Verzeihen: Kein Mensch ist ohne Schuld

"Verzeih mir": Wie wir lernen können, uns selbst und anderen zu vergeben. Lesen Sie einen Auszug aus dem aktuellen Dossier der BRIGITTE - plus Dossiertalk.

Kein Mensch ist ohne Schuld. Aber Schuldgefühle nützen niemandem, sagt die berühmte Traumaforscherin Prof. Dr. Luise Reddemann. Im Interview rät sie, toleranter mit sich umzugehen, und erklärt, wie wir üben können, uns selbst zu verzeihen.

Prof. Dr. Luise Reddemann, Jahrgang 1943, ist Fachärztin für psychotherapeutische Medizin und Psychoanalytikerin. Sie beschäftigt sich seit mehr als 20 Jahren mit Traumafolgestörungen.

"Verzeihen heißt zu akzeptieren, dass ich als Mensch Fehler mache"

BRIGITTE: Manchmal wird man schuldlos schuldig, etwa dann, wenn ein Kind aus dem Nichts auf die Fahrbahn rennt, man nicht mehr bremsen kann. Margit Vetter hat ihre Nichte totgefahren und wird seitdem ihres Lebens nicht mehr froh. Gibt es für Menschen wie Margit einen Ausweg aus der Verzweiflung?

Luise Reddemann: Das Problem ist gar nicht, ob man schuldig ist oder nicht. Denn mal angenommen, Margit wäre es, dann müsste sie die Schuld eben anerkennen. Einen Schlussstrich ziehen und dann wirklich versuchen, im Jetzt anzukommen, nach vorn zu schauen, ins Handeln zurückzukommen. Das Problem sind die Schuldgefühle. Margit hängt in der Vergangenheit fest, hält sich nicht für wert, ein gutes Leben zu führen, sucht nach Selbstbestrafung.

BRIGITTE: Warum fällt es uns so schwer, unsere Schuld abzustreifen?

Luise Reddemann: Verzeihen bedeutet letztendlich nichts anderes, als zu akzeptieren, dass ich als Mensch ein begrenztes Wesen bin und Fehler mache. Aus meiner Erfahrung ist es das, was uns Menschen am allerschwersten fällt, die eigene Ohnmacht zu akzeptieren. Da entscheiden sich viele lieber dafür, sich selbst zu beschuldigen, und suchen sich selbst ihre Strafe. Margit etwa verweigert sich eine Therapie, interpretiert die Migräne als Strafe. Es ist eine Art von Selbstheilungsversuch. Sie denkt, sich nicht schonen zu dürfen. So wie uns unser kultureller Hintergrund eben prägt: Strafe tilgt Schuld. Das ist aber falsch. Margit ist wahnsinnig streng mit sich selbst. Diese Gnadenlosigkeit, mit der sie mit sich selbst zu Gericht geht und riesige Anforderungen an sich stellt. Dieses tägliche Aufreißen der Wunde - das bringt sie nicht weiter. Wir wissen aus der Hirnforschung: Wenn sich jemand jeden Tag Vorwürfe macht, verselbständigt sich das irgendwann. Es fräst sich ein ins Gehirn. Und dann ist es sehr schwierig, sich das wieder abzugewöhnen.

BRIGITTE: Kann man diese Situation überhaupt aus sich selbst heraus überwinden?

Luise Reddemann: Margit bräuchte jemanden, der ihr hilft, ihr inneres Konzept in Frage zu stellen, die Vergangenheit loszulassen und in den inneren Archiven abzulegen. Vielleicht könnte das der Pfarrer sein? Zu der Schuldgefühl- Problematik kommt aber noch ein Trauma hinzu. Das dauernde Sich-damit- Auseinandersetzen, die Übererregung, die Sprachlosigkeit - all das sind Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung. Und wer darunter leidet, braucht dringend professionelle Unterstützung.

BRIGITTE: Der Tod eines Kindes ist sicher ein Extremfall. Aber auch wir sind in unserem Alltag oft in Schuld verstrickt. Was heißt überhaupt, sich selbst zu verzeihen?

Luise Reddemann: Zeihen heißt Zeigen, also auf die Schuld zeigen. Und Ver-Zeihen heißt, das Verschuldete nicht anzurechnen. Verzeihen ist also immer begleitet von einem Perspektivwechsel: weg vom Vergangenen, hin zum Gegenwärtigen. Ich muss den Blick wenden und die Hoffnung auf eine bessere Vergangenheit aufgeben.

BRIGITTE: Also Schwamm drüber, und alles ist gut?

Luise Reddemann: Nein. Das wäre Bagatellisieren. Ein echtes Verzeihen findet nur dann statt, wenn ich auch anerkenne, dass etwas schlimm ist. Wenn ich zum Beispiel jemanden betrogen habe, muss ich mir das erst einmal eingestehen und meine Motive dafür untersuchen. Der nächste Schritt ist, anzuerkennen, dass ich mich in der benen Situation nicht anders verhalten konnte. Das ist sicher der schwierigste Teil des Verzeihens. Denn wir wollen nicht loslassen davon, dass wir anders hätten handeln können. Es ist traurig, dass ich fähig war, mich so zu verhalten. Aber so bin ich eben.

BRIGITTE: Nur wenn ich meine Schwäche anerkenne, kann ich mir also selbst verzeihen?

