Veränderung: Achtung, Ausnahmezustand!

In Phasen der Veränderung leben wir intensiver und entdecken uns neu - auch wenn wir manchmal an unsere Grenzen stoßen.

Würde man einen Film über mein Leben drehen, dann gäbe es da Szenen von herzzerreißender Normalität. Zum Beispiel der morgendliche Versuch, meinem Sohn den Satz "Liebe deine Mutter wie dich selbst" beizubringen, oder das abendliche Zählen von Besenreisern in der Badewanne. So etwas sehen angeblich besonders Frauen gern. Natürlich gäbe es auch das eine oder andere Sahneschnittchen: wie ich tausend Meter über der Erde an einem Flugzeugflügel hänge und erkenne, dass es zu spät ist, den Fallschirmspringkurs abzubrechen. Oder wie ich nach zwei Flaschen Rotwein auf der Betriebsfeier "I want to break free" singe - kurze Momente, die im Zuschauer ein Rührungszucken hervorrufen. Aber wegen kurzer Zuckungen geht niemand ins Kino. Nein, große Literatur, Nummer-eins-Hits und oscarverdächtige Filme leben allein vom Scheitern, Suchen und Sich-neu-Finden ihrer Hauptpersonen. Von den Übergangsphasen, in denen wir zwar alles andere wissen, nur gerade nicht, wer wir sind.

In Übergänge rutscht man im Laufe seines Lebens immer wieder.

Sie können anstrengend sein, verwirrend, traurig oder einfach nur komisch. Die Zeit zwischen Abi und Uni beispielsweise, ein herrliches Vakuum voller Partys. Oder die ersten Stunden zu Hause nach einer langen Reise. Das Gepäck ist schon da, der Körper auch, nur wir irgendwie noch nicht. Etwa so muss man sich wohl das Leben von Kate Moss vorstellen. Die meisten Übergänge schleichen sich eher unbemerkt ins Leben. Es kann sein, dass die beste Freundin ins Ausland geht oder wir in ein anderes Stadtviertel ziehen. Andere Übergänge zerreißen mit einem brutalen Ruck, was wir als fest mit uns verbunden glaubten. Die Psychologie teilt Übergänge ein in Entwicklungskrisen, die unvermeidbar sind, wie die Pubertät, die ersten Monate mit dem Baby und das nahende Alter. Und in die großen Einschnitte: die Zeit nach einem Unfall, nach dem Tod eines Menschen, nach der Trennung. Einschnitte, nach denen wir das Leben wieder lernen müssen. Aber Übergänge fragen nicht nach unserer Lebensplanung, sie sind etwas, das uns weiterwinkt, wenn wir stehen bleiben wollen. Es ist die Zeit des "Wer bin ich jetzt?".

Bin ich jetzt erwachsen? Wie wird der neue Job sein? Wird dieses Verliebtsein zur Liebe werden? Bin ich noch Witwe oder wieder Single? Kann ich ohne meine verlorene Macht weiterleben? Wenn die Dinge sich verändern und alles offen ist, nagt in uns die Angst. Wir ertragen nicht, dass das Leben sich auch ohne uns ständig weiterentwickelt. Und klammern uns an das, was wir haben. "Aber einen Wandel kann man nicht krisenfrei haben", sagt der Psychologe und Autor Michael Mary. "Ein echter Wandel hat die Zerstörung der alten Identität zur Folge, und es geht darum, eine neue aufzubauen. In der Zeit dazwischen schwimmt man. Die Psyche hält an ihren Strukturen fest, so lange es geht, das ist ihre Aufgabe, so funktioniert sie. Die Psyche kann die ungeheuer komplexe Außen- und Innenwelt nicht im Blick haben, und dann ist man plötzlich überrascht und irritiert und muss lernen, ganz neue Erwartungen zu entwickeln."

Im Film sieht das so aus: Die Hauptdarstellerin wurde verlassen, muss nun ihr eigenes Brot verdienen, arbeitet als arme, aber hübsche Kellnerin in einem Diner und schaut durch das Fenster wehmütig einem Liebespaar nach. Wir nehmen jetzt mal an, dass die arme, aber hübsche Kellnerin sich ihr Leben immer anders vorgestellt hat. Mit wem sie in Löffelchenstellung einschlafen wollte, welches Haus sie besitzen wollte, wie viele Kinder und so weiter. Denn so sind wir gestrickt, wir Menschen des neuen Jahrtausends: Wir machen nicht mehr das Schicksal für alles verantwortlich, wir glauben, dass das Glück formbar ist. "Was aber letztlich scheitert, ist die Absicht zu bleiben, wer man zu sein glaubt", sagt Mary.

Ein Übergang kann uns unser wirkliches Selbst zeigen, wenn auch manchmal mit einem zermürbend offenen Blick. Aber die Unsicherheit, die ihn begleitet, bedeutet auch eine große Freiheit. Dieser Teil unseres Lebens, in dem wir uns nicht vornehmen, was morgen sein soll, nicht festlegen, wer oder was wir sein wollen, einfach nur sind. Leben im Jetzt. Das genau lehrt uns der Übergang. Und genau das ist es zum Beispiel auch, was eine Beziehung erfolgreich macht, sagt die Paartherapeutin Rosmarie Welter- Enderlin: Lieben und leben, als handele es sich um ein Provisorium. Wir haben zwar eine Vorstellung, wie sie sein soll, die Liebe, aber eine Beziehung geschieht, sie lebt, sie muss sich immer wieder ändern und neu anpassen. Nur dann hat sie eine Chance.

Auch wenn das Wort Übergang nach dem Material klingt, das man aus dem Film seines Lebens herausschneiden könnte - der Übergang, der leichte und der schwere, macht aus einer Geschichte erst eine, die uns wirklich in Atem hält.

Text: Beatrix Gerstberger BRIGITTE Heft 23/2006
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