Von der Kommune bis zum Kuhstall: Orte der Geborgenheit

Manchmal ist die Welt da draußen ganz schön ungemütlich, dann haben wir das Bedürfnis nach Nähe und Geborgenheit. Fünf Frauen erzählen, welche Orte ihnen Halt geben.

Die Mütter-WG

Ein Zuhause mit eingebautem Kummerkasten: Julia Jell, 34, und ihre Freundin Kerstin leben in einer Alleinerziehenden-WG

Mehr Zeit für mich: Frau sitzt im Stuhl und liest ein Buch

Ich hätte nie gedacht, dass es so knallhart ist, alleinerziehend zu sein. Das Glück anderer Mütter, die mit dem Vater ihres Kindes noch zusammen sind, kann ich oft nur schwer ertragen. Auch meine Mitbewohnerin Kerstin ist mit ihrer Tochter allein und kennt all die Gefühle, die mich manchmal überkommen, auch die Wut. Es hilft sehr, dass Kerstin und ich uns abends am Küchentisch miteinander austauschen können. Wann immer es geht, unterstützen wir uns - durch gegenseitiges Babysitten, aber vor allem eben in emotionalen Dingen. Diese Unterstützung habe ich dringend gebraucht: Nachdem Janno auf die Welt gekommen war, hatte ich ja überhaupt keine Ahnung, wie ich mit meinem Exfreund, Jannos Vater, umgehen soll.

Kerstin und ich kennen uns seit über zehn Jahren. Damals haben wir in einer größeren WG auf dem Land gewohnt. Kerstin ist dann irgendwann ausgezogen, ich war eine Zeit lang in Ecuador, und vor vier Jahren sind wir in München wieder zusammengezogen. An Kinder hat damals noch keine von uns beiden konkret gedacht. Aber natürlich ist jede davon ausgegangen, eines Tages eine Familie zu gründen. Doch leider ist es anders gekommen. Ich bin heilfroh, dass wir uns entschieden haben, auch als Mütter weiter zusammenzuwohnen. Ich war bei der Geburt von Kerstins Tochter dabei, Kerstin ein Jahr später bei der Geburt meines Sohnes. Janno und Tula wachsen wie Geschwister auf. Noch schläft Janno, der inzwischen ein Jahr alt ist, bei mir im Schlafzimmer, aber bald zieht er zu Tula ins Kinderzimmer.

In Sachen Erziehung haben Kerstin und ich zum Glück ähnliche Ansichten, trotzdem ist es nicht so, dass wir ständig alles zu viert machen: Jede von uns führt ihr eigenes Leben, kauft für sich ein, erledigt die eigene Wäsche, und wie in jeder WG gibt es auch mal Streit - zum Beispiel, wenn es ums Aufräumen geht und wir beide fertig und geschafft sind. Aber es gibt auch viele tolle Momente: Heute Morgen ist Tula rüber zu mir ins Bett gekommen und hat mit Janno gekuschelt. Ich träume immer noch von einer heilen Familie. Aber ich bin auch wahnsinnig dankbar, dass Kerstin und ich einander haben.

Protokoll: Eva Lehnen

Der Kuhstall

Seit über dreißig Jahren verkauft Agatha Eham, 76, frische Milch direkt vom Hof. Im Preis inbegriffen sind Neuigkeiten, Trost und liebe Worte

Heute hat es wieder länger gedauert. Meine Familie saß schon beim Abendessen, und ich war immer noch in der Milchkammer neben dem Stall mit den 14 Kühen und redete mit Frau Lampl über ihre Knieprobleme. Sie kommt drei- bis viermal pro Woche, holt einen halben Liter Milch und bleibt dann noch ein Weilchen, um sich zu unterhalten. Ich kenne sie schon lange - wie eigentlich alle meine Kunden. Seit über 30 Jahren stehe ich jeden Abend zwischen 17 und 18 Uhr neben dem großen Milchtank und schenke frische Milch an eine Handvoll Leute aus: eine Aufgabe, die ich von meiner Mutter übernommen habe.

Für viele ist die Milch gar nicht so wichtig, sie kommen vor allem, um zu plaudern. Besonders die älteren Kunden genießen es, mit mir über die neuesten Geschehnisse in der Umgebung zu reden. Mir geht es nicht anders. Ich komme nicht mehr viel in der Welt herum und freue mich über Neuigkeiten. Einige, die ihre Milch bei mir holen, kannte ich schon, als sie klein waren. Damals rannten sie durch den Stall und streichelten die Kälbchen. Mittlerweile sind sie erwachsen, leben in München, aber wenn sie hier sind, holen sie ihre Milch noch immer bei mir - und erfahren gleichzeitig, was im Dorf so passiert. Die Leute schätzen es, dass ich immer Zeit für sie habe. Ich spüre auch, wenn es ihnen nicht gutgeht. Wir unterhalten uns dann ein bisschen, eine Frau erzählt mir von den Sorgen um ihren kranken Bruder, eine andere von der letzten Kaffeefahrt. Und wenn sie wieder gehen, habe ich das Gefühl, es geht ihnen besser. Bleibt einer meiner Kunden aus, merke ich das sofort. Aber ich bin niemandem böse, der seine Milch im Supermarkt kauft. Steht er nach ein paar Monaten doch wieder vor meinem Milchtrog, sage ich nur: "Wo warst du denn immer? Du hast mir gefehlt", und wir lachen zusammen.

Protokoll: Maria Holzmüller

Der Glaube

Morgen? Wurscht! Gestern? War da was? Elke Schupp ist 79 und hat vor vier Jahren die Gegenwart für sich entdeckt

Vor vier Jahren hat mich eine Freundin gefragt, ob ich mit ihr nach Tibet fahren möchte. Ich habe damals spontan Ja gesagt. Einige Wochen später standen wir im Himalaya, auf dem Dach der Welt, erlebten die Weite dort, die Einsamkeit und Stille. Wir begegneten all diesen liebenswürdigen und mutigen Menschen, die völlig eingebettet in ihren Glauben leben. Es heißt: Wer nach Tibet reist, bringt immer etwas mit zurück. Mir hat die Reise das Tor zum buddhistischen Glauben geöffnet. Zu Hause habe ich angefangen, mich weiter mit dieser uralten Lehre zu befassen. Dabei ist es nicht so, dass ich vorher im Leben das Gefühl gehabt hätte, mir würde etwas fehlen, aber plötzlich lag da diese neue Welt vor mir.

Ich lese viele Bücher, besuche regelmäßig das Tibetische Zentrum, morgens meditiere ich. Dass ich Buddhistin bin, heißt nicht, dass ich mich vom Christentum losgesagt habe. Das ginge gar nicht - im Christentum liegen meine Wurzeln. Der Buddhismus ist für mich ein Zugewinn, er hat ganz neue Gefühle in mir geweckt. Es ist schwer zu beschreiben, aber je mehr ich vom Buddhismus verstehe, desto weiter fühle ich mich innerlich. Ich bin nicht mehr zornig, stochere nicht mehr in der Vergangenheit. Ob der Buddhismus meine Einstellung zum Tod geändert hat? Nein. Der Umgang mit dem Tod hat mir die Furcht schon lange genommen: Ich habe meine Eltern begleitet, als sie starben, meine Schwiegermutter, meinen Mann und auch meine Freundin, mit der ich damals in Tibet war. Im Buddhismus geht man davon aus, dass Tote wiedergeboren werden. Ich persönlich habe keine Antwort auf das, was nach dem Tod kommt. Ich lasse mich überraschen. Viel wichtiger ist mir das Hier und Jetzt, auf das in der buddhistischen Lehre so ein großer Wert gelegt wird. Fest in der Gegenwart verankert zu sein, sich nicht im Gestern zu verstricken oder um das zu sorgen, was morgen kommt, ist keine leichte Übung, aber je mehr mir das gelingt, desto ruhiger werde ich.

Protokoll: Eva Lehnen

Die Kommune

Alles landet in einem Topf: Geld, Gedanken und gutes Essen. Das reicht für fünf Erwachsene, fünf Kinder und die Flüchtlinge, die die christliche Gemeinschaft "Brot & Rosen" in ihrem Zuhause aufnimmt

Heute hat Andre gekocht. Es gibt Gemüsesuppe mit Ofenkartoffeln, dazu Salat und Brot. Andre stammt aus Togo in Westafrika, aber davon merkt man dem Essen nichts an. "Eigentlich kann ich überhaupt nicht kochen", sagt er. Er tut es trotzdem, jeder ist mal dran, und heute ist sein Tag. Andre ist ein Flüchtling. Im "Haus der Gastfreundschaft" der Hamburger Gemeinschaft "Brot & Rosen" fand er einen Ort, wo er nach allem, was er erlebt hat, zur Ruhe kommt, wo er Sicherheit findet und Menschen, die zuhören.

"Brot & Rosen" ist kein Wohnheim für Flüchtlinge, sondern eine Lebensgemeinschaft, die obdachlosen Flüchtlingen ein Heim bietet. Für eine Nacht oder mehrere Jahre - so lange, bis sich ihre Situation geklärt hat. Vor 13 Jahren begann dieser Versuch eines Lebensmodells, das gesellschaftliche Grenzen überschreiten soll. "Unsere Grundidee war es, Gemeinschaft, christlichen Glauben, politische Arbeit und Spaß zu vermischen", sagt Gründungsmitglied Dietrich Gerstner, 44. Seine Frau Uta, 44, ergänzt: "Wir wollten unsere Fähigkeiten sinnvoll in die Gesellschaft einbringen."

Jedes der fünf "Brot & Rosen"-Mitglieder gibt einen Teil seines Einkommens in einen gemeinsamen Topf. Davon werden die Lebenshaltungskosten bezahlt. Viel Geld ist es nicht, denn um sich politisch engagieren zu können, mit Mahnwachen vor dem Ausländeramt, Demos, im Flüchtlingscafé und im eigenen Haus mit Gästen aus aller Welt, haben alle maximal Halbtagsjobs. Die meisten arbeiten knapp über der 400-Euro-Lohngrenze - gerade genug, um in Krankenversicherung und Rentenkasse zu rutschen. Der Verdienst reicht aber nicht, um alle zu versorgen: fünf Erwachsene, ihre fünf Kinder, drei freiwillige Helfer und eine Handvoll Flüchtlinge. Deshalb ist "Brot & Rosen" auf Spenden angewiesen. Auf Geld, Kleidung und Lebensmittel.

An Essen mangelt es nicht. Lecker sieht es aus und frisch - dabei wurde alles, was hier gegessen wird, vorher von anderen als nicht mehr gut genug entsorgt. Ein paar Plätze am Tisch bleiben heute leer, selten sind alle Hausbewohner zum Mittagessen da. Niemand ist verpflichtet, Gruppenzwang gibt es nicht. "Es ist wunderschön, dass immer jemand da ist, wenn man heimkommt, aber manchmal ist man auch froh, die Zimmertür hinter sich zumachen zu können", sagt Ilona Gaus, 51. "Man bekommt hier mehr Geborgenheit, als man braucht", wirft Birke Kleinwächter, 46, ein, und alle am Tisch lachen.

Sie lachen, weil jeder von ihnen dieses Gefühl kennt, aber auch, weil sie wissen, dass ihre Gemeinschaft die Stärke hat, individuellen Bedürfnissen genug Raum zu geben. "Ich werde hier von sehr vielen Leuten nett gefunden", sagt Birke, "auch an Tagen, an denen ich vielleicht gar nicht so nett bin. Ich komme heim und bin willkommen und versorgt." Es ist nicht nur die Freundschaft, die "Brot & Rosen" so stark macht, es ist auch die Tatsache, dass alle spirituell und politisch an einem Strang ziehen. "Unser Lebensstil ist eine 24-stündige Mischung aus Beruflichem und Privatem, dadurch leben wir ein ganzheitliches Leben, und das ist sehr befriedigend", sagt Elisabeth Büngener, 41. "Ich fühle mich stimmig", meint auch Dietrich Gerstner, "geborgen in einem Lebenskonzept, das zu mir passt." Seine Frau Uta nickt: "Geborgenheit hat für mich ganz viel mit Identität zu tun. Und ich bin mit dem, wie ich mich definiere, was ich kann und was ich möchte, am richtigen Ort."

Protokoll: Stefanie Hellge

Die Heimat

Schauspielerin Mira Bartuschek, 31, könnte in Berlin oder Zürich leben. Sie hat sich für einen kleinen Ort bei Duisburg entschieden

Mit 19 hätte ich mir nie vorstellen können, in die Nähe des Ortes zurückzuziehen, an dem ich aufgewachsen bin. Damals ist mir hier alles unglaublich spießig vorgekommen, ich war froh, endlich verschwinden zu können. Heute bin ich froh, wieder hier zu sein. Ich mag die Gegend und die offenen, herzlichen Menschen - und merke erst jetzt, wie sehr ich sie vermisst habe. In den vergangenen 15 Jahren bin ich zehnmal umgezogen, habe in Zürich, München, Berlin, Köln und Hamburg gewohnt. Irgendwann wurde die Sehnsucht nach einem Rückzugsort immer stärker. Außerdem wollte ich meinem fünfjährigen Sohn Anton endlich ein richtiges Zuhause geben. Er sollte in der Natur und mit Tieren aufwachsen, nicht ständig umziehen müssen. Natürlich haben mich ein paar Freundinnen für verrückt erklärt, als ich ihnen von dem Plan erzählte. Aber ich habe mich nicht beirren lassen.

Anfang März haben mein Freund und ich unsere Sachen gepackt und sind mit Anton hierher gezogen - in ein Einfamilienhaus mit Garten in der Nähe von Duisburg. Gleich in den ersten Wochen habe ich das Blumenbeet bepflanzt, darauf hatte ich mich die ganze Zeit am meisten gefreut. Und wir haben viele schöne Möbel gekauft: einen alten großen Esstisch und einen Ohrensessel zum Beispiel. Ich glaube, Heimat ist da, wo die Menschen sind, die man liebt, und die Gegend, die man kennt. Beides ist hier der Fall. Meine Eltern wohnen in der Nähe, ich kann sie jederzeit besuchen. Sie kümmern sich um Anton, wenn ich gerade drehe. Und ich kümmere mich um sie, wenn es ihnen mal nicht gutgeht. Die Landschaft hier ist eigentlich nicht besonders aufregend, das Land ist flach, es gibt viele Felder und Wälder. Aber die Gerüche und Geräusche sind mir so vertraut. Als ich letztens auf der Terrasse saß und die Tauben gurren hörte, erinnerte mich das sofort an den Garten meiner Eltern, und ich habe mich unglaublich zu Hause gefühlt, auch wenn wir hier erst seit Kurzem wohnen.

Protokoll: Katrin Schmiedekampf

Und welche Orte geben Ihnen Geborgenheit? Schicken Sie uns Ihre Fotos!

Fotos: Stefanie Fuessenich, Monika Höfler, Patrick Ohligschläger, Enyer Hirsch, Dominik Asbach Ein Artikel aus der BRIGITTE 14/09
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