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Wahrnehmungsfehler So täuschen wir uns selbst!

Wahrnehmungsfehler: Frau sitzt vorm Laptop und grübelt.
© Olena Yakobchuk / Shutterstock
Können wir wirklich objektiv sein? Wissenschaftler bezweifeln das, da dem menschlichen Gehirn Wahrnehmungsfehler unterlaufen. Lies hier, was das bedeutet.

Wahrnehmungsfehler: Warum es keine objektive Wahrnehmung gibt

Sie begegnen dir beim Dating, im Job und auch in der Verwandtschaft: die sogenannten Wahrnehmungsfehler. Die Wahrnehmungsfehler, auch Beurteilungsfehler genannt, sind ein Forschungsfeld in der Psychologie, welches unser Einschätzungsvermögen untersucht. Die meisten von uns würden wahrscheinlich behaupten, dass wir in unseren Einschätzungen und Urteilen recht objektiv bleiben können. Tatsächlich sind wir unterbewusst ganz schön beeinflussbar und nehmen unser Umfeld häufig eben nicht ganz so sachlich und unvoreingenommen wahr, wie wir es vermuten. 

Weil unser Gehirn täglich mit vielen verschiedenen Wahrnehmungen und Information umgehen muss, gibt es eine Art Filterfunktion für Eindrücke. Und genau deshalb ist das, was wir wahrnehmen, niemals ein nüchternes Bild der Situation, sondern auch immer eine Interpretation des Geschehens. Und das kann manchmal zu Fehlentscheidungen führen.

Um zu verdeutlichen, was Wahrnehmungsfehler für dich im Alltag bedeutet, sollten wir uns ein paar typische Fehler ansehen, die Psychologen entdeckt haben. Los geht's!

1. Der Halo-Effekt

Stell dir vor, du lernst beim Dating einen Chirurgen kennen, der Leben retten kann. Später erfährst du über ihn aber auch noch ganz andere Sachen, die nicht so positiv sind: zum Beispiel, dass er seine letzte Freundin betrogen hat und schon eine Vorstrafe besitzt. Weil der Lebensretter-Aspekt aber so viel Eindruck hinterlässt, wird das Kennenlernen fortgesetzt. 

Hier schlägt der "Halo-Effekt" zu. Er ist einer der bekanntesten Beurteilungsfehler in der Forschung. "Halo" bedeutet auf Deutsch "Heiligenschein". Es geht also darum, dass wir uns von Menschen einnehmen lassen, die eine extrem positive, herausragende Eigenschaft mitbringen, die alles Negative überschattet. Durch den "Halo-Effekt" sind wir bei Beurteilungen von Personen nicht ganz objektiv – das kann natürlich zu Problemen führen.

2. Der Primär-Effekt

Es gibt keine zweite Chance für den ersten Eindruck! Tatsächlich bestätigt die Wissenschaft diesen Spruch durch den "Primär-Effekt", der auch unter dem Namen Primacy-Effekt bekannt ist. Dieser besagt, dass wir die erste Wahrnehmungüber eine Person meistens beibehalten. Wenn ein Bewerber zu spät zum Vorstellungstermin kommt, tendiert der Chef also dazu, ihm auch noch Wochen nach der Anstellung Unpünktlichkeit zuzuschreiben. Startet das Gespräch hingegen gleich zu Beginn sehr positiv, wird der Bewerber fortlaufend besser bewertet.

Übrigens: Hier gibt's Tipps, wie dein erster Eindruck gelingt.

3. Wahrnehmungsfehler: Der Ähnlichkeits-Effekt

Wenn wir jemanden kennenlernen, der uns ähnlich ist, entwickeln wir unterbewusst sofort Sympathie für diesen Menschen. Wir sind dann weniger kritisch, verzeihen schneller und unterstellen ihm gute Absichten. Dieser "Ähnlichkeits-Effekt" ist weder gut, noch schlecht – aber trübt trotzdem die Objektivität. Suchst du einen Job, kann es gut sein, dass sich der Arbeitgeber bei gleichen Qualifikationen am Ende für jemanden entscheiden wird, der ähnliche Eigenschaften mitbringt. Zum Beispiel die gleiche Geburtsregion oder ein gleiches Hobby.

4. Der Kontrast-Effekt

Im Gegenteil zum "Ähnlichkeits-Effekt" geht es beim "Kontrast-Effekt" nicht um Ähnlichkeit, sondern um Gegensätzlichkeit. Dieser Beurteilungsfehler ist sehr komplex und tritt in unterschiedlichen Bereichen auf – zum Beispiel auf sozialer Ebene. Unser Urteil wird stark verändert, wenn wir im Gegenüber Gegensätze zu uns selbst wahrnehmen. Dadurch werten wir die Person entweder stark auf oder stark ab und verlieren so unsere Objektivität. Diese Gegensätze können zum Beispiel durch eine andere Sprache oder durch unterschiedliche Eigenschaften und Fähigkeiten aufkommen.

Der Kontrast-Effekt tritt aber auch im Marketing auf. Ist die Bluse von 80 auf 50 Euro reduziert, erscheint sie dir plötzlich viel interessanter, als wenn sie schon immer 50 Euro gekostet hätte. Dies wäre ein positiver Kontrast-Effekt: Durch den konträren Kontext bewerten wir das Produkt positiver.

5. Der Benjamin-Effekt

Wir trauen Personen, die noch über wenig Erfahrung verfügen, automatisch weniger zu – das besagt der "Benjamin-Effekt". Diesen Beurteilungsfehler erleben wir sowohl im Job als auch im Privatbereich. Hatte ein Dating-Kanditat noch keine lange Beziehung, werden wir skeptisch und trauen der Person weniger Beziehungsbereitschaft bzw. Beziehungskompetenz zu. Im Beruf verhält es sich ähnlich: Wer noch keine Berufserfahrung mitbringt, wird von Chefs meistens weniger ernst genommen – egal, wie gut die abgelieferten Ergebnisse sind.

Woher der Name kommt? "Unser Benjamin" ist eine umgangssprachliche Bezeichnung, mit der der jüngste Sohn in der Familie bezeichnet wird. Der Ausdruck hat eine biblische Herkunft: Im Alten Testament hatte Jakob 12 Söhne, von denen Benjamin der jüngste Sohn war. Daher spielt der Name "Benjamin-Effekt" auf ein junges Alter an, das Unerfahrenheit symbolisieren soll. 

6. Der Nikolaus-Effekt

Na, warst du dieses Jahr auch brav? Wenn sich der Nikolaus ankündigt, gibt‘s laut traditioneller Aussage die Rute oder ein Geschenk. Beim "Nikolaus-Effekt", auch Rezenzeffekt genannt, geht es (leider) nicht um Schokolade oder Weihnachten. Sondern darum, dass wir uns bei Beurteilungen oft auf den letzten Zeitraum beziehen und alles Vorherige außen vor lassen. Der Grund: Letzte Ereignisse sind uns besonders gut in Erinnerung. 

7. Der Pygmalion-Effekt

Wenn wir einmal ein Urteil getroffen haben, suchen wir nach Bestätigung zu dieser Annahme und blenden alles andere aus – das besagt der "Pygmalion-Effekt". Das heißt: Unser Gehirn drängt uns dazu, bei unserem Urteil zu bleiben. Das gilt übrigens auch für die Betrachtung unserer eigenen Persönlichkeit. Mit der Annahme "Ich werde einfach nicht respektiert" stoßen wir im Alltag plötzlich auf viele Situationen, die das anscheinend bestätigen – übersehen aber, wenn uns andere dann doch Respekt entgegenbringen. Beobachtungen, die nicht zum Urteil passen, fließen nicht in die Einschätzung ein. Und das macht uns unsachlich (und in diesem Beispiel unglücklich).

8. Wenn-Dann-Fehler

Dieser Beurteilungsfehler basiert auf erfahrungsbasierten Bewertungen. Wir glauben zum Beispiel, dass eine gut gekleidete Person auch sehr ordentlich ist. Streng genommen haben Aussehen und Ordnung nicht unmittelbar etwas miteinander zu tun – aber durch den "Wenn-Dann-Fehler" ist unsere Beurteilung nicht mehr ganz sachlich.

Wahrnehmungsfehler: Müssen wir uns damit abfinden?

Du siehst: In vielen Hinsichten denken wir nicht wirklich objektiv. Wir können zwar nichts dagegen tun, wie andere uns einschätzen und beurteilen. Aber wir selbst können uns die gängigen Beurteilungsfehler bewusst machen und gegensteuern.

Oft ist es uns schließlich gar nicht bewusst, dass wir auf den ersten Eindruck beharren (Primär-Effekt) oder uns auf eine gute Eigenschaft fixieren und alles andere ausblenden (Halo-Effekt). Mit dem Wissen über die Wahrnehmungsfehler können wir in vielen Situationen neutraler bleiben – und dadurch seltener verletzt, überrascht oder enttäuscht werden.

Innerhalb der Psychologie gibt es auch noch andere spannende Themen, die dich ebenfalls interessieren könnten. Kennst du zum Beispiel schon die Methode namens Myers-Briggs oder das OCEAN-Modell? Damit lässt sich der eigene Charakter analysieren!

Viele weitere spannende Themen rund um das Thema Persönlichkeit findest du auch in der BRIGITTE Community. Schau doch mal vorbei!


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