Veränderung: "Wir können immer auch anders"

Das sagt die Philosophie-Professorin Dagmar Borchers. Warum das wichtig, manchmal aber auch gefährlich ist und warum manche Menschen sich extrem schwer damit tun, hat sie BRIGITTEMitarbeiterin Marianne Moesle erzählt.

BRIGITTE: Was passiert in einem Menschen, der plötzlich beschließt, auch anders zu können?

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Dagmar Borchers: Dieser Mensch überprüft die Prinzipien, denen er bisher gefolgt ist: Was heißt es, eine gute Mutter zu sein, eine gute Ehefrau, eine gute Chefin? Wir versuchen normalerweise, Rollenbildern und Normen gerecht zu werden. Es kann aber Situationen geben, in denen wir merken, dass das ständig auf unsere eigenen Kosten geht und uns nicht weiterbringt. Man hat sich an vermeintlichen moralischen Pflichten orientiert, aber plötzlich wird klar: Wenn ich jetzt nicht anfange, meine Ziele zu überdenken, läuft mir das Leben davon. Der Auslöser kann ein Schicksalsschlag sein oder das Gefühl, mit dem Rücken zur Wand zu stehen. Dann kommen möglicherweise Aggressionen hoch, die man von sich selbst nicht kennt. Und dann denkt man: Halt - ich kann auch anders. Entscheidungen werden getroffen, zu denen man sich vorher nicht durchringen konnte. Manche sagen dann sicher: "Du bist verrückt." Für einen selbst ist das aber eine große Befreiung.

BRIGITTE: Die aber manchmal auch ihren Preis hat...

Dagmar Borchers: Genau. Wenn wir etwas voranbringen wollen, müssen wir Streit und Ablehnung riskieren. Gegen viele Widerstände, eigene und fremde, den Sprung in Ungewisse wagen. Und das kann einen hohen Preis haben. Es kostet viel Mut, das Risiko einzugehen, andere vor den Kopf zu stoßen und Entscheidungen zu treffen, deren langfristige Konsequenzen wir nicht überblicken können.

BRIGITTE: Hat das auch etwas mit Moral zu tun?

Dagmar Borchers: Sicher, wobei moralisch gut zu handeln ja nicht automatisch heißt, sich selber aufzuopfern. Es heißt, die Interessen aller von einer Handlung Betroffenen gleichermaßen in den Blick zu nehmen und einen Kompromiss herzustellen. Die eigenen Interessen zählen dabei auch. Wenn wir bemerken, dass wir in einer Beziehung immer nur zurückstecken, ist es gut, unsere moralischen Werte zu überdenken und zu verändern. Es besteht dann nur immer auch die Gefahr, es zu übertreiben. Für Aristoteles besteht moralisches Handeln darin, die richtige Mitte zwischen zwei Extremen zu finden. Das scheint mir in diesem Zusammenhang das passende Bild zu sein.

BRIGITTE: Also ist "Ich kann auch anders" eine Rebellion mit einer positiven und einer negativen Seite?

Dagmar Borchers: Das ist eine gute Beschreibung. Nur ist es mit Rebellion allein nicht getan. Sie ist der Höhepunkt des Prozesses, aber danach muss es weitergehen, und rationale Überlegungen müssen folgen. Dann sind Qualitäten gefragt, die man sich erst mal erarbeiten muss: analytisches Denken, Durchhaltevermögen und Disziplin. Man muss dann sehr konsequent sein und die Dinge zu Ende führen.

BRIGITTE: Die positive Seite ist folglich?

Dagmar Borchers: Dass es einen persönlich voranbringt. Dass etwas Neues beginnt. Wer sich nicht ständig anpasst, kann Stärken entwickeln.

BRIGITTE: Und die negative Seite?

Dagmar Borchers: Aggression, egoistisches Verhalten, Rücksichtslosigkeit und Verletzungen. Möglichweise braucht man aber Aggression und Rücksichtslosigkeit als Zündung, um etwas zu verändern.

BRIGITTE: Ist denn jeder Mensch janusköpfig?

Dagmar Borchers: Ganz sicher. Der Mensch ist auf der einen Seite fähig, sich in andere hineinzuversetzen, mitzufühlen, Anteil zu nehmen. Auf der anderen Seite ist er in starkem Maße von eigenen Interessen geleitet.

