Frau trifft verstorbene Tochter via VR-Brille – die Trauerbewältigung der Zukunft?

Tod, Verlust, Trauer – schon immer ringen wir Menschen mit diesen Themen. Doch die moderne Technik eröffnet uns neue Wege, damit umzugehen. Drei Beispiele und was davon zu halten ist.

Der Tod gehört zum Leben dazu. Und obwohl das schon immer so war, hat bisher noch niemand einen Weg gefunden, der uns den Umgang mit Verlust und endgültigem Abschied erleichtert. 

Tatsächlich falle uns "modernen Menschen" laut Experten der Umgang mit dem Tod sogar schwerer als unseren Vorfahren, da wir aufgrund der geringeren Sterblichkeitsquote in jungen Jahren, die wir dem medizinischen Fortschritt zu verdanken haben, weitaus seltener mit ihm konfrontiert werden. Naja, lieber so als andersherum ... Vielleicht lässt sich ja aber dieses durch Innovation entstandene "Luxusproblem" auch durch Innovation wieder in den Griff bekommen? Versuche dazu gibt es jedenfalls.

Drei moderne Beispiele für den Umgang mit Verlust

1. Öffentliches Gedenken im Web

Einer der wohl schwersten Schicksalsschläge, den man sich nur vorstellen kann, ist, das eigene Kind zu Grabe tragen zu müssen. Zu unserem tiefsten Bedauern ist das BRIGITTE.de-Leserin Nicole Holze-Jordan widerfahren – ihr Sohn Silas wurde nur fünf Jahre alt.

Um Silas ein Andenken zu schaffen, andere aufzuklären und ggfs. Betroffene zu vernetzen, hat die Familie eine Website aufgesetzt, auf der sie die Geschichte ihres Sohnes teilt: silas-holze.de (die Homepage geht am 16.02. online). Private Bilder, Videos, Erfahrungsberichte –  die Homepage dokumentiert sehr persönlich und nahegehend Silas Leben und Weg, sichtbar für die ganze Welt.

Heißt es nicht, das Internet vergisst nie? Silas, du wirst nie vergessen!

2. Virtuelle Auferstehung

Wie Nicole Holze-Jordan verlor auch die Südkoreanerin Jang Ji-sung ihr Kind, ihre Tochter Nayeon starb im Alter von sieben Jahren an Leukämie. Im Rahmen einer Fernsehshow mit dem Titel "Meeting You" wurde der trauernden Mutter nach Nayeons Tod ein Wiedersehen mit ihrer Kleinen ermöglicht – mithilfe einer VR-Brille. 

3. Andenken unter der Haut

Die Hemmschwelle, sich ein Tattoo stechen zu lassen, sinkt gefühlt mit jedem Tag tiefer – und so lassen sich auch immer mehr Menschen das Andenken an einen Verstorbenen in ihre Haut gravieren. Porträts, Schriftzüge, Daten, Symbole, welches Motiv man wählt, um der Erinnerung tattoo-künstlerischen Ausdruck zu verleihen, bleibt jedem selbst überlassen. Möglich ist sogar, sich die Lautkurve einer Sprachmemo tätowieren zu lassen, die mit spezieller Software offenbar abgespielt werden und die Stimme der verstorbenen Person erklingen lassen kann. 

Cyber-Trauerbewältigung – sinnvoll oder krank?

Einige dieser "modernen" Formen der Trauerbewältigung mögen manchen Menschen zunächst befremdlich erscheinen – so sind etwa die Reaktionen auf die VR-Begegnung der koreanischen Mutter mit ihrer verstorbenen Tochter mehrheitlich ablehnend. "Die arme Mutter", "so kommt sie nie über ihren Verlust hinweg", heißt es beispielsweise unter dem Video auf der Website 9gag. Derartige Reaktionen sind verständlich, denn ein solcher Umgang mit Verlust ist für uns alle neu, und Neues weckt selten auf Anhieb einstimmige Begeisterung. Richtig sind derartige Reaktionen trotzdem nicht. Menschen verarbeiten Abschied und Verlust auf unterschiedliche Weise und niemand hat das Recht, darüber zu urteilen.

Außerdem: Welche Kultur lässt Verstorbene einfach so gehen? Wir begraben sie auf Friedhöfen, wo wir sie besuchen, Polynesier sogar in ihrem Garten und die alten Ägypter haben ihre Pharaos mumifiziert. Früher waren Menschen froh, wenn sie gemalte Porträts ihrer Lieben hatten, die sie sich nach deren Tod anschauen konnten, heute hüten wir Fotos von Verstorbenen, Videosequenzen, Nachrichtenverläufe und Sprachmemos wie unser höchstes Gut. Und wenn uns keines solcher Andenken bleibt – träumen wir von ihnen!

Die Sache ist nämlich die: Einen Menschen, der gegangen ist, gerade nicht loslassen zu müssen. Sein Andenken und die Erinnerung an ihn so lebendig wie möglich zu halten und seine Spur durch das eigene Leben zu verlängern. Das ist, was viele in ihrer Trauer tröstet und beim Weitermachen hilft, nicht, was sie daran hindert.  

Und wenn VR-Begegnungen, Gedenk-Websites und Tattoos dazu einen Beitrag leisten, ist der neue Weg der Trauerbewältigung keineswegs schlechter als der alte. Nur leichter wird es durch Technologien sicherlich nicht ... 

sus
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