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Toxische Positivität Wieso dieses Phänomen gefährlich sein kann

Toxische Positivität ist gefährlich.
Das Mantra "Positive Vibes Only" schließt aus, dass man sich auch mal schlecht fühlen darf – und das ist toxisch.
© Rawpixel.com / Shutterstock
Etliche Sprüchebilder fordern "Good Vibes Only". Doch dahinter verbirgt sich das trügerische Phänomen toxische Positivität. Wieso dauerhaftes Positiv-Denken und das Ausradieren von negativen Emotionen für uns gefährlich werden können: ein Erklärungsversuch.  

Toxische was? Toxische Positivität? Über diesen Begriff stolpert man in letzter Zeit öfter. Doch hierbei handelt es sich um kein Mode-Phänomen, sondern um eine wichtige Gegenbewegung zu der konsequent positiven Denk-und Lebensweise, die sich etabliert hat.

Denn scrollt man durch Instagram, dauert es keine zehn Minuten und da sind sie auch schon: inspirierende Quotes a la "Stay Positive", "Happy Mind, Happy Life" oder "Enjoy your life every day" – meist verpackt in hübschen pastellfarbenen Bildchen.

Hilfe, überall sind leere Phrasen!

Auch in vielen zwischenmenschlichen Beziehungen – ob auf Arbeit oder im Privaten – haben sich diese leeren Phrasen durchgesetzt. Mit dem Spruch "Das klappt schon, du solltest nicht so negativ sein", wird eine Sorge schnell abgetan. Und sogar aus dem Radio plärrt einem der Hinweis "Egal, was kommt, es wird gut, sowieso" entgegen. Aber wird es das wirklich? Helfen diese meist nett gemeinten Ratschläge? Nein, nicht wirklich. Diese #alwayspositive-Sicht auf das Leben unterdrückt negative Emotionen nur, anstatt Probleme zu lösen.

Toxische Positivität lässt keine negativen Gefühle zu

Psychologin Mary Hoang hat im Interview mit der australischen "Elle" erklärt, dass es sich bei toxischer Positivität um den Versuch handle, jede negative Emotion sofort auszuradieren – und zwar nicht nur bei sich selbst, sondern auch bei allen anderen. Eine ausschließlich positive Einstellung sei demnach das einzig richtige Konzept, nach dem alle Menschen leben sollten, erklärt Autor und Psychologe Konstantin Lukin im US-Fachmagazin "Psychology Today".

Wieso versuchen alle eigentlich immer glücklich sein zu wollen?

Etliche Menschen haben Angst davor, ihre negativen Gefühle zuzulassen. Viele können auch nicht mit den negativen Emotionen von Freund*innen und Angehörigen umgehen. Die positiven Phrasen bieten einen einfachen Ausweg. Sie ersparen uns, sich mit dem Unglück anderer ernsthaft auseinanderzusetzen. Das Negative wird sofort im Keim erstickt, anstatt es zuzulassen. Doch das ist für die Betroffenen, aber auch für die Zuhörenden gefährlich.

Stoppt man negative Gefühle, stumpft man ab

Man kann unglückliche Menschen nicht happy machen, wenn man sie mit leeren Phrasen wie "Das wird schon wieder" abfertigt. "Wir sind emotional sehr einfach gestrickt: Entweder haben wir Gefühle – oder nicht. Dabei können wir uns diese Gefühle nicht aussuchen", sagt Psychotherapeut Noel McDermott gegenüber dem US-Onlineportal "Refinery29".

Wenn wir versuchen, eine Art von Gefühlen loszuwerden, werden wir sie alle los und stumpfen ab, auch gegenüber positiven Emotionen. Das schadet unserem Inneren,

führt McDermott weiter aus.

Das Gute an schlechten Gefühlen? Wir brauchen sie! Das rät auch der Psychotherapeut: "Schließlich verraten sie uns viel darüber, ob eine Situation für uns sicher ist oder wir uns lieber daraus zurückziehen sollten." Negative Gefühle sind also unser Schutzpanzer vor der Außenwelt.

Empathisches Zuhören lautet die Zauberformel

Und wie verhalte ich mich nun am besten gegenüber meinen Liebsten und mir selbst? Wenn es einer anderen Person nicht gut geht, solle man empathisch reagieren, ihr seine ungeteilte Aufmerksamkeit schenken, vorurteilsfrei zuhören und die Gefühle ernst nehmen, erklärt Psychotherapeut Noel McDermott. So fühle sich das Gegenüber verstanden, wertgeschätzt und lernt, dass es in Ordnung ist, negative Emotionen zuzulassen und sich zu öffnen. Und das wollen wir doch alle.

Phrasen, die du lieber nicht sagen solltest:

  • Du kommst drüber hinweg
  • Bleib einfach positiv
  • Nur gute Vibes
  • Hör auf, so negativ zu sein
  • Denke lieber positiv
  • Gib niemals auf
  • Sehe das Gute in allem
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Antworten, die du stattdessen geben kannst:

  • Du hast schon früher schwere Dinge gemeistert und ich glaube an dich
  • Ich weiß, dass vieles schief gehen kann. Was könnte klappen?
  • Es ist in Ordnung, traurig zu sein
  • Es ist total normal und in Ordnung, in dieser Situation negativ zu reagieren / zu denken
  • Es ist wahrscheinlich hart, momentan positiv zu bleiben. Ich setze gute Energie für dich in die Welt
  • Manchmal ist Aufgeben in Ordnung
  • Es ist niemals schön, sich so zu fühlen, das verstehe ich. Gibt es etwas, das wir heute machen können, das dir Spaß macht?
  • Es ist wahrscheinlich wirklich schwer, in dieser Situation etwas Gutes zu sehen. Wir werden dem Ganzen später einen Sinn geben.

Verwendete Quellen: refinery29.com, elle.com/au, psychologytoday.com

Brigitte

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