Umzug im Alter: Gewagter Neuanfang?

Ob ein Umzug im Alter sinnvoll ist, hängt von den Zielen und Wünschen ab, die man mit einem Ortswechsel verbindet. Aber auch von der eigenen Offenheit. 

Marianne Berghaus, 81, kann sich noch genau an den Moment erinnern, in dem sie den Entschluss fasste, von Heusenstamm in Hessen nach München zu ziehen. Sie saß im Zug, auf dem Rückweg von einem Besuch bei Bruder, Schwester, Schwager und zwei Nichten in München. "Und da wurde mir plötzlich klar: Ich möchte zurück in die Heimat, in die Berge. Und das ist die letzte Chance für mich, noch mal was zu verändern. Wenn ich jetzt nicht umziehe, dann mache ich es nie mehr."

Der Heimat den Rücken kehren

Ziemlich genau ein Jahr ist das her. Zurück in Heusenstamm erzählte sie sofort überall herum, dass sie ihr Haus mit dem 1000 Quadratmeter großen Garten verkaufen wolle. In ihrer Damen-Skatrunde und in der Walkinggruppe, die sie seit 40 Jahren immer montags, mittwochs und freitags um 9 Uhr an ihrem Gartentor abholte – bei jedem Wetter, außer bei Glatteis. Sie erzählte es in ihrem Tennisklub, beim Tanzkreis und bei ihrem Stammtisch mit den zehn Freundinnen, die sie alle vier Wochen traf. Und alle Freundinnen und Bekannten sagten: "Du bist verrückt. So einen großen Freundeskreis lässt man doch nicht zurück! Man kann sich doch, wenn man 52 Jahre lang in einem Ort gewohnt hat und 80 Jahre alt ist, nie mehr so etwas neu aufbauen. Weil alte Menschen nicht mehr bereit sind, sich zu öffnen."

Kontaktaufnahme mit Verstorbenen: Frau am Fenster

Auch Marthel Wronsky, 75, stieß bei ihren Wiesbadener Freundinnen auf Unverständnis, als sie ihnen eröffnete, dass sie ihren Lebensabend in Berlin verbringen wollte. Geplant hatte sie ihren Umzug aber schon lange, denn sie liebt es, immer wieder neue Menschen und Dinge in ihr Leben zu lassen. Für Berlin sprach, dass sie dann endlich in der Nähe ihres Sohnes wohnen würde und zurück in Norddeutschland wäre: Sie kommt aus Greifswald, ihre Schwester wohnt in Lübeck und ihr Bruder an der dänischen Grenze. So war für Wronsky, die geschieden ist und der Liebe wegen nach Wiesbaden gekommen war, klar: Mit 65 würde sie Hessen den Rücken kehren.

Ihre Freundinnen bewunderten ihren Mut, aber sie glaubten ihr nicht. "Die dachten, ich würde wieder zurückkommen. Weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass ich in Berlin glücklich werden würde."

"Du hast doch viel zu lange in Wiesbaden gelebt", sagten sie. Am Tag des Abschieds – zwei Wochen, nachdem sie in Rente gegangen war – brachten sie sie zum Zug, und alle weinten. "Das war schon sehr bewegend, keine Frage", erinnert sich Marthel Wronsky. Aber nachdem der Zug abgefahren war, trocknete sie ihre Tränen und schaute nach vorn.

Absprung wagen im Rentenalter 

Einen alten Baum verpflanzt man nicht, so heißt es oft. Warum also wagen manche Menschen im Rentenalter noch mal den Absprung? Nach Ansicht von Jule Specht, Professorin für Persönlichkeitspsychologie an der Humboldt-Universität in Berlin, gibt es dafür drei Gründe: "Entweder jemand sagt: Ich habe mein Leben lang gearbeitet, jetzt kommt etwas Neues, was früher aufgrund der Umstände einfach nicht möglich war." So wie Marianne Berghaus, die ursprünglich aus Augsburg stammt und mit 28 Jahren zu ihrem Mann nach Heusenstamm gezogen war. Der hatte ihr stets versprochen, dass sie im Alter nach Süddeutschland zurückkehren würden. Aber daraus war dann nichts geworden.

Oder jemand hat einfach den Wunsch, sich noch einmal zu verändern. So wie Marthel Wronsky. Bei beiden Frauen sind Neugierde und Offenheit aber auch eine prinzipielle Haltung, die sie schon in früheren Lebensphasen einnahmen.

Eine dritte Möglichkeit ist laut Jule Specht, dass man aus praktischen Überlegungen heraus umzieht, zum Beispiel in die Nähe der erwachsenen Kinder.

In allen drei Fällen gilt: Man muss nicht mehr umziehen, sondern man kann. Anders als in der Jugend, wo man oft aus beruflichen Gründen einen größeren Druck hatte, flexibel zu sein. "Im Alter ist dieser Druck weniger da, und die Persönlichkeit hat mehr Einfluss auf die Entscheidung", sagt Jule Specht. Dennoch: Ein Umzug jenseits der 60 ist eher die Ausnahme – und stößt bei Freunden und Familie auch nicht immer auf Verständnis.

Erfüll du dir jetzt deinen Traum

Marianne Berghausens Stieftöchter zum Beispiel, die beide an der Ostsee leben, reagierten nicht begeistert auf deren Idee, nach München zu ziehen. Gerade erst hatten sie ihren Vater verloren, mit dem Marianne Berghaus nach dem Tod von dessen erster Frau fast 50 Jahre lang verheiratet gewesen war. Und nun würde die Stiefmutter, die selbst keine Kinder bekommen und stets wie eine Mutter für sie gesorgt hatte, lieber zu ihren Geschwistern als zu ihren Stieftöchtern in den Norden ziehen? "Das kannst du uns doch nicht antun", sagte die eine. Die andere sagte: "Wir können uns ja gegenseitig oft besuchen. Erfüll du dir jetzt deinen Traum." Und das tat sie.

Sechs Monate, nachdem ihr Entschluss gefallen war, hatte Marianne Berghaus ihr Haus zusammen mit Stieftöchtern und Enkelkindern ausgeräumt, verkauft und mithilfe ihrer Nichte eine geräumige Vier-Zimmer-Wohnung in München gemietet.

Dort musste sie lernen, sich in einer völlig anderen Welt zurechtzufinden: "Der Autoverkehr ist fürchterlich, ich fahre nur in meinem Stadtteil und ansonsten mit der Bahn." Einmal erwischte sie die falsche U-Bahn, "aber das war nicht schlimm, ich bin wieder zurückgefahren". Die vertrauten Strukturen aus Heusenstamm hat sie aufgegeben, all das Selbstverständliche und Angenehme, das gewachsen ist, weil man lange an einem Ort gelebt hat: "Wenn ich in Heusenstamm auf die Straße ging, kannte ich jeden. Ständig hat jemand bei mir geklingelt und wollte sich verabreden. Hier nicht. Hier muss ich alles erst erobern."

Und das will nicht mehr jeder und jede jenseits der 60: noch mal eine passende Wohnung finden, gute Ärzt*innen, gute Freunde und Freundinnen. "Die Offenheit für neue Erfahrungen nimmt im Alter eher ab", sagt Jule Specht. Das liege daran, dass ältere Menschen, anders als junge, aus Erfahrung schon genau wüssten, was sie bräuchten, und oftmals nicht mehr so viel Neues ausprobieren wollten wie junge. "Deswegen sorgen viele vor allem dafür, dass es ihnen gut geht, halten an guten Beziehungen fest und versuchen nicht, ihr Leben noch weiter zu optimieren, indem sie unnötige Risiken eingehen", sagt die Psychologin.

Zufriedenheit nach Umzug 

Marianne Berghaus hingegen liebt die Herausforderung, das war schon immer so. "Fremdes stört mich nicht", erzählt sie, "und wenn ich mir mal irgendwas in den Kopf gesetzt habe, dann mache ich das auch." Deswegen besucht sie jetzt in München einen Literaturkreis, nimmt an Stadtführungen teil, wandert mit einer Seniorengruppe, sie geht ins Theater, in Konzerte und trainiert in einem Fitnessstudio. Und wenn das Wetter schön ist, steigt sie in die Bayerische Oberlandbahn und fährt an den Tegernsee: "Das ist so schön dort, da geht mir das Herz auf."

Auch für Marthel Wronsky fühlt es sich gut an, in Berlin zu leben. "Ich kann ins Getümmel, wenn ich möchte: ins Theater des Westens, in die Komödie am Ku’damm, ins Konzerthaus am Gendarmenmarkt." An den Wochenenden besucht sie Flohmärkte, streift durch Museen oder macht Ausflüge ins Umland. Unter der Woche geht sie vier Mal ins Sportstudio, walkt jeden Morgen 45 Minuten und arbeitet im Seniorenklub Lindenufer als Gästebetreuerin. Und ihre Berliner Wohnung ist mit 70 Quadratmetern fast doppelt so groß wie die in Wiesbaden. Bereut hat sie den Umzug noch nie: "Ich bin glücklicher als in Wiesbaden und fühle mich hier mehr zu Hause, weil die Leute bodenständiger sind. In Wiesbaden ist vieles so exaltiert, mehr Schein als Sein." In Berlin sei, ähnlich wie an der Ostseeküste, wo sie aufgewachsen ist, nicht der Beruf maßgebend, sondern das Wesen eines Menschen.

Ob man nach einem Umzug wieder zufrieden wird, hängt weniger vom Zufall ab als von der Persönlichkeit, erklärt die Psychologin Jule Specht: "Manche Menschen sind einfach glücklicher als andere, selbst wenn sie sich in identischen Situationen befinden. Das hat zum Teil genetische Gründe, aber nicht nur." Andererseits richtet sich das persönliche Glücksempfinden auch danach, warum man umgezogen ist: Geht die Rechnung auf, haben sich die mit dem Umzug verknüpften Erwartungen erfüllt – dann steigt die Chance, dass man im neuen Leben gut zurechtkommt und Freude daran hat. Und noch ein weiterer Aspekt ist ausschlaggebend für die Zufriedenheit, sagt Jule Specht: "Wenn man extrovertiert, fröhlich und zugewandt ist und es einem leichtfällt, auf andere Menschen zuzugehen, ist man oft glücklicher."

Im Allgemeinen jedoch sind die Kontaktfreudigkeit und die Bereitschaft, sich auf etwas Ungewohntes einzulassen, im Alter nicht mehr so ausgeprägt wie mit 30. "Wir werden meistens ab dem jungen Erwachsenenalter immer weniger offen", sagt Jule Specht. Ausnahme: "Wenn wir in unserer Jugend und auch danach noch die Erfahrung gemacht haben, dass offen zu sein Vorteile bringt – falls wir zum Beispiel auch früher oft umgezogen sind und immer wieder leicht neue Freunde gefunden haben –, dann kann uns das in unserer Offenheit bestärken. Und dazu führen, dass wir es auch jenseits der 60 noch sind", so die Psychologin.

Eigeninitiative, Durchhaltevermögen und Optimismus 

Doch auch als aufgeschlossener Mensch wird man im neuen Leben nicht sofort all das wiederfinden, was man aufgegeben hat. Es braucht daher auch Eigeninitiative, Durchhaltevermögen und Optimismus. Marthel Wronsky zum Beispiel hat sehr viel dafür getan, in Berlin wieder Freundinnen zu finden: sich im Sportverein angemeldet und einen Seniorenklub gefunden, wo sie jetzt aushilft. Dadurch hat sie viele Menschen getroffen und neue Bekanntschaften geschlossen. Doch der Kontakt zu ihnen ist nicht so eng wie der zu ihrer besten Freundin, mit der sie seit 36 Jahren verbunden ist, die aber nach wie vor in Wiesbaden wohnt. Das könnte daran liegen, dass "die Frauen, die ich hier kennengelernt habe, schon ewig in Berlin leben und eigentlich schon genügend enge Freundinnen haben", vermutet Marthel Wronsky. Aber als einsam hat sie sich deswegen noch keine Sekunde empfunden, denn sie fühlt sich ihrem Sohn und ihren Geschwistern sehr nah. Und das ist, neben der Rückkehr nach Norddeutschland und dem neuen Umfeld, das ihr guttut, das Wichtigste für sie.

Auch Marianne Berghaus wurde heimisch in München, sie mag die Sprache und die Menschen, die ihr mehr liegen als die Hessen. Eine richtige Freundin, die hat auch sie bis jetzt noch nicht gefunden: "Das ist der Preis, den ich zahle. Der ist sehr, sehr hoch", sagt sie. Bereut hat dennoch auch sie ihren Umzug nicht, und die Situation belastet sie auch nicht: Sie hat ja ihre Geschwister, ihre Nichten, sie bekommt viel Besuch aus Heusenstamm und ist auch gern allein unterwegs. Denn sie ist jetzt wieder in Bayern, in ihren geliebten Bergen – Silvester verbrachte sie prompt mit Skiausrüstung im Salzkammergut. Sie fühlt sich, als hätte sie noch mal ein neues Leben angefangen.

Marianne Berghaus, 81, lebte 52 Jahre lang in Heusenstamm und ließ einen großen Freundeskreis zurück, als sie nach München wechselte, um bei ihren Geschwistern in Bayern zu sein.

Marthel Wronsky, 75, stammt aus Greifswald, lebte aber mit ihrem früheren Mann in Wiesbaden. Mit 65 zog sie nach Berlin, die Hauptstadt war immer schon ihr Sehnsuchtsort.

Katrin Hummel ist Redakteurin bei der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung".

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BRIGITTE WIR 01/2020

Wer hier schreibt:

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