BRIGITTE: Was die meisten von uns aber gut verstecken, oder?

Dagmar Borchers: Das tun wir unbewusst - weil wir bestimmte Rollenerwartungen erfüllen wollen. In jedem Beruf werden bestimmte Aspekte einer Persönlichkeit in den Vordergrund gestellt, andere unterdrückt. Das ist ja auch sinnvoll. Es wäre unklug zu sagen: "Mir ist es egal, was andere über mich denken." Wir unterliegen Zwängen und müssen kooperieren. Es ist also eine Gratwanderung: Welche Erwartungen muss ich erfüllen, und wo kann ich sagen, ich kann auch anders?

BRIGITTE: Also täuschen wir uns auch selbst?

Dagmar Borchers: Ja. Auf einmal merkt man: Ich kann ja eiskalt, ungeduldig und gewissenlos sein. Man erschrickt vielleicht auch über sich selbst, gewinnt dabei aber eine realistischere Selbsteinschätzung.

BRIGITTE: Nämlich, dass man ganz kompromisslos ist?

Dagmar Borchers: Das wäre sicher ein überzogenes Verständnis von individueller Freiheit. Dieses Verständnis ist heute aber ziemlich verbreitet. Es gibt eine Tendenz in unserer Gesellschaft, Individualismus auf die Spitze zu treiben. Dabei sind wir doch auch am Zusammensein mit anderen interessiert. Das heißt aber immer auch, Kompromisse zu machen, denn sie sind notwendig für eine bestimmte Form von Glück. Trotzdem müssen wir immer wieder überprüfen, ob die einmal geschlossenen Kompromisse für uns noch tragbar sind.

BRIGITTE: Aber vielen macht die Freiheit, aus bestehenden Mustern auszubrechen, sehr viel Angst.

Dagmar Borchers: Ja, weil das heißt, Verantwortung für unser Leben zu übernehmen. Das würden viele gern vermeiden. Kant hat das in einem Aufsatz treffend beschrieben: Es wäre schön, wenn wir einen Arzt hätten, der uns sagt, was wir essen sollen, einen Pastor, der uns sagt, was wir denken sollen, und so weiter. Damit wir nicht selber Entscheidungen treffen und für die Folgen geradestehen müssen. Wem es nicht gelingt, sich partiell aus diesem Denken zu lösen, der wird diesen Satz nicht sagen können.

BRIGITTE: Freiheit ist also die Freiheit, immer auch anders zu können?

Dagmar Borchers: In den Lebenserinnerungen von Ruth Klüger beschreibt die Autorin, wie sie im KZ als unterernährtes Mädchen in der Schlange steht, um für einen Arbeitseinsatz ausgewählt zu werden. Der Nazi, der die Personen aussucht, entscheidet: Raus! Aber seine Assistentin bedeutet dem Mädchen, sich noch mal anzustellen. Als Ruth wieder an der Reihe ist, legt die Frau ein Wort für sie ein: "Die ist zäh, die schafft was" - und rettet ihr so das Leben. Mich hat Ruth Klügers Kommentar zu dieser Szene sehr beeindruckt. Sie stellt fest, dass wir immer so oder anders können. Diese Frau war dem Mädchen nichts schuldig, sie hat sich vielleicht sogar in Gefahr begeben, aber sie hat in diesem Moment so entschieden. Und das belegt die Freiheit, die sie hatte. Immanuel Kant war der Ansicht, dass Werte und ethisches Verhalten ihren Ursprung in der Freiheit haben, auch anders zu können. Als Naturwesen ist der Mensch den Naturgesetzen genauso unterworfen wie jeder Stein und jedes Tier. Aber als geistiges Wesen ist er frei. Seine moralischen Gesetze gibt er sich selbst nach Maßgabe der Vernunft und aus freiem Willen. Wenn wir gezwungen werden, moralisch zu handeln, dann ist es vielleicht gar nicht mehr moralisch. Dass wir diese Freiheit haben, auch anders zu handeln, das macht uns als Menschen aus.

BRIGITTE Heft 11/2006
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