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Psychologie Gewalttätige Eltern: Müssen wir wirklich alles verzeihen?

Verzeihen: Zwei Menschen halten einander an den Händen
© fizkes / Shutterstock
Ihrer beider Kindheit war von Gewalt geprägt. Doch nun sind die Eltern sanfter geworden, alt und gebrechlich. Man muss verzeihen können, sagt die eine Schwester. Die andere, unsere Autorin Ada Linnen*, fragt sich: Warum versteht sie nicht, dass ich das nicht kann?

Alle paar Jahre ist so weit: Meine Schwester und ich kriegen uns in die Haare. Es fällt ein Triggerwort, und aus dem Stand giften wir uns an, werfen uns uralte Kamellen vor, an die sich keiner mehr erinnern kann, und es wird bitter. Und anders als im Fernsehen, wo sich nach fünf Minuten alle wieder in den Armen liegen, herrscht bei uns Eiszeit. Schweigen und Beleidigtsein, manchmal gleich über Jahre bis zum nächsten Streit. Sehen wir uns auf Familienfeiern, spielen wir Theater, reden übers Wetter und setzen ein Blendaxlächeln auf. Das Eis ist dünn, wir bleiben lieber an der Oberfläche.

Es liegen Welten zwischen uns.

In Zeiten vorsichtiger Annäherung gibt es höchstens mal ein Kaffeetrinken. Dann wird gerade mal abgeklärt, wo die andere gerade steht im Leben, tiefe Gedanken und Gefühle bleiben unerwähnt. Jede meiner Freundinnen, eng oder lose, weiß mehr über mich als diese hübsche, humorbegabte Frau, die aus demselben Bauch geschlüpft ist wie ich. Dasselbe würde sie wohl auch behaupten. Man kann auch sagen: Wir sind uns in herzlicher Abneigung verbunden. Und obwohl uns nur ein gutes Jahr trennt, liegen inzwischen Welten zwischen uns.

Wir streiten, ganz banal gesagt, um unsere Kindheit. Und um unsere Erinnerung daran. Jede von uns weiß: Es gab Schläge und Demütigungen. Zielscheibe waren vor allem wir, die Schwestern, unser Bruder wuchs anders auf, er kam elf Jahre nach uns und war Mutterns Kronsohn. Wir Mädchen dagegen hatten Eltern, die selbst noch Kinder waren, deren Ehe mies lief, die selbst aus toxischen Familien stammten. Wann immer sie Stress hatten miteinander – ihr Mütchen kühlten sie an ihren Töchtern. Bis heute spielen sie uns gegen-einander aus, obwohl sie längst getrennt und wir Schwestern Anfang 50 sind. Wer sich den Ansprüchen der Eltern nach "brav" verhält, steht ganz oben in der Elterngunst, wer Kritik übt oder seinen eigenen Kopf hat, der wird abgestraft. So war es immer. Von Beginn an also waren meine Schwester und ich Rivalinnen um ihre Liebesgunst.

Jeder verarbeitete die Kindheit auf seine Weise

Wir haben es nicht geschafft, diese Gräben zuzuschütten. Sie sind über die Jahre nur gewachsen. Und der größte Zankapfel von allen, der voller Stacheln über uns hängt, ist eben unsere Kindheit, denn jede von uns hat diese Zeiten offensichtlich anders weggesteckt. Ich, die damals Große, mit der Verantwortung für zwei Geschwister und dem Haushalt nach der Schule, knabbere daran bis heute. Meine Schwester hat es burschikos verdrängt, zumindest wirkt es nach außen so. Ich erinnere mich an nur wenig Schönes, sie will nicht einmal über das Schlimme reden. Meine Schwester ist mit ihren Kindern oft bei unseren Eltern zu Besuch, ich habe mich von ihnen distanziert und halte nur noch einen sehr losen Kontakt. Es sei doch alles nun auch nicht so schlimm gewesen, sagt meine Schwester, ich würde übertreiben. Ich sage: Doch, das war es, jedenfalls für mich. Bis heute höre ich Mutterns Drohung: "Warte, bis dein Vater nach Hause kommt!" Dann setzte es Senge für den nicht geschafften Abwasch.

Ich freue mich für meine Schwester, dass sie das alles offenbar verdrängen konnte. Aber warum kann sie nicht einfach respektieren, dass das bei mir anders ist? Sie sagt: Man muss auch loslassen können. Ich sage: Nichts täte ich lieber. So geht es seit Jahren hin und her. Ich habe lange Therapie gemacht, meine Schwester schickt nur ihre Kinder oder Lebenspartner hin. Ich habe mir eigene Kinder nicht zugetraut, sie hat zwei bekommen. In Ansätzen weiß ich, wie schwer es für sie war. Woher soll man können, was man nie gelernt hat? Vorbilder für Güte, Geduld und Herzenswärme fielen bei uns aus. Die Großmutter war lieb zu uns, ihr flogen unsere Herzen zu, sie war der Rettungsanker für uns Kinder. Als Großeltern für meine Nichten und Neffen geben sich heute auch unsere Eltern große Mühe. Ich wünschte, wir selbst hätten damals nur einen Hauch davon gesehen, aber da war nichts.