Luise Reddemann: Richtig. Was dabei ganz wichtig ist: Ich bin mehr als das! Ich bin auch jemand, der liebevoll sein kann, gefühlvoll und so weiter. Es ist wichtig, sich als Ganzes zu sehen. Und: Sich-selbst-Verzeihen schließt immer das Versprechen ein, sich zu ändern. Erst wenn nach Wut und Trauer eine gewisse Ruhe eingekehrt ist, bin ich auch in der Lage zu verzeihen. Erst mir und dann dem anderen.

BRIGITTE: In dieser Reihenfolge?

Luise Reddemann: Ja. Meines Erachtens ist das Sich-selbst- Verzeihen die Voraussetzung dafür, dass man anderen verzeihen kann. Wenn man sich selbst nicht verzeihen kann, kann auch das Anderen-verzeihen-Wollen nicht wirklich echt sein. Und da wir ja alle ständig irgendwelche kleinen oder größeren Fehler machen, können wir mit uns selbst gut üben. Und wenn wir uns selbst gegenüber toleranter werden, dann sind wir das irgendwann auch gegenüber anderen.

BRIGITTE: Wenn ich mir selbst nachtragend bin, bin ich es auch mit anderen?

Luise Reddemann: Ja. Ich bekomme es vielleicht gerade noch mental hin, anderen zu verzeihen, scheitere aber an meinen Gefühlen. Wenn ich mich selbst als meinen Feind bekämpfe, wie soll ich dann wirklich einem anderen Menschen offen begegnen können und verzeihen? Das ist mit Sicherheit unecht.

BRIGITTE: Zwei Schwestern zerstreiten sich über das Erbe. Eine bekommt sehr viel mehr Geld. Vielleicht nicht ganz fair, aber gesetzmäßig. Jetzt fühlt sie sich schuldig. Soll sie sich da nun erst mal selbst verzeihen?

Luise Reddemann: Unbedingt. Und zwar nicht, indem sie es sich schönredet. Das ist eine falsche Form des Verzeihens. Also nicht: "Steht mir doch schon irgendwie zu, das Gesetz ist halt so. " Oder noch schlimmer, sich mit dem eigenen schlechten Charakter rauszureden: "Ich bin halt so", "Ich kann nicht anders". Das ist lieblos. So verzeiht sie sich nichts. Wenn man real Schuld auf sich lädt, ist es wichtig, sie sich einzugestehen. Sie kann ihre Schuld relativieren, Gründe dafür finden, sich selbst verstehen. Aber ihr muss klar sein: Es war unfair. Und dann ist es wichtig, dass sie nicht ewig weitermacht mit Schuldgefühlen, sondern etwas verändert, zur Schwester geht und sie um Verzeihung bittet.

BRIGITTE: Braucht man den anderen, um sich selbst verzeihen zu können?

Luise Reddemann: Das macht es sicherlich einfacher. Wenn ich meiner Tochter erst bei der Beerdigung von Onkel Karl beichte, dass das eigentlich ihr Vater war, dann kann ich mir selbst sicherlich leichter vergeben, wenn sie mir irgendwann die Hand reicht. Aber niemand kann die Tochter dazu zwingen. Ihr steht es frei zu sagen: Das verzeihe ich dir nie. Es gibt Menschen, die zwar einen Schlussstrich ziehen, aber nicht vergeben wollen. Häufig bei sexueller Gewalt. Da sagen manche: Um meiner Würde willen vergebe ich das nicht. Das muss ein Therapeut auch stehen lassen können. Alles andere ist eine Form der therapeutischen Gewalt.

BRIGITTE: Wenn man es schafft, anderen zu verzeihen, wirkt sich das auch positiv auf die eigene Gesundheit aus, der Blutdruck sinkt, Stress verringert sich. Gilt das auch für das Sich-selbst-Verzeihen?

Luise Reddemann: Klar. Wenn ich mir Selbstvorwürfe mache, Schuldgefühle habe, dann ist das innerer Stress. Und Stress schädigt meine Gesundheit. Sich selbst zu verzeihen heißt, mit sich selbst freundlich und tolerant umzugehen. Man sollte die eigenen Fehler nicht beschönigen, aber akzeptieren, dass man diese nicht rückgängig machen kann. Und sich sagen: Jetzt, für die Zukunft, können wir uns gegenseitig Gutes tun.

BRIGITTE: Helfen Rituale, Schuld loszuwerden?

Luise Reddemann: Ja, das hilft vielen. Ich versuche mit jeder Einzelnen zusammen herauszufinden, was das Richtige für sie ist.

BRIGITTE: Was könnte das zum Beispiel sein?

Luise Reddemann: Viele machen etwas mit Wasser. Manche konkret, die versenken dann einen Stein im See oder setzen ein kleines Boot ins Wasser, manche imaginieren es nur. Andere schreiben dem Opfer einen Brief, schreiben da alles hinein und verbrennen dann den Brief.

<frage name="BRIGITTE">Und dann ist es geschafft? </frage> <antwort name="Luise Reddemann">Verzeihen ist ein Prozess, ein Ringen. Das kann man nicht ein- für allemal abhaken. Ich bin immer dafür, Bilder zu finden. Gegen Ende frage ich gern, ob die Betroffenen sich vorstellen könnten, den Menschen, der sie selbst gestern waren, in den Arm zu nehmen. Also: Mein Ich von heute nimmt mein Ich von gestern in den Arm und sagt: Es war nicht schön, aber es ist okay. Du bist auch nur ein Mensch.</antwort>

BRIGITTE Heft 26/07 Interview: Georg Cadeggianini

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