Verzeihen: Wie du in 4 Schritten Frieden findest

Aufrichtig zu verzeihen ist alles andere als leicht, besonders wenn man tief verletzt wurde. Warum es sich jedoch lohnt und wie es gelingt, liest du hier.

Verzeihen: Was ist das eigentlich?

Ob dein Partner dich betrügt, deine Schwester im entscheidenden Moment nicht für dich da ist oder du selbst eine falsche Entscheidung triffst, die du nie wieder gut machen kannst – wir alle erleben früher oder später Situationen und Dinge, die uns nachhaltig verletzen und belasten.

Trauriges Kind

Eine Möglichkeit, wie wir damit dann umgehen können, ist, Abstand zu suchen und die schmerzende Erinnerung möglichst tief in unserem Gedächtnis zu vergraben. Hat natürlich den Nachteil, dass sie jederzeit wieder hochkommen und die alte Wunde aufreißen kann. Außerdem haben nicht verarbeitete Erlebnisse – aka Traumata – den unschönen Nebeneffekt, dass sie uns meist unterbewusst beeinflussen, krank machen können und in gewisser Weise sogar kontrollieren.

Eine andere Möglichkeit, mit Verletzungen und Enttäuschungen umzugehen, ist verzeihen, d. h. Frieden schließen mit dem, was geschehen ist, und es mit all seinen Konsequenzen (Schmerz, Ende einer Beziehung etc.) akzeptieren. Das ist zwar in der Regel um einiges gesünder und befreiender als Plan A – allerdings manchmal auch etwas schwerer ...

Verzeihen: Wir sind dafür gemacht

Vor allem uns selbst oder uns sehr nahestehenden Personen zu verzeihen, nachdem wir bzw. sie uns enttäuscht haben, ist oft schwer. Denn je enger die Beziehung, umso stärker die Gefühle und umso schmerzhafter die Verletzung. Wie eine Studie der Yale University jedoch nahelegt, sind Menschen grundsätzlich darauf ausgelegt, zumindest anderen Leuten zu verzeihen. Der Wunsch, mit etwas Frieden zu schließen und einer Person zu vergeben, liege uns demnach in der Natur.

In ihrer Studie ließen die Forscher 1.500 Probanden folgendes Szenario beobachten: Versuchspersonen mussten sich entscheiden, ob sie jemand anderem für Geld einen Elektroschock zufügen oder auf die Kohle verzichten und dem anderen den Schmerz ersparen. Hinterher sollten die Probanden das beobachtete Verhalten beurteilen, was den meisten sehr leicht fiel: Diejenigen, die das Geld zum Wohle einer anderen Person ausschlugen, wurden als "gute Menschen" wahrgenommen, die anderen eher als "böse Menschen". Sahen die Beobachter einen "bösen" Versuchsteilnehmer hinterher jedoch bei einer guten Tat – z. B. wie er eine großzügige Entscheidung traf – änderten sie ihre Meinung und beurteilten ihn nicht mehr als böse. Nur eine gute Tat machte die böse wieder wett und genügte den Zeugen, einem Fremden zu verzeihen

Ein Experiment mit ähnlichem Versuchsaufbau, aber anderer Ausrichtung, legt außerdem nahe, dass wir eine ganz konkrete Motivation haben zu verzeihen: Vergebung mindert unseren Schmerz. Bei diesem Experiment wurden ebenfalls Probanden von anderen Versuchsteilnehmern Elektroschocks zugefügt, doch hinterher wurden die Opfer befragt. Mal erzählte man ihnen, der Täter habe sie wissentlich und absichtlich geschockt, mal hieß es, der Schock sei unabsichtlich ausgelöst worden. Das überraschende Ergebnis: Hielten die Opfer den Elektroschock für ein Versehen, bewerteten sie ihn tendenziell als weniger schmerzhaft als den vermeintlich böswilligen Impuls, obwohl in Wahrheit beide die gleiche Intensität hatten.

Die Forscher schließen daraus: Unterstellen wir einer Person keine böse Absicht, d. h. sprechen sie schuldfrei und verzeihen ihr, tun uns Verletzungen weniger weh, die sie uns zugefügt hat

Verzeihen: Die 4 Phasen der Vergebung

Doch unsere grundlegende Fähigkeit bzw. Neigung, anderen oder uns selbst zu verzeihen, ändert nichts an der Tatsache, dass Vergebung besonders großer Enttäuschungen oder Vertrauensbrüche sehr schwer fällt.

Der US-amerikanische Psychologe und Gründer des "International Forgiveness Institute" Robert Enright hat ein Modell entwickelt, das uns dabei helfen soll zu verzeihen und inneren Frieden zu finden. Es besteht aus insgesamt 20 Schritten, die sich in folgende vier Phasen gliedern lassen.

1. Bewusstes Durchleben: Den eigenen Schmerz verstehen

In der ersten Phase geht es darum, der Verletzung nachzuspüren und die eigenen Gefühle verstehen zu lernen. 

  • Hast du dich mit deinem Schmerz auseinandergesetzt oder versucht ihn zu ignorieren?
  • Belastet dich deine Wut?
  • Kreisen deine Gedanken ständig um die Verletzung oder die Person, die sie dir zugefügt hat?
  • Hat das Erlebte dein Leben, deine Weltsicht und Einstellung gegenüber anderen grundlegend verändert?

2. Entscheidung zu verzeihen: Den Weg der Vergebung wählen

In der zweiten Phase müssen wir vor allem zu der inneren Überzeugung finden, dass Vergebung der richtige Weg für uns ist. Dafür ist nötig, dass wir ...

  • erkennen, dass unser bisheriger Umgang mit unserem Schmerz nicht funktioniert hat.
  • bereit sind, den Vergebungsprozess zu beginnen.
  • den Entschluss treffen zu verzeihen.

3. Verständnis für den Täter: An der Vergebung arbeiten

Phase drei ist für viele besonders schwer: Nun geht es ums Verzeihen an sich, d. h. darum, Verständnis für den Täter zu finden und so den eigenen Groll und Ärger zu überwinden. In dieser Phase sind die wichtigsten Schritte:

  • den Täter verstehen
  • sich in den Täter hineinversetzen
  • den Schmerz akzeptieren
  • dem Täter etwas schenken (das kann auch etwas Immaterielles sein – z. B. kannst du ihm im Geiste etwas Gutes wünschen oder einfach freundlich zu ihm sein)

4. Loslassen und Befreiung: Das Unrecht akzeptieren

In der letzten Phase kommt es darauf an, mit dem Erlebten Frieden zu schließen und loszulassen. Wichtig: Das heißt nicht, dass wir vergessen, was passiert ist oder es okay finden. Wenn uns jemand so schwer verletzt hat, dass wir ihm keine weitere Chance geben können, müssen wir das nicht, um ihm zu verzeihen. Es geht lediglich darum, unsere Wut auf ihn zu überwinden und z. B. Rachegedanken oder böse Wünsche loszuwerden. Bestandteile von Phase vier sind laut Enright:

  • Das eigene Bedürfnis nach Vergebung erkennen.
  • Verstehen, dass du nicht allein bist.
  • Dich auf deine Lebensziele und Wünsche besinnen.
  • In der Vergebung Frieden finden. 

Manchmal kann eine Beziehung durch Vergebung gerettet und sogar gestärkt werden, doch das sollte niemals im Vordergrund stehen. In erster Linie geht es beim Verzeihen darum, uns selbst zu retten und zu stärken. Und deshalb lohnt es sich immer, einem anderen Menschen zu verzeihen.

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