Ich war das Familiengeheimnis meines Vaters

Erst wurde sie von ihrem Vater verschämt verheimlicht, später demonstrativ vorgezeigt. Unsere Autorin* beschreibt, wie es sich anfühlt, selbst ein Familiengeheimnis zu sein.

Ich war zwölf und es war ein schöner Herbsttag. Wir hatten einen unserer seltenen gemeinsamen Ausflüge gemacht: mein Vater, seine Frau, ihre beiden Kinder und ich. Mit meiner Mutter hatte ihn vor seiner Ehe eine kurze Affäre verbunden, mit langfristigen Konsequenzen: meiner Geburt. Im Biergarten eines Klosters begegneten wir einer älteren Dame, die offensichtlich alle kannten - außer mir. Sie strahlte meinen Halbgeschwistern entgegen und entdeckte dann mich: "Wie schön, dass ich euch hier treffe, habt ihr noch eine Freundin mitgebracht?" Das folgende Schweigen ließ die Luft zäh werden. Bis mein Vater mit großer Geste auf uns Kinder deutete und erklärte: "Ja, weißt du, das ist meine Julia, das ist mein Bastian, und das...", er legte eine Hand auf meine Schulter, "das ist meine Jenny."

Jede Familie hat doch ihre Geheimnisse

Darauf muss man erst mal kommen: Nicht lügen und trotzdem maximal weit von der Wahrheit entfernt sein. Jetzt blickten erst recht alle peinlich berührt zu Boden. „Basti, das versteh ich nicht, erklärst du mir das?“, versuchte es die Frau noch einmal bei meinem Halbbruder. Der Vierjährige zuckte hilflos mit den Schultern, die Verabschiedung war kurz und gedämpft, das Lachen meines Vaters angestrengt. Alles, weil er nicht gewagt hatte, den simplen Satz zu sagen: Das ist meine älteste Tochter. Ich war das Familiengeheimnis.

Einen späten Trost gibt es: Ich bin mit diesem "Stigma" nicht allein. Fast jede Familie hat ihre eigenen Leichen im Keller. Manche sind den Beteiligten sehr bewusst, andere werden eher passiv als aktiv verdrängt: So war es zum Beispiel noch vor einer Generation üblich, Adoptivkindern ihre wahre Herkunft zu verschweigen, um sie nicht zusätzlich zu belasten. Heute weiß man: Mit einer frühen Erfahrung von Schmerz und Verlust lässt es sich besser leben, wenn man sie aufarbeiten und darüber sprechen kann, als wenn sie nur im eigenen Unterbewusstsein spukt.

Bei meiner Mutter war ich kein Geheimnis, im Gegenteil. Sie liebte mich, ich hatte ihre ungeteilte Aufmerksamkeit, wir führten ein gutes Leben zu zweit mit allem, was dazugehörte: Reiterferien, Klavierunterricht, Schulaufführungen. Nur den Vater, den konnte sie mir nicht ersetzen. Er gab sich durchaus Mühe, mir gerecht zu werden, schrieb Geburtstagskarten, rief auch an. Aber es gab keinen gemeinsamen Alltag, nicht mal eine gemeinsame Campingwoche, die er immer wieder mal versprach und die immer wieder ganz ans Ende seiner Familienpläne rutschte, wo sie dann auch blieb.

Ich war niemand, über den man sprach

Auf seine hemdsärmlige Art war er liebevoll und gleichzeitig etwas geistesabwesend. Da immerhin machte er keinen Unterschied zwischen mir und den Jüngeren, so selten meine Besuche auch waren. Aber was ich bei meinen etwas verkrampften Wochenenden bei ihm zu Hause deutlich spürte: Ich war niemand, über den man außerhalb eines engen Kreises sprach. Auch die Kinder hielten sich daran, dazu brauchte es nicht viel: Kein aktives Verbot, sicherlich kein "Erzählt bloß nichts von eurer älteren Halbschwester". Kinder sind wie Schwämme, sie saugen von selbst auf, was ihren Eltern unangenehm ist. Dass ich nicht zu den Geburtstagen meines Vaters eingeladen wurde, verstand sich ohnehin von selbst, schon wegen der Familie seiner Frau. Die hatten ihm anfänglich nicht recht über den Weg getraut, diesem Hallodri. Da wollte man keine schlafenden Hunde wecken.

Wie es in ihm wirklich aussah - ob er Schuldgefühle hatte, ob er sich manchmal wünschte, es gäbe mich nicht –, das weiß ich nicht. Ob er sich geschämt hat, dass er damals als junger Mann von Mitte 20 eine Zeit lang heimlich zweigleisig fuhr, mit meiner Mutter und seiner späteren Frau? Ob er versucht hat, alle Beteiligten zu schonen, als meine Mutter schwanger wurde, auch sich selbst? Ohne zu merken, dass er es mit Halbwahrheiten in alle Richtungen nur schlimmer machte? Es gibt dazu ein interessantes Experiment des amerikanischen Psychologen Michael Slepian von der Columbia University: Er und seine Kollegen forderten Probanden auf, sich an ein wichtiges persönliches Geheimnis zu erinnern, und ließen sie danach das Gefälle eines Hügels einschätzen. Der Zusammenhang war erstaunlich: Je größer das Geheimnis war und je mehr die Teilnehmer darunter litten, desto steiler schätzten sie den Hügel ein. Ein Leben unter ständiger Extra-Belastung. Vermutlich hielt mein Vater den Schwarzwald für den Himalaja.