Ich kann das nicht. Und will das nicht!

Doch nun werden Mutter und Vater gebrechlich, sie brauchen Unterstützung und Bespielung – und schlagen plötzlich sanfte Töne an. Jetzt verlangen sie nach ihren Kindern. Meine Schwester ist für sie da. Und ich, ich bin es nicht. Und dieser Punkt ist besonders heikel zwischen uns.

Mit meinem Vater komme ich inzwischen leidlich aus, an meine Mutter trau ich mich nicht ran. Zu tief die Wunden, die sie mir geschlagen hat. Dass wir überhaupt noch Kontakt haben, darf ich mir allein anrechnen. Sie hat mich, da war ich Anfang 30, aus ihrem Leben rausgeschmissen. Da hatte ich es das erste Mal gewagt, Kritik an ihr zu üben, es ging dabei um ihren Umgang mit ihrer eigenen Mutter, also meiner Großmutter. Das reichte ihr, um mit mir Schluss zu machen und mich totzuschweigen. Nach sieben Jahren war ich diejenige, die den Faden wieder aufnahm, doch weil es kein Gespräch gab über das Zerwürfnis und auch keine Entschuldigung von ihr, sitzt in mir die Angst fest. Dass sie wieder auf mich losgeht, beim kleinsten falschen Wort. Mein vierjähriges Ich steht vor ihr, nicht das einer gestandenen Frau.

Ich weiß, dass ich nicht allein bin mit solchen Ängsten. Da draußen gibt es viele so wie mich, manche sind schon 70, 80 Jahre alt. Sie fangen an zu weinen, wenn sie an ihre Kindheit denken, noch als Greise suchen sie die Anerkennung ihrer Eltern. Keiner verharrt absichtsvoll in dieser infantilen Furcht, es ist ein abgetragener Mantel, der sich nur schwer in die Altkleidersammlung geben lässt. Obwohl er genau dort hingehört.

Sich überwinden? Gar nicht so leicht

Ich könnte loslassen, würde ich den Mut aufbringen, mich meiner Mutter zu erklären. Wie es mir geht mit ihr, ohne Reue oder gar Verständnis ihrerseits zu erwarten. Ich aber bleibe auf Rückzug, weil ich mich schützen will. Und falle aus für Besuche und Betüdelung.

Was soll denn schon passieren, poltert meine Schwester genervt, was soll sie dir denn tun? Sie schreibt sich selbst die Rolle der Vermittlerin zwischen mir und meiner Mutter zu. Aber klingen Vermittler so aggressiv? Und hören sie sich immer nur eine Seite an? Mit unserer Mutter ist sie im steten Austausch über das Problem, mit mir aber redet sie nicht darüber. Und wenn, dann wird es ganz schnell vorwurfsvoll: Ich würde mich anstellen und nur an mich denken. Ich frage mich, ob ihr wirklich daran liegt, dass ich und meine Mutter ein besseres Verhältnis bekommen – oder ob sie nur sauer ist, weil ich mich als Kümmerin entziehe und sie meinen Anteil übernehmen muss. Steht das in Wahrheit über allem? Ist es vielleicht mehr Pflichterfüllung ihrerseits als tiefe Liebe und gnatzt sie mich deshalb an?

Ach, die Familie eben

In der Konstellation zwischen Geschwistern ist alles möglich: von Best Buddy bis zu Erbfeind, von Symbiose bis zu Mord. Familiendynamiken nicht zu vergessen, die es in sich haben: Bist du die Erstgeborene, Sandwichkind oder Nesthäkchen? Und jedes Kind hat andere Eltern – es gibt Lieblingskinder, schwarze Schafe, es gibt alles. Und das allermeiste passiert fernab aller guten Vorsätze ganz unbewusst. Angesichts dieser schier unlösbaren Komplexität wäre es mir am liebsten, meine Schwester und ich könnten einmal drüber lachen, über diesen unnötigen, verkorksten Wahnsinn. Gute Paarberater empfehlen das zerstrittenen Eheleuten: Mittendrin im immer ewig gleichen Knatsch einmal herauszutreten und von draußen draufschauen auf das Ganze. Und erkennen, wie viel Lächerliches auch daran ist, wie viel Festgefahrenes.

Nach all den Jahren würde ich meiner Schwester gerne sagen: Hey, das Leben ist zu kurz, auf unseren Sterbebetten werden wir es bestimmt bereuen. Es gibt doch auch Verbindendes, sehr Ähnliches zwischen uns, lass uns doch darauf konzentrieren. Lass uns nach all den Jahren das Verbindende in den Fokus stellen. Denn immerhin, es gibt da etwas, was jede für die andere sofort leisten würde: Hilfe in großer Not. Darunter fallen Krankheit, Scheidung, Geldprobleme. Und das ist doch schon mal ein Anfang.

* Die Autorin schreibt unter einem Pseudonym.

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