Unschuldslämmer

Harald Follmann* wohnt mit Schafen, Pfauen und Emus zusammen. Nicht auf einem Bauernhof oder im Streichelzoo - sondern im Knast.

Harald Follmann*

Im Stall liegen kleine braune Knäule. Neugeborene Lämmchen mit zittrigen Beinen. Entzückt schaut Harald Follmann, 24, sie an. Eigentlich wollte er mit seiner Forke gerade Heu ins Gehege der 25 Kamerun-Schafe wuchten. "Und plötzlich kommt da eins nach dem anderen raus." Er streichelt die Schäfchen. Fühlt das dünne weiche Fell, spürt die Zerbrechlichkeit der Tiere. Seine wuchtigen Hände sind ganz vorsichtig. "Ein richtiger Streichelzoo ist das hier", sagt Harald und lacht.

Aus dem Nebengehege glotzen Emus herüber, am Hühnerhaus hetzen vier Hähne umher, Gänse gründeln im Teich. Doch anders als im Zoo gibt es hier dicke Mauern mit dichten Kronen aus Stacheldrahtspiralen. Die grauen Stahltüren kann man nicht mit einem Ticket passieren, allenfalls mit Personalausweis und einem guten Grund, hier vorbeizuschauen. Oder mit einer richterlichen Anordnung. Dies ist kein Streichelzoo - sondern die Justizvollzugsanstalt Vechta. 40 arrestierte Jungtäter und acht junge Männer im offenen Vollzug leben hier. Außerdem rund 500 Schafe, Fische, Enten, Hühner, Pfauen und Brieftauben.

Im Gehege gackert das Federvieh, drinnen im Gefängnis klicken Zellentüren, hinter denen sich Betten, Schränke, Tische und Toiletten drängeln. Ein Zuhause auf Zeit für Halbwüchsige mit Händen, die ganz anders können als streicheln. Zuschlagen zum Beispiel. Das konnte auch Harald. Wenn sein Lieblingsverein Hannover 96 spielte und die gegnerischen Fans die Fahnen schwenkten. Oder wenn ihm jemand auf Springerstiefel oder Glatze starrte. Irgendwann hat einer nicht zurückgekeilt, sondern die Polizei geholt. Die kam auch, als er aus dem Hinterzimmer eines Getränkeladens ein Portemonnaie mit EC-Karte und Ausweis klaute und auf fremden Namen und fremde Kohle Computerspiele shoppen ging. Und irgendwann rückte die grüne Minna noch mal an und nahm ihn in Handschellen mit.

An einem nasskalten Oktobertag im vergangenen Jahr haben sie ihn dann im Jugendknast Vechta abgeliefert. So grau wie draußen sah es auch in Harald aus, als er sich in Zelle Nummer 6 aufs Bett schmiss. Von da an hieß es: Um 6 Uhr morgens wecken, 7 Uhr Arbeitsdienst. Scheiße, dachte Harald. Inzwischen freut er sich auf jeden Tag. Wegen der Viecher. "Tiere schaffen eine Wohlfühl-Atmosphäre", sagt Vollzugsanstaltsleiter Bernhard Weimann. "Sie machen Menschen weicher. Die Gefangenen lernen, Verantwortung zu tragen und für andere zu sorgen." Harald dreht jeden Morgen um 7 Uhr seine Fütterungsrunde. Er versorgt die Küken unter den Wärmelampen, füllt frisches Wasser nach - und marschiert dann zu seinen Schafen. "Die stehen schon am Zaun, wenn sie mich sehen", sagt er. Wenn es nachts gewittert, leidet er. Liegt mit offenen Augen in seiner Zelle unter den Postern von Hannover 96 und macht sich Sorgen. "Ich möchte am liebsten gucken, ob die Schafe auch alle im Stall sind", sagt Harald. "Aber man kann ja nicht raus."*Name von der Redaktion geändert

Text: Silke Pfersdorf Foto: iStockphoto.com Ein Artikel aus der BRIGITTE 21/08
Themen in diesem Artikel