Lässt sich die Zeit überhaupt noch nachholen?

Zwölf weitere Jahre nach dem Tag in der Klosterbrauerei, ich studierte jetzt per Zufall in der Nähe seines Wohnortes, klingelte mein Telefon. Mein Vater meldete sich mit fast tonloser Stimme. Seine Frau war gestorben, viel zu jung. Aber in all dem Schmerz war etwas, an dem er sich festhielt: "Wir zwei, wir werden jetzt alles nachholen." Ich war entsetzt von der Todesnachricht - arme Julia, armer Bastian, beide noch keine 20! Aber auch ein bisschen von seinen Worten, die für mich fast nach einer Drohung klangen. Wie sollte das denn gehen: nach all den Jahren ein kümmerliches Pflänzchen aufpäppeln, das irgendwo entlang des Weges vertrocknet war?

Mein Vater hatte klare Vorstellungen von unserem gemeinsamen Outing. Schon zwei Wochen später spazierte er mit mir durch seinen Wohnort und stellte mich jedem noch so entfernten Bekannten an jeder Straßenecke vor: "Das ist Jenny, meine Tochter aus einer früheren Beziehung." Nun war ich es, die vor Peinlichkeit hätte im Boden versinken können. Diese fragenden Blicke in meine, diese launigen Kommentare in seine Richtung: "Du hast’s ja faustdick hinter den Ohren gehabt!" Als wäre ich eine heimliche Geliebte, die schließlich offiziell gemacht wird. Vielleicht war mir auch unangenehm, dass ich meine eigene Vorstellung von ihm hinterfragen musste.

Studie: Ein Pärchen am Grill-Tisch krault eine französische Bulldogge

Es ist nie ganz einfach, wenn plötzlich ein neues Puzzleteil zum Bild der eigenen Eltern hinzugefügt wird, ob zum Guten oder zum Schlechten. Da muss man sich nur die deutsche Geschichte anschauen: Es erschüttert die eigene Wahrnehmung, wenn man erfährt, dass der liebe Vati ein Naziverbrecher war. Oder ein hochrangiger Stasioffizier. Diese Widersprüche nebeneinander bestehen zu lassen, erfordert viel psychisches Gleichgewicht. Meine Erfahrung war die umgekehrte: Ich hatte mich ganz bequem in meinem Groll eingerichtet, nun breitete mein Gegenüber die Arme aus.

Und am Ende wird alles gut ...

Damals, mit Anfang 20, konnte ich dennoch nicht viel anfangen mit seinem Wunsch nach Heilung. Ich wollte nicht plötzlich Teil dieses Lebens sein, auf Gartenfesten herumsitzen, mich von Nachbarn auf Familienähnlichkeiten absuchen lassen. Oder gar zu ihm ziehen, um ihm auch noch das Geld für mein WG-Zimmer zu ersparen. Ich zeigte ihm meistens die kalte Schulter, und so flaute unser Kontakt wieder ab. Erst sehr viel später habe ich verstanden, dass sich mein kindliches Grundgefühl nicht so einfach abschalten ließ, jedenfalls in Bezug auf Männer. Ich steh auf jeden, der nicht zu mir steht: Nach dieser Maxime habe ich jahrelang meine Beziehungen geführt. Einmal hat ein Mann mir nach ein paar Monaten des hoffnungsvollen Anfangs eröffnet, er schlafe seit einiger Zeit noch mit einer anderen Frau, die solle aber besser nichts von mir wissen. "Aber du bist doch stark und unkonventionell, du kannst doch damit umgehen." Wieder geheim gehalten, wieder zurück in die zweite Reihe gestellt. Ich habe nicht mal geschafft, ihn zu verlassen, die Prägung war zu tief. Das musste er übernehmen.

Dass meine Geschichte trotzdem ein Happy End hat, das liegt vor allem an zwei Menschen: Julia und Bastian. Denn die hatten schon vor dem Tod ihrer Mutter, vor allem aber danach überhaupt keine Lust mehr auf Versteckspielchen. Besuchten mich in meiner Studentenbude, luden mich ein, machten mich zur Taufpatin ihrer Kinder. Und als unser Vater vor einiger Zeit starb, standen wir gemeinsam an seinem Grab. Unser Verhältnis ist nicht so vertraut wie das anderer Geschwister, aber das muss es auch nicht. Hauptsache, es hat nichts Verdruckstes, Verschämtes. Irgendwann haben wir dann auch stillschweigend die Vorsilbe unserer Verwandtschaftsbeziehung weggelassen, alle drei. Ich habe einen Bruder und eine Schwester. Das ist ein spätes Geschenk.

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BRIGITTE 14/2019
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