: Wir bieten seelische und soziale Unterstützung sowie Beratung in finanziellen und rechtlichen Angelegenheiten an. Zu unseren Hilfsangeboten gehören Selbsthilfegruppen, intensive Einzelbetreuung, Freizeitprogramme und Urlaubsangebote für Familien, Kinder und Jugendliche sowie Trauerseminare und Vorträge. Die Vernetzung mit anderen Institutionen ist uns wichtig, wir kooperieren deshalb mit Universitäts-Einrichtungen, Therapeuten und anderen Trauer-Fachleuten.

Brigitte.de: Wie kann man Kindern helfen, mit der Trauer umzugehen?

Martina Nicolaidis: Das Kind darf sehen, dass man traurig und verzweifelt ist. Jedoch sollte man ihm immer wieder sagen, dass die Traurigkeit sich auf den Tod bezieht und nichts mit ihm zu tun hat. Kinder haben oftmals Schuldgefühle, weil sie zum Beispiel vor dem Tod mit dem Vater oder der Mutter gestritten haben. Hier ist es ganz wichtig, Kindern zu vermitteln, dass niemand Schuld trägt. Kinder verarbeiten ihre Trauer häufig im Spiel. Erwachsene erschrecken dann, wenn Kinder immer wieder das Begräbnis nachspielen. Es ist aber ratsam, den Kindern eindeutig die Erlaubnis zu geben, dass sie, wann immer sie möchten, über den Verstorbenen sprechen dürfen. Kinder haben ein sehr gutes Gespür dafür, wenn der Erwachsene überhaupt nicht mit dem Thema konfrontiert werden will, und ziehen sich dann zurück. Es kann auch hilfreich sein, wenn Kinder mit anderen Kindern zusammenkommen, die ebenfalls Vater oder Mutter verloren haben. Wir bieten eine Gruppe an, in der die Kinder die Erfahrung machen, dass sie in ihrer Situation nicht allein sind.

Brigitte.de: Ab wann ist das Thema neue Partnerschaft, neue Liebe wichtig für die Betroffenen?

Martina Nicolaidis: Viele können die Einsamkeit nicht ertragen und hoffen, sie durch eine neue Partnerschaft zu überbrücken. Doch erst einmal ist es wichtig, sich wieder im Leben eine eigene Position zu schaffen, um wirklich für eine neue Partnerschaft bereit zu sein. Denn für den neuen Partner ist es fast unmöglich, die Erwartungen, die an ihn gestellt werden, zu erfüllen. Er soll da weitermachen, wo es mit dem Verstorbenen aufgehört hat, er soll Partner und Vater oder Mutter gleichzeitig sein und zudem viel Verständnis für die Trauer der Familie haben.

Brigitte.de: Trauern Männer und Frauen anders?

Martina Nicolaidis: Männer haben oft nicht gelernt, ihre Gefühle zu äußern. Zudem machen Männer die Erfahrung, dass ihre Umwelt überfordert auf emotionale Ausbrüche reagiert. Für Frauen bedeutet der Tod des Partners häufig auch berufliche Veränderung. Sie bauen sich mit viel Kraft ein neues Leben auf.

Brigitte.de: Sehen Sie einen Sinn in dem, was Sie erleben mussten?

Martina Nicolaidis: Ich kann anderen die Hoffnung geben, dass es Wege aus diesen schweren Zeiten gibt, kann sie bestärken, ihr Leben weiterzuführen. Ich habe so viel Leid erlebt, das muss für irgendwas gut sein.

Buchtipp

Die ungekürzte Fassung der Geschichte und sechs weitere Protokolle von jungen Witwen sind nachzulesen in:Beatrix Gerstberger,"Keine Zeit zum Abschiednehmen - Weiterleben nach seinem Tod",Marion-von-Schröder-Verlag, 191 S., 18 Euro

Kontakt Nicolaidis Stiftung

Nicolaidis Stiftung gGmbH

Adi-Maislinger-Str. 6-8 81373 München Telefon: 089-74363-202 Fax: 089-74363 190 E-Mail:

Interview: Beatrix Gerstberger